Rückkehr aus der Diaspora Natacha Atlas
Je mehr sich Natacha Atlas vom musikalischen Ausdruck des Transglobal Underground zu emanzipieren begann, desto eindeutiger wies diese Tendenz in Richtung Nordafrika. Drei Alben reichten der Sängerin aus, sich aus dem TGU World Beat/Dub-Konzept, wie es das Debüt „Diaspora“ noch geprägt hatte, zu lösen. Auf „Gedida“, ihrem gerade veröffentlichten dritten Werk, substituiert sie die Dub-Anleihen nun nahezu vollständig durch Sounds, für die unsere Vorstellungen von arabischer Popmusik greifen mögen. Es gibt Ausnahmen, die leider in ihrem zu deutlichen Buhlen um einen Kompromiß mit europäischen Rezeptionsgewohnheiten sehr bemüht wirken und das sonst stimmige Konzept des Albums aufbrechen. Man möchte ihr dies jedoch nicht zum Vorwurf machen. Natacha Atlas wollte und will sich neu orientieren, sich noch offener geben für ungewöhnliche musikalische Einflüsse wie den ägyptischen shaabi-Gesang („Malabeya“) und gleichzeitig das Traditionelle mit dem Neuen verwirken. Daß ihr die Umsetzung dieses wohlmeinenden Ansatzes noch nicht immer ganz gelingt („Bastet“), scheint ihr selbst dabei durchaus bewußt. Die in Belgien und Großbritannien aufgewachsene Künstlerin wird nun nach Kairo ziehen, wo sie sich schon während der letzten 5 Jahre zu immer ausgiebigeren Studien der dortigen Musiktradition aufgehalten hat. Auch das Nachfolgealbum zu „Gedida“ soll in Ägypten aufgenommen werden…
„Es ist ein kulturelles Ding. Ich habe eine Seite in mir, die ist sehr orientalisch. Ich möchte in Berührung mit dieser Seite bleiben. Außerdem war es höchste Zeit für einen Tapetenwechsel. Ich meine, es mag vielleicht nicht für immer sein. Laß es 3 Monate sein oder vier, vielleicht ein Jahr oder fünf. Ich weiß es noch nicht. Ich habe noch keine konkreten Pläne, außer dem, daß ich mein nächstes Album dort aufnehmen möchte. Mit einigen meiner besten Freunde. Außerdem möchte ich auch ein bißchen Chillen.“
PNG: Sieht man mal von diesem David Arnold Song ab, „One Brief Moment“, dann scheint die Musik auf „Gedida“ viel stärker auf den arabischen Markt zugeschnitten als die Vorgängeralben „Diaspora“ und „Halim“? Würdest du dies als Konsequenz deiner musikalischen Entwicklung bezeichnen oder darf ich das kalkuliert nennen?
Natacha: Einige Songs, „Malabeya“ zum Beispiel, oder „Mistaneek“, klingen natürlich sehr orientalisch. Der Grund aus dem ich „Mon Amie La Rose“ in französisch aufgenommen habe, war aber natürlich der französische Markt. Und ich bin mir sicher, das wird dort ein Hit. Das Album ist ja auch schon Top 20.
PNG: Ich denke, deine Fans in Frankreich sind aber zum großen Teil nordafrikanischer respektive arabischer Abstammung. Scheren die sich wirklich um einen französischen Song?
Natacha: Das tun sie tatsächlich. Und man darf dabei ja auch nicht außer Acht lassen, daß sich durch diesen Song vielleicht auch mehr Franzosen für die Musik zu interessieren beginnen. Es ist mir mit diesem Song auch ein Anliegen, den Spalt zwischen den ethnischen Gruppen ein wenig zu schließen.
PNG: Wenn ich „Gedida“ mit „Diaspora“ und „Halim“ vergleiche, dann meine ich, daß du dich musikalisch mehr und mehr aus dem Transglobal Underground gelöst hast, sozusagen, äh, wie sagt man, dich von ihrem musikalischen Konzept emanzipiert hast.
Natacha: Partiell ist das sicherlich treffend. Auf der anderen Seite, muß man natürlich feststellen, daß sich auch Transglobal von Transglobal emanzipiert haben. Denn zum Beispiel der Track „Kifaya“, das sehr klassische Stück am Ende des Albums, wurde musikalisch zu einem großen Anteil durch Tim von Transglobal Underground geschrieben. Ja, die meisten Leute sind sehr überrascht, wenn sie’s rausfinden. Momentan arbeitet er sogar mit einem sehr guten Freund von mir an einigen Songs für Hakim (?), einen der großen Stars dort unten. So, you see, haha, Transglobal have another side that not many people know about.
PNG: Musikalisch sticht auch der Track „The Righteous Path“ sehr aus dem Kontext des Albums hervor…
Natacha: Ja, ja. Das ist mehr Transglobals Idee. Das ist mein Tribut an Transglobal Underground, direkt aus der Schule für transglobale Musik.
PNG: Kannst du kurz den Weg rekapitulieren, der dich von deinem doch sehr düsteren, dubigem Debüt „Diaspora“ zu dem alles in allem viel frischeren und verspielteren „Gedida“ geführt hat?
Natacha: Ich hatte viel mehr Kontrolle über die Produktion des neuen Albums und habe es in diese Richtung gedrängt. Und ich habe auch viel mehr der Musik geschrieben. Aber eigentlich ist das alles irgendwie passiert. Da ist nichts, auf das ich jetzt mit dem Finger zeigen könnte.
PNG: Da ist dieser Track „Malabeya“ mit seinem doch irgendwie recht frivol wirkenden Stöhnen…
Natacha: Track mit was?
PNG: Na diesem, wie soll ich sagen, recht frivolen Gestöhne. „Malabeya“. Aah, aah, uuuh, ah…
Natacha: Hahaha, ja, das sind die Einflüsse aus der ägyptischen shaabi-Musik. Das ist dort so eine Art Pop-Musik. Die shaabi-Sängerinnen geben ab und an solche Töne von sich, hmm, ja doch, ist schon ziemlich provokant. Der Song an sich ist aber eher lustig und nicht ernst gemeint.
PNG: Provokativ. Darauf wollte ich ja auch eigentlich hinaus. Nach allem, was ich über die Radiostationen in den Golfstaaten und ihre prüde Normierung gelesen habe, könnte ich mir vorstellen, daß die dort Probleme mit diesem Song haben. An für sich sind diese Golfstaaten ja aber ein ziemlich wichtiger Markt für dich.
Natacha: Genau. Und weil die so strikt in den Golfstaaten sind, wird der Song auf der dortigen Albumversion auch nicht erscheinen. Zumindest nicht in dieser Version. „Basted“ wird ebenso nicht enthalten sein. Der enthält soziopolitische Statements, was dort nicht erwünscht ist.
PNG: Abgesehen von diesem kommerziell erzwungenen Kompromiß, wodurch den Leuten dort der arabische Rap und der Drum’n’Bass-Part von „Basted“ entgeht, scheint mir die Vermittlung zwischen Kulturen aber durchaus schon ein inhärenter Aspekt deiner Kunst zu sein.
Natacha: Ja
Nimrod
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