Deadly VR China Dolls - Die gefährlichen Protagonistinnen der Hongkong Filme INTRUDER, AN UNTOLD STORY 2 und HER NAME IS CAT
Die simplen Strukturen sind schon fast erschreckend. Die abschätzige Perspektive, die viele Hongkong-Filme auf die in Hongkong nicht gerade geliebten Einwanderer und Flüchtlinge vom Festland, sprich aus der Volksrepublik China, reflektierten, hat sich seit der Übergabe der ehemaligen Kronkolonie an das von Pseudo-Kommunisten regierte Völkergefüge China noch zusehends verdüstert. In Hongkong operierende Mainland-Gangs waren schon immer ein beliebtes Motiv des Neuen Hongkong Kinos gewesen, das bestens mit dem Integrationsbedürfnis der Chinesen in der Kronkolonie korrespondierte, indem das durch den kolonialen Status beeinträchtigte Nationalgefühl hofiert und sich dazu auch von den kultur- und identitätszersetzenden Einflüssen aus der kommunistisch pervertierten Volksrepublik distanziert wurde. Hoffnungsloser als Tsang Kan-Cheung in seinem INTRUDER kann man ein Situationsmodell nicht entwerfen.
Deadly VR China Dolls
Abends. Nachts? Draußen ist es bedrohlich dunkel. Im Haus plaudern zwei Frauen recht ungezwungen, bis eine sich offensichtlich recht spontan dazu entscheidet, der anderen auf recht drastische Art und Weise den Gar auszumachen. Es geht der Mörderin um die Papiere des Opfers, um ihre Identität. Die Tote ist Bürgerin Hongkongs. Und mit ein paar leichten kosmetischen Korrekturen aus dem Schminkkasten, sieht ihr die Mörderin fast zum Verwechseln ähnlich. Es ist ein Kinderspiel, die Grenzposten zu täuschen. Dann steht sie in den Straßen Hongkongs und versucht sich zu orientieren. Von einem Hotelzimmer aus telefoniert sie einen Katalog von Visitenkarten und Telefonnummer vermeintlicher Freunde ab, doch die - wahrscheinlich Freier, die in den grenznahen Orten der Volksrepublik China billigen Sex gesucht haben - geben allesamt vor, sie nicht zu kennen oder lassen sich verleumden. Auf dem Strich lernt sie einen Taxifahrer kennen. Er möchte mit ihr anbandeln, doch weiß er noch nicht, auf wen er sich da eingelassen hat. Ihr scheint er ein ideales Opfer. Allein wohnt er in einem sehr abgelegen Haus - sein einziger intensiverer sozialer Kontakt sind die sporadischen Besuche seiner Mutter, die auch die Erziehung der kleinen Tochter des hoffnungslosen Sohnes übernommen hat.
Nach einem von der Festlandsmörderin, die übrigens von der (nach „Beyond Hypothermia“ erneut) herrlich gegen ihr Zuckerpüppchen-Image besetzten Wu Chien Lien verkörpert wird, verursachten Unfall, ist der Taxifahrer durch gleich doppelten Beinbruch nicht gerade mobil, und das erleichtert es ihr ungemein, ihn zum Spielball ihrer so sinnlosen und nicht begründeten Folter und Erniedrigungen zu machen. Der Film entsetzt durch das Fehlen einer bis zum Finale nicht zugebilligten Antwort auf die Frage nach dem Warum für diese bis dahin ausschließlich in ihrem Selbstzweck begründeten Quälereien des Taxifahrers, die durch das emotionslose Auslöschen seiner Mutter und die geplante Ermordung seiner kleinen Tochter kontrastiert nur noch willkürlicher wirken. Daß da einfach noch mehr im Busch sein muß, wird dem Zuschauer lediglich durch die häufigen Telefonate vermittelt, die unsere erbarmungslose Protagonistin mit einem Mann führt, dem sie irgendwie hörig scheint. Dieser, so wird dann in Rückblenden erhellt, ist ihr Ehemann, der ebenfalls die Flucht aus der VR China plant.
Stück um Stück erfährt man auch die Hintergründe ihrer Flucht. Seit sich das Paar gegen eine Gruppe Vergewaltiger verteidigt und dabei ein Blutbad angerichtet hat, steht es auf der schwarzen Liste der Polizei, deren Hunde auch die Hände des Mannes zerfleischt haben. Eine direkte Beziehung zwischen der Unmenschlichkeit des Systems und den Monstern, die es erschafft, ist in INTRUDER nur allzu deutlich. Der Charakter Wu Chien Liens is made in China.
Der Titel „Eindringling“, der sich natürlich auf das Eindringen Wu Chien Liens in das Leben des Taxifahrers und die daraus folgenden fatalen Konsequenzen bezieht, wird so ohne große Probleme übertragbar auf den anhaltenden Flüchtlingsstrom aus China. Quasi werden Immigranten generell unlautere Motive für ihre Zureise unterstellt. Es wäre sicherlich voreilig, solche Bezüge auf das reale Image der Republikflüchtlinge an einem einzigen Film festzumachen, doch INTRUDER ist durchaus Teil eines Trends. Hongkong hat sich, trotzdem die Asienkrise inzwischen längst keine Schlagzeilen mehr macht, noch immer nicht von den Konsequenzen des ökonomischen Einbruchs erholt. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist katastrophal und der individuelle Raum des Einzelnen in der „Sonderzone“ Hongkong schrumpft kontinuierlich. Löhne fallen, Lebenskosten steigen und langsam aber beständig radiert die unter dem starken Einfluß Pekings stehende Regierung an den demokratischen Rechten, die den BürgerInnen Hongkongs erst wenige Jahre vor der Rückgabe der Kronkolonie an das Mutterland zugestanden wurden.
Die Stimmung ist nicht gut in Hongkong und es ist wahrlich zivilisatorische Tradition, in solchen Zeiten nach einem Sündenbock zu suchen. Die schlichten Immigranten aus der Volksrepublik, vor Jahren noch als tubaozi - als Landsäcke - von oben herab behandelt und verlacht, beginnen zu mutieren. Sie werden gefährlich.
Die Splatterexzesse, mit denen die aus der Volksrepublik zu Besuch gekommene Cousine des Kochs Cheung auf die anhaltenden Erniedrigungen durch die Hongkonger antwortet, müssen tieferliegende Ursachen haben. Für Hintergründiges interessiert sich das Sequel des berüchtigten Kategorie 3 Klassikers THE UNTOLD STORY allerdings genausowenig wie das Original. Das Gewicht liegt hier natürlich Splatter und dem in Hongkong wahrscheinlich noch immer mit einer Mischung von Schock und Belustigung rezipierten Verspeisen von Menschenfleisch durch Restaurantgäste, die natürlich nicht den leisesten Schimmer haben, was sie sich da zwischen die Kiefer schieben.
Schon bei der Ankunft der Cousine bekommt eine fette Schachtel es bitter zu bereuen, daß sie die junge Frau aufgrund ihrer Herkunft beleidigt hat. Die Konsequenzen sind für die Fette allerdings noch weniger drastisch als für die schnippische, arrogante Angetraute von Cheung, die ihrem Mann das Geld aus der Tasche zieht, um es dann gemeinsam mit ihrem Geliebten zu verprassen. Der leicht vertrottelte Cheung nimmt die Affären seiner Frau mehr oder minder hin, doch Cousinchen aus China steckt da weniger zurück. Die andauernden Schikanen, die sie von Cheungs Frau einstecken muß, ziehen schließlich fatale Folgen nach sich. Die Ehefrau wird zersägt und von dem seiner Natur entsprechend kuschenden Cheung auf deliziöseste Weise zubereitet. Die Gäste in seinem kleinen Restaurant sind äußert zufrieden. Nicht nur schmeckt das Fleisch besser als je zuvor, auch die neue Chefin ist viel beliebter als die bitchige Ehefrau, von der man sagt, sie sei zu ihrer Mutter in die Volksrepublik zurückgereist. Niemand stört sich wirklich daran, daß sie von ihrem Urlaub gar nicht wiederkehrt. Einzig einem befreundeten Cop (King of Sleaze Anthony Wong at the other side of the law) wird es zunehmend komisch, wie sich Cheung immer mehr entfremdet und die durchaus nette Cousine aus China den Laden zu übernehmen scheint. Als Cheung auch noch verschwindet, dringt er für nicht autorisierte Nachforschungen in die Wohnung Cheungs ein. Und findet den Koch auf dessen Bett genagelt. Dann hat er auch schon selbst ein Messer im Rücken…
Wie angedeutet hält sich der Film nicht in Rückblenden auf, um die Vorgeschichte der Cousine zu beleuchten. Der Zuschauer erlebt lediglich mit, wie aus der anfangs doch eher ruhig und schüchtern charakterisierten Frau eine obsessive Furie wird, die alles vernichtet, das sich zwischen sie und ihr eingebildetes Glück mit Cheung stellen will. Und sei es Cheung selbst. Er wird schon merken, daß er zu ihr gehört. Unerklärt läßt die kranke Psyche der Cousine nur den Rückschluß auf ihre chinesische Vergangenheit zu, wo die Ursachen im Privaten liegen, aber auch mit der politischen Situation in der VR korrelieren können. Implizit kann man in den Ursachen für das mentale Problem der Frau also wieder eine chinesische Spezifik festmachen.
Auch Cat, Titelheldin des wunderbaren Trashorama HER NAME IS CAT von Clarence Ford ist ein echtes product of the Peoples Republic of China. Die einst in der VR zur Personenschützerin ausgebildete Dame wurde von ihrem Mann und Partner betrogen und schwer verletzt, bevor er sich mit einem Haufen Geld und seiner Geliebten aus dem Staub gemacht hat. Cat arbeitet nun im Hongkonger Untergrund als Auftragskillerin. Ihre Verbindung zu den Auftraggebern ist eine lesbische Seniorkillerin. Parallelen zu Fords bereits unter zweifelhaftem Kult firmierendem Naked Killer von ‘92 sind da offensichtlich und werden Genrefreunden ein sleaziges Lächeln auf die Lippen zaubern. Und schließlich wäre auch Produzent und Drehbuchautor Wong Jing nicht Wong Jing, wenn er nicht zudem noch Elemente aus einem Film wie Beyond Hypothermia mitvermanschen würde. So gekonnt und sicher wie sich HER NAME IS CAT in seiner umwerfenden Ästhetik und seiner megacoolen Stylness präsentiert, ist die Handlung natürlich zusammengepappter Dreck. Aber: Die Action ballert, vorangetrieben durch einen hammerfetten Technoscore. Exzellent choreographierte Fights und Zeitlupen-Ballereien ergänzen sich mit diesen ach so wunderbar betörenden Elegien und auch erotischen Momenten, wie sie eigentlich nur in Hongkong auf Zelluloid gebannt werden.
Hier sei mal kurz eine Szene beschrieben, die eigentlich gesehen werden MUSS: Ein widerlicher Triadenboss beschimpft eine Puffmutter, weil sie angeblich nur häßliche Frauen für ihn tanzen habe. Er schlägt sie und droht mit vorgehaltener Waffe, sie vergewaltigen zu lassen. Dann wird er plötzlich herumgerissen und die nächste Einstellung ist der in schön kitschigen Farben ausgeleuchtete und von einer zuckersüßen Melodie untermalte Close Up voller, roter Lippen, die einen Kuß auf die Mündung seines Schießprügels hauchen. Zum Heulen schön und natürlich in Slow Motion. Cat. Selbstverfreilich endet die Begegnung tödlich für den Gangster.
Nicht unähnlich des Chow Yun Fat Charakters in The Killer, ist Cat aber eine Auftragsmörderin mit einer guten Spur Gewissen, und Wong/Ford sind auch von Anfang an bemüht, Sympathien für die Frau und ihre Geschichte beim Zuschauer zu wecken - ganz entgegengesetzt der Intentionen von Tsang Kan-Cheung und UNTOLD STORY 2 Regisseur Ng Yiu-Kuen (der allerdings auch auf das Konto des Fließbandproduzenten Wong Jing geht). In einer Ballerei rettet sie das Leben der kleinen Tochter eines Polizisten, der fasziniert von der Unbekannten, doch mit dem Wissen, daß sie eine Killerin ist, die Ermittlungen gegen sie leitet. Er darf sich dann in sie verlieben und sie in ihn, was an für sich beneidenswert ist, aber den Polizisten ( gespielt übrigens vom immer noch unerträglichen Michael Wong) in eine Gewissenskrise stürzt und zudem das Mißtrauen seiner Kollegen und Vorgesetzen hervorruft. Zu diesem Konflikt gesellen sich Cats Ex-Mann und dessen gegenwärtige Partnerin und Geliebte, die - dem Image des Mainland Killer wieder ausgezeichnet entsprechend - emotionslos, ja fast cyborglike töten und auf die abtrünnige Cat angesetzt sind.
So sehr die Erklärungen für die anscheinend präferierte Inszenierung von Nicht-Hongkongern und darunter ganz besonders den Festlandschinesen als gewissenlose Mörder in einer wachsenden Anzahl von Actionfilmen der postkolonialen Ära auf der Hand zu liegen scheinen, betreten wir mit der Suche nach der Antwort auf die Frage, warum diese Mensch-Bestien wie in den drei genannten Fällen in Frauenkörpern stecken, ein psychologisches und genderpolitisches Terrain, auf dem ich mich mit Interpretationen ganz ehrlich gesagt etwas schwer tue. Liegt für die noch viel stärker in den alten und zudem konfuzianisch untermauerten Genderkategorien verhaftete Gesellschaft Hongkongs noch ein ganz besonderes Schockpotential darin, daß die Mörderinnen augenscheinlich normale Frauen sind, gegen die ihre - sich so dominant fühlenden - männliche Gegenstücke nicht den Hauch einer Chance haben? Spielen hier also männliche Filmemacher mit den Urängsten ihrer fast ausschließlich männlichen Zuschauer? Auch wenn die fixierten Geschlechterrollen unter der Jugend Hongkongs längst nicht mehr so eine Bedeutung haben wie in ihrer Elterngeneration und Filmproduzenten zu absolut gleichen Teilen auf eine männliche und weibliche Zuschauerklientel spekulieren können, gibt es sie natürlich - die typischen Männerfilme. Natürlich ist diese Kategorie schon ein Klischee für sich, aber ich denke, wir wissen dennoch, wovon ich rede. Und wir wissen, daß insbesondere HER NAME IS CAT und THE UNTOLD STORY 2 ganz sicher dazu zählen. Obwohl auch meine Freundin sagt, daß sie auf die Scheiße steht. So wie sich das gehört.
Nimrod
Post a Comment