Die Suche nach dem kleinen Unterschied Tilt

Es ist schon seltsam, manchmal. Da liebt man eine Band, findet das voll großartig, was die machen, aber einen Artilkel über die schreiben - das kriegt man nicht auf die Reihe. Ein weiteres Kapitel in diesem verstörenden Gegensatz ist nun abgehakt. Ich habe mit Cinder Block gesprochen. Über TILT natürlich, über Heuchelei im Punk-Rock-Mikrosmos und im Großen und Ganzen, darüber wie selbst Punkrock ihre Körper verkauft und über Körper verkauft, über rechte Männer und Frauenrechte. Und so vieles, vieles mehr.

Prolog.
Sommer 1995. Oktober.
Oktoberhitze. Nicht wundern. Die Sommer dauern hier ein wenig länger. Sie sind auch heißer. Der Ventilator rotiert an der Zimmerdecke, so schnell, daß seine Flügel nicht mehr zu erkennen sind. Darunter sitzen James Chow und ich. Wir schwitzen. Trotzdem. Eigentlich sind die Sommer hier unerträglich, so heiß und schwül, daß einem der Schweiß ohne die geringste Bewegung aus den Poren trieft. Und dann wird es kalt. Und neblig. Von einem auf den anderen Tag. Auch das ist eigentlich unerträglich. So richtig wissen wir wahrscheinlich beide nicht, was uns hier hin verschlagen hat. Aber irgendwie ist das wohl cool. Wir sind cool. „Beer?“ „Sure!“ Chow steht auf und geht zum Kühlschrank. Und kommt mit einer Flasche Bier zurück. Die Flaschen hier sind größer, das Bier beschissener. Irgendwann gewöhnt man sich an alles. Wir sind cool. Alles ist cool. Chow schenkt Bier nach und ich stopfe Hanfblüten in die Hülle einer billigen Zigarette. Das macht man hier so. Schachtel Zigaretten für 20 Pfennige, dann den Lumpentabak rauskratzen und Marihuana rein, das Ganze immer bei sich tragen. Klack. …Tape zuende. Chow steht auf und geht zum Kassettenrekorder. Er wendet die Kassette. Eigentlich haben wir das Tape in diesem Sommer immer nur gewendet. Nun gut, vielleicht nicht immer, aber fast immer. An gute Musik ist hier nicht so leicht heranzukommen. Mutter hat mir ein paar CD’s geschickt. James bekommt ab und an Tapes von einem Kumpel aus den Staaten. Dieses Tape ist besonders cool. Warum sonst sollten wir es auch immer wieder wenden, fast immer. Wir sind cool. Und Rancid, die wissen genau, was wir wollen. Auf dem letzten Stückchen Band sind drei Songs einer weiteren kalifornischen Band…
Teil 1.
Die Suche nach dem kleinen Unterschied
„Es sieht aus wie Punk, läuft wie Punk, aber es redet nicht wie Punk. Die Musik, die gegenwärtig so populär ist und als Punk verkauft wird, ist inhaltsleer. Lediglich die Hülle vermittelt die Illusion von Punk. Und die Kids gehen drauf ab.“
Damals überzeugten mich Tilt mit einem Sound, der sich gar nicht so leicht dem westkalifornischen Punkkontext zuordnen ließ. Damals - mein Gott, das hört sich an als wäre es ein halbes Leben her. Und wenn man mal intensiver darüber nachdenkt, stimmt das sogar. Die Leben rasen dahin und es ist schön, wenn nicht lebenswichtig, daß einem ab und an die Konstanten wieder bewußt werden. Tilt haben sich kaum verändert. Sie bratzen wie auf dem durchgedudelten Tape aus dem Sommer 95, Cinder schreit sich ihre Seele aus dem Hals und das alles hat - trotzdem die Band in eben diesem Schicksaljahre 1995 auf Fatwreck gelandet ist - nichts an seiner eigenständigen Intensität verloren. Ich finde das beachtlich. Wie viele Bands stechen schon musikalisch aus dem Fatwreck-Unisound?
„Hey, wir sind Freigeister. Freigeister und Rebellen. Und wir haben kein Problem damit, uns gegen ein Genre zu stellen, das zeitweilig dominant und populär ist. Die meisten Bands hier haben eben das typische Melody-Core Ding laufen, die benutzen alle diesen typischen Beat, diese typischen Gitarrenlinien, die fast wie ein Stimme klingen. Und all diese jungen Bands adaptieren einfach diesen Stil, viel eher als etwas aus sich heraus zu kreieren. Viel eher, als ihre Songideen den Stil diktieren zu lassen, lassen sie sich durch den Stil diktieren. Und das ist genau das, was wir von Beginn an vermieden haben. Kann sein, daß sich das jetzt total bescheuert anhört: aber ich sehe mich eher als Künstlerin. Nicht als Musikerin. Und auch Jeffrey behauptet immer von sich: „Ich bin kein Musiker, ich spiele nur Gitarre.“ Jeffrey und ich sind ja schon etwas älter und so ist auch die Art wie wir Songs schreiben in gewissem Maße Old School. Als wir zum Punkrock kamen, waren wir durch die Idee angezogen, daß man gar nicht wissen mußte, wie man ein Instrument zu spielen hat. Ich will dir jetzt nicht den falschen Eindruck vermitteln, wir verträten hier irgendeinen dämlichen Kunstanspruch. Im Gegenteil, wir sind wahrscheinlich nur unheimlich blöd. Was den musikalischen Anspruch betrifft, sind wir wirklich ganz schön unterbelichtet.“ Was man gar nicht ridikulieren muß. Mir geht diese ganze Sophistication, dieses Frickeln, dieses Arrangieren, ganz schön auf den Zeiger. Wenn Musik zum Podium technischer Fähigkeiten wird, dann entsteht da viel zu oft ein für manche Schöngeister zwar unheimlich faszinierendes, letztlich aber doch höchst fragiles Etwas, das sofort in sich zusammenfällt, sobald man versucht, Emotionen darüber zu transportieren. Das ist Kunst. Prahlerische Ich-Verkleidung. Ein nach subjektiven Kriterien als schick oder schrecklich daneben definiertes Kleidungsstück, das das Wesentliche verschleiern soll. Man gibt sich nicht preis, im Gegenteil, man schafft Nebensächliches, um von seinem wahren Ich abzulenken - weil man das Verwirren mag oder weil man schrecklich introvertiert ist. Mit Künstlern kann man sich nicht unterhalten. Künstler kann man nicht ficken. Künstler kann man nicht lieben. Man bekommt immer nur einen Teil des Menschen, und niemals die Gewähr, daß nicht selbst dieser Teil schon wieder Kunst ist. Laßt Euch durch Cinders Formulierung deshalb nicht verwirren. Tilt sind jenseits von Kunst. Tilt sind der real deal. Und Tilt sind noch viel mehr. Tilt are the true genuine spirit of the early days. Ich erinnere mich, sehr erstaunt gewesen zu sein, als ich irgendwann herausfand, daß es sich bei der Band nicht um ZeitgenossInnen der Avengers, Alley Cats, Deadbeats oder X handelte, sondern um eine relativ junge Band. Tilt broke at the East Bay in 1992, zu einem Zeitpunkt also, noch bevor der typische Sound einiger ortsansässiger Bands wie NoFX, No Use For A Name oder The Offspring ein verfluchter Hype werden sollte. Tatsächlich klangen ja selbst diese Bands zu diesem Zeitpunkt noch alle recht eigenständig. Die Homogenisierung kam mit dem Erfolg. Epitaph und Fatwreck und hunderte dummer kleiner Bands, die plötzlich das Geld rochen und auf ihren Anteil hofften, wenn, ja, wenn sie nur so geil klingen würden wie die Großen. Tilt sind die Suche nach dem Super-Singalong niemals angetreten, catchy mehrstimmige Refrains wollten sie genausowenig wie tolle Gitarrensoli. Tilt haben niemals gesucht. Sie wußten von Anfang an, was sie wollten. Und warum sie es wollten. Deshalb sind sie so wunderbar konstant. Das wiederum erklärt sich auch aus den Ausführungen Cinders. Sie sind einfach keine MusikerInnen, Musik hat viel weniger Selbstzweck als mediale Funktion. Tilt haben dieses Medium schon gemeistert bevor sie es tatsächlich beherrscht haben. Aber es funktionierte. Und es funktioniert. Ein Bedarf an gravierenden Alternanzen hat niemals bestanden.
Teil 2
Frau und Punk. Pussies on guitars?
„Fast alle Frauen, die heute im Rock’n’Roll eine gewisse Popularität genießen, verkaufen sich selbst über ihre Sexualität. Ich nenne dies nun gar nicht bahnbrechend. Das bringt die Emanzipation überhaupt nicht voran.“
Mag sich das Geschlechterverhältnis im Musikgeschäft - und damit meine ich vor und hinter den Bühnen - auch langsam ausgleichen, bestimmte Subbereiche scheinen davon bisher immer noch wenig affektiert. Entgegen den progressiv-emanzipatorischen Postulaten vieler Polit-Punk und Hardcore Bands ist gerade deren Sektor extrem männerdominiert. Über Ursachen spekuliert Glynis Hull-Rochelle in ihrem Beitrag für Beth Lahickeys Buch „All Ages. Reflections on Straight Edge“: „Girl bands, by the way, had to work ten times as hard to get half the recognition. They had to be that much more clever and entertaining. And they had to be musically gifted or be immediately disregarded. Well, in any event, there were no straight edge girl bands.(…) You see, it’s rare that someone tells girls how fun it is to have an independent hobby, one that doesn’t involve nurturing, like playing a musical instrument or working on a methodical challenging task. No one tells girls that diligence of this type, systematic learning, is stimulating to the mind, the soul, the ego. No one tells girls how incredibly exciting it is to be external creators. Boys are told this all there lives, and they are encouraged to act on it.“ (p. 75) Aus dieser Aussage läßt sich sicherlich keine Spezifik für den Punkrock lesen, es ist aber zu berücksichtigen, daß diese Meinung vor allem auf Wahrnehmungen in eben diesem subkulturellen Zusammenhang beruht. Der Schlüssel für die Unterrepräsentiertheit von Frauen im Punk ist - wie es auch Hull-Rochelle festellt - vor allem bei den unterschiedlichen Paradigmen in der Erziehung von Jungs und Mädchen zu suchen. Noch nicht lange treten Frauen in Domänen, die vielen Männern bisher als ihre Festungen galten - Punkrock ist auch eine davon. Und wenn wundert es da, daß diese Eindringlinge kritischer beäugt werden, als die Geschlechtsgenossen, mit denen man seit Männergedenken in Wettstreit steht. Die Zahl der Frauen, die aus ihrer patriarchalisch fixierten sozialen Rolle ausbrechen und Männer auf ihrem eigenen Terrain herausfordern, ist wachsend aber noch gering. Sie kehren sich ab von der passiven Rolle der Bewunderin und des fleischgewordenen Pokals und beanspruchen eben solche Pokale und die gleiche Bewunderung und Akzeptanz nun auch für sich. Da beginnt ein ganzes, ewiges System sich aufzulösen. Geschlechterrollen und damit ein Stützpfeiler der bestehenden Ordnung, des Status Quo, werden hinterfragt und erscheinen zunehmend als verstaubte Relikte vergangener Epochen. Und all die, die sich mit diesem bisherigen Status Quo arrangiert haben, sind mehr oder weniger offene Gegner und natürlich auch Gegnerinnen seiner Ablösung. Vielleicht erklärt sich hieraus auch das starke Konkurenzdenken von Frauen, die es in diesem System auf eine bedeutende und oder exponierte Position geschafft haben, gegenüber anderen Frauen, die für sich die gleichen Rechte beanspruchen (Pussies on Decks, PNG 40).
Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß Frauen innerhalb bestimmter Subkulturen durch ihre ausgesprochene Minderzahl eine Exotenbonus bekommen. Zugestanden von Männern. Das funktioniert aber eben nur so lange, wie sie die etablierten Genderstereotypen dennoch mehr oder weniger bedienen. Davon profitieren nicht nur Rapperinnen wie Foxy Brown und Lil’ Kim, die ihre Musik zu einem erheblichen Teil über ihr Geschlecht und ihre körperlichen Reize verkaufen, sondern auch Frauenbands wie Rockbitch und Pop Tarts, die erst gar nicht den Versuch unternehmen, sich über ihre Musik zu profilieren. Das mag zunächst sehr klever wirken, immerhin schlagen sie die Männer ja mit ihren eigenen Waffen, können für sich gewinnbringend ausnutzen, daß die Männer aufgrund der Gier nach anderen Reizen tolerieren, was sie auf der Bühnen und auf Tonträgern musikalisch nicht bieten. Auf der anderen Seite kreieren auch sie mit an einer pejorativen Perspektive auf Frauenbands. Motto: Natürlich können Frauen auf die Bühne, aber ich bitte euch, doch nicht um ein Instrument zu spielen. Frauen sind durchaus erwünscht, sie müssen sich nur in die vorprojezierte Rolle fügen. Auch Aussagen wie die folgenden mögen dies bestätigen: „ Die [amerikanischen GI’s in Kassel] fanden das alle supergeil irgendwie. Nach dem Motto: ‘Look at the cutie here…’ Da war eigentlich immer viel Love dabei….“ - die Rapperin Brixx in PNG 42 über den Beginn ihrer Laufbahn - oder wieder bei Hull-Rochelle: „In most scenes, lesbians were particularly anathema, even though nobody would admit their homophobia.(…)One word about feminism or powerful women, and the room got quiet. It was difficult for hard boys to handle. (…) Had I ever said so much as one hundreth about women’s rights or feminism as these boys said about straight edge, I would have been burned at the stake as a castrating dyke witch bitch.“
Cinder Block - um endlich wieder den Bogen zu bekommen - glaubt jedoch nicht, daß ihr Geschlecht zur Aufmerksamkeit für Tilt addiert hat. Aber vielleicht ist dieses Denken ja auch schon wieder syptomatisch für weibliche Exponenten. Andererseits: vielleicht reden wir uns in der PNG seit mehreren Ausgaben die Köpfe heiß über ein Thema, das wir vielleicht noch erlebt zu haben glauben, machen uns diskussionsfreudig und als besserwisserisch - beziehungsweise verbiestert - stigmatisiert zu Anwälten von diskriminierten Frauen, die unsere Plädoyers gar nicht mehr nachvollziehen können. Die hier zitierten Statements von Hull-Rochelle beruhen ebenfalls auf nun mehr als 10 Jahre zurückliegenden Wahrnehmungen. Cinder glaubt, daß Diskriminierung, wenn auch oft nicht unmittelbar spürbar, trotzdem subtil (aber strukturenübergreifend) an derTagesordnung ist. „Ich bin nicht der Typ Frau, der sich ständig darüber Gedanken macht, ob sie nun gerade diskriminiert worden ist oder nicht. Ich ziehe mein Ding einfach durch und schere mich einen Dreck darum, ob die Leute es mögen oder auch warum sie es mögen. Manchmal, unter bestimmten Gesichtspunkten fühle ich mich aber dennoch behindert durch die gesellschaftlichen Umstände, aufgrund meines Geschlechts. (…) Ich denke, daß weder ich noch meine Art zu singen den gleichen Effekt auf die Typen hat, die sich zum Beispiel von Gwen Stefanie angezogen fühlen. Gwen hat eine sehr schöne, sehr feminine Stimme. Es wird natürlich viel Gewese um diese hübschen, blonden Mädchen gemacht. Süß, sexy und mit diesen lieblichen Stimmen. Und in gewissem Maße verkaufen sie natürlich ihre Sexualität. Ich kann das nicht - ich bin nicht sexy genug. Ich möchte aber, daß die Frauen stolz auf ihre Körper sind, egal wie sie ausschauen. Ich sah da letztens dieses Punker-Mädel in der East Bay. Sie hatte einen ziemlichen Bauch, aber trug dennoch dieses bauchfreie Teil. Ich dachte: großartig. Selbst ich bin nicht so selbstsicher wie sie es ist. Ich wünschte, ich wär’s. Der gängige Schönheitsstandard gerade hier bei uns in den USA tendiert zu krankhaft dünnen Frauen mit riesigen Brüsten. Willst du meine Theorie dazu hören? Diese Ideale sind vorgezeichnet von Modedesignern, die auf magere, minderjährige Jungens stehen und sich gleichzeitig nach den Titten ihrer Mutter sehnen. Nun, wie auch immer, ich jedenfalls bin nicht süß genug, nicht mehr so jung und meine Stimme ist bestimmt nicht lieblich. Dafür habe ich natürlich andere Qualitäten. Ich arbeite sehr hart an meinen Texten, entwerfe Geschichten, Charaktere und Szenarios in einem beinahe schon theatr(al)ischen Stil.“
Einer dieser Charaktere, den Cinder für das neue Album „Viewers Like You“ erschaffen hat, ist Annie Segall. Die Protagonistin des gleichnamigen Openers verschmilzt autobiographische Züge mit der tragischen Geschichte der Bibliothekarin Annie Segall, die während des Viktorianischen Zeitalters (1877-1901) in New York lebte. „Annie Segall sprach 10 Sprachen - zu klug für eine Frau ihres Zeitalters. Ihre Eltern wußten nicht so recht, was sie mit ihr anfangen sollten und verheirateten sie an einen Farmer, der gerade in den Westen siedelte. Sie mußte alles zurücklassen, ihren Job, ihre Bücher und ist dann im Zug nach Westen wahnsinnig geworden. Die Leute erzählten noch lange von ihr, wie sie den Bahnhof auf und ab lief und in den ganzen fremden Sprachen redete. Das ist nur ein Teil der Einflüsse für diesen Song. Ich hatte diesen immer wiederkehrenden Traum von einer Frau- ebenfalls aus dem Viktorianischen Zeitalter - die in einem Irrenhaus weggeschlossen wird. Auch über andere Fälle von Mißhandlung von Frauen während dieser Epoche habe ich gelesen. Zum Beispiel, wurde der Sexualdrang einer Frau als etwas Widernatürliches empfunden und mit ruhigstellenden Medikamenten behandelt. Viele Frauen wurden schlicht wahnsinnig, weil sie in diesen strikten Regeln gefangen waren [Siehe Coverartwork]. Und so etwas ist bis in die 60er Jahre praktiziert worden.“ Die Übergänge sind also fließend, die Bezüge des „Annie Segall“-Szenarios auf die Gegenwart offensichtlich und in ihrer Metaphorik von Cinder intendiert. „Die Geschichte „Annie Segall“ spielt in der Viktorianischen Epoche und ich benutze die rigiden Kleiderkodizes - Korsetts und Schnüren - für Frauen in dieser Zeit als Metapher - sie waren eingeschnürt in ihre Kleidung. Und so richtig locker sind diese Schnüren ja immer noch nicht.“
Teil 3
Die Brutkästen des Klans
Oh honey look at him he’s learned to sieg heil
Hand me down the sewing pins I need to hem his veil
And then I’ll starch his pointy hat oh he’ll be quite a sight
In his first white bed sheet suit at the klan rally tonight
Mama’s little man is a member of the klan
He’ll goosestep ‘round a burnin’ cross and kick you in the shin
Mama’s little man is a member of the klan
Sucking on a lollypop with Mein Kampf in his hand
(…)
It don’t occur to me that I aint got no teeth
And my little golden boy is as inbred as can be
And in a nazi state we would be on the slate
Among the first to execute and then incinerate
aus Mama’s Little Man, Tilt 1999
Ihr könnt mich jetzt gern für total bescheuert erklären und mir würden so schnell nicht einmal überzeugende Gegenargumente einfallen, aber ich mag diese Talkshows. Manchmal verbringe ich ganze Nachmittage mit Birte, Bärbel und Andreas. Vielleicht macht es Spaß, Vorurteile verifiziert zu bekommen, zu sehen, daß andere Zeitgenossen noch viel dümmer sind als man selbst oder anderer Leute Elend mit dem eigenen beschissenen, kleinen Leben zu vergleichen und wieder einmal festzustellen, wie fein man doch eigentlich raus ist. Und - ob der dargebotenen zwischenmenschlichen Apokalypsen und riesengroßen Peinlichkeiten - immer wieder die Frage: was treibt Leute in diese Sendungen? Das mickrige Honorar, die Publizität, die pure Niedertracht, jemand tierisch in die Pfanne zu hauen? Unbeeinträchtigt von dieser noch immer offenen Frage, bleibt der unglaubliche Unterhaltungswert - selbst nachdem nun in Folge der Etablierung der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) uns solche Hammerthemen wie „Andreas, glaub mir. Satan ist der wahre Gott“ vorenthalten bleiben. So lange aber Typen wie Christian Rahbari in der Call-In-Show „Auf Draht“ via TV Berlin ihr Unwesen im Fernsehen treiben dürfen, besteht sogar noch Hoffnung auf ein deutsches Äquivalent zur Jerry Springer Show. Mit Jerry Springer haben wir dann auch die Überleitung zu diesem, unserem dritten Kapitel gefunden, und euch wird dieser Umweg über die Talkshows sogleich einleuchten. Springer und seine Redaktion, bekannt für Hate-TV auf niederträchtigstem Niveau und durch die pikante Themenwahl eines nicht versickernden Zustroms an solchen Talkgästen gewiß, die der Mecklenburg-Vorpommersche CDU-Mann Bernd Seite wohl meinte, als er vom „sozialen Bodensatz“ sprach und damit - dieser gemeine Sack - auch einen IQ auf ungefährer Höhe des Meeresspiegels implizierte, hatten mal wieder zu einer ganz besonderen Argumenteschlacht geladen: I’m a Breeder for the Klan.
„Da saßen all diese heruntergekommenen Frauen und sahen in ihren Männer ganz feine Beispiele für die arische Rasse. Sie tun, was immer die sagen und ihr Zweck sei es, so viele gesunde arische Kinder wie möglich zu gebären. Und dann zeigten sie stolz ihre Fotos von den Kleinen mit Hitlergruß und in weißen Kapuzen. Ich war so wütend - warum züchten die solche kleinen Hassaffen? Im selben Moment entbehrte das Ganze natürlich nicht einer gewissen Komik.“ „Karrikiere das Böse und du nimmst ihm die Macht“, erklärt Cinder den Hintergrund des Songs „Mama’s Little Man“, der textlich und in seinem squaredanceanimierenden Südstaatenrhythmus deutlich aus dem Album heraussticht, und verweist auf Brecht. Ich erinnere mich noch allzugut an eine Bärbel Schäfer Show, wo unter dem Motto „Ausländer trifft Rassist“ ein paar Faschos in ihrer unglaublichen Dummheit und ihrem mangelnden Artikulationsvermögen an sich selbst und an den anderen (ausländischen) Studiogästen grandios zu Grunde gingen. Es war ein Vergnügen, das mit anzusehen. Diese Faschos, was für Deppen. Ein paar Tage später las ich in einer Kurzmeldung, daß eine Gruppe jugendlicher Deutscher im brandenburgischen Eberswalde eine Dönerbude überfallen und niedergebrannt und den Besitzer lebensgefährlich verletzt hatte. Satire mag manchmal das einzige noch angebrachte Mittel sein, um Macht durch ihre Ridikulierung wenigstens eines Teils ihrer Kraft zu berauben. Leider aber ist sie kein Allheilmittel. Ob man auch über den Faschisten gelacht hat, der vor einigen Wochen in dieses jüdische Zentrum in L.A. gestürmt ist und aus seiner Maschinenpistole um sich geballert hat - mehrere Schwerverletzte zurücklassend? Und im Hintergrund dieser gewaltbereiten Handlanger agieren eben immer noch Typen, deren Geistesgesundheit man sicherlich anzweifeln kann, ihre Intelligenz aber nicht gleichzeitig unterschätzen sollte. Satire, wenn sich der Widerstand darauf beschränkt, bleibt in meinen Augen ein zweischneidiges Schwert - wenn man nicht achtgibt, kann man sich auch selbst verletzen. Welches Mittel angebracht ist, wird wohl weiterhin offene Streitfrage bleiben, denn hätte schon jemand die ideale Lösung parat, gäbe es wohl keine Rassisten mehr. Cinder hat es einmal mit Lyrik versucht, das hat geholfen - für die Dauer eines Konzertes, auf dem eine Horde Naziskins aufgetaucht war und Stress machte. Tatsächlich aber wird es immer schlimmer, so daß diese Problematik selbst in den USA inzwischen in die Mainstream-Kultur diffundiert. American History X. „Ja, es wird tatsächlich immer schlimmer. Besonders in Südkalifornien.“ Und in Deutschland braucht man nicht einmal mehr über den Tellerrand der Hardcore-Szene zu schauen. Ich rede jetzt nicht von Assi-Punks, die meinen sich aus Respekt vor Sid Vicious ein Hakenkreuz an die abgewetzte Lederjacke baumeln zu müssen, sondern von fitneßstudiogestählten Bimbos mit „Hardcore-Germany“ - und Wikinger-Tatoos in Schwarz-Weiß-Rot über ihren Männermuskeln, die zu sehen ich auf einigen Hardcorekonzerten in der letzten Zeit das ausgesprochene Mißvergnügen hatte. Es wird nur noch schlimmer. Wunderbare Konstanten - und eben dies sind Tilt wie erwähnt für mich - lernt man da mit jedem Album mehr schätzen.

Nimrod

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