” … to live and let live” Damnation A.D.

Natürlich hat es sie schon immer gegeben - die Fusion von Hardcore und Metal. Schon Urgestein wie Agnostic Front, Crumbsuckers oder Cro-Mags versetzten ihren Hardcore mit metallischen Elementen. Und nicht zuletzt wurde bereits in den frühen Achtzigern für Bands wie D.R.I., S.O.D. oder M.O.D. der Begriff des Crossovers geprägt, der für nichts anderes Synonym stand, als für die Verschmelzung von Punk/HC und Metal. Doch erst im Zuge der Entwicklung der New School sollten beiden Komponenten auch innerhalb der sich als Hardcore definierenden Szene in musikalischer Hinsicht einen ebenbürtigen Status bekommen. Dies aber war auch ein wechselseitiger Prozeß: zum etwa gleichen Zeitpunkt, da sich im Hardcore die New School zu etablieren begann, öffnete sich auch die Metalszene für Impulse aus dem Hardcore. Diese Synthese, für die hier stellvertretend Pantera (ab „Vulgar Display of Power“) und Machine Head zu nennen wären, wurde fortan häufig mit New Metal umschrieben. Während der New Metal sich auch zunehmend über die Adaption von Hardcore-Images in Lyrics und Attitüde einen Distinktionsgewinn gegenüber den anderen Subgenres des Metal verschaffte, ließ sich die New School zunächst wenig von den Images des Metal affektieren. Nun zum Ausklang der Neunziger sieht die Sache aber anders aus. Nicht nur kippen immer mehr New School-Formationen ihren Sound immer stärker in Richtung Metal, es kommt auch in ästhetischer Hinsicht - vom Logo über das Cover bis hin zu den Lyrics - zu einer zunehmenden Assoziation an das Metalgenre, oft so weit, daß eine Demarkationslinie unmöglich und auch unsinnig wird ( z.B. All Out War). In einer Erklärung dieses Trends versucht sich Mike McTernan, Sänger der New Schooler Damnation A.D., deren zweiter Longplayer „Kingdom of Lost Souls“, als überaus gelungene Fusion aus Metal und Hardcore, alles überrollt, was glaubt, es mit ihm aufnehmen zu können. Martialisch, kompromisslos, hart - welcher Sound könnte adäquater sein, die Doomsday-Stimmung, die Bestandteil der Ästhetik so vieler New School-Formationen geworden ist, zu transportieren. Blame all on the pre-milleniums tension? Mike kann dies weder bestätigen noch widerlegen, unsere Interpretationsansätze sind grundverschieden.

„Für so lange Zeit gab sich die Hardcore-Szene gegenüber ihrem Umfeld abgeschottet, nun öffnet sie sich über Bands wie Earth Crisis, die auf einem größeren Label sind [Roadrunner - der Verf.], oder V.O.D einem größeren Spektrum von Jugendlichen, z.B. für Metalkids. Macht das Sinn? Ich denke, das alles hat es schon mal gegeben. Es ist nur deshalb, weil die Hardcore-Szene so lange nach innen gewandt war, daß die Leute jetzt dieser Öffnung so viel Aufmerksamkeit schenken. Lange Zeit bezog man sich nur auf sich selbst, alles hörte sich absolut gleich an, und nun, da einige Bands damit beginnen, verschiedene Sachen auszuprobieren, erscheint es vielen, als wäre es ein großes Ding. Einige Leute möchten unsere Musik auch nicht mehr als Hardcore kategorisieren, denn unter diesem Begriff verstehen sie Bands wie Youth of Today oder Chain of Strength, dennoch liegen unsere Wurzeln natürlich im Hardcore, in dem was ich unter Hardcore verstehe: Cro-Mags und Agnostic Front.“ Sicher wäre es auch sehr interessant zu erfahren, wo Ken Olden seine Wurzeln definiert. Der Gitarrist, der für sämtliche Songs auf „Kingdom of Lost Souls“ verantwortlich zeichnet, gehört bekanntlich ebenso zu den tragenden Kräften von Battery und Better Than A Thousand - zwei Bands also, die sich mit ihrem Old School-Sound innerhalb der Hardcore-Grenzen nicht entfernter von Damnation A.D. positionieren könnten. Sind Damnation A.D. ein Ventil für Olden oder sieht er hier sogar seine Prioritäten? „Als Ken und ich noch hunderprozentig hardcore waren, hatten Bands wie Youth of Today und Judge einen enormen Einfluß auf die ganze Szene und beeinflußten auch den Sound von Battery und Better Than a Thousand. Natürlich hört Ken diese Bands aus den alten Tagen noch, und das ist der Grund, warum er noch Songs für Battery schreiben kann, doch sein Geschmack hat sich extrem erweitert. Hier bekommt er variierende Einflüsse, die er dann in Damnation A.D. verarbeitet. Wenn sich jemand seine CD-Sammlung ansehen würde, wäre er wohl extrem überrascht, dort Portishead neben Entombed, Tindersticks neben The Cure und Depeche Mode stehen zu sehen.“
Durch ihre ausgedehnten Touren mit Bands wie Earth Crisis und Battery werden auch Damnation A.D. von vielen in das Straight Edge Lager geordnet. Über ihre Lyrics aber, die ganz ohne die fraktionsimmanenten Plattitüden auskommen, kann man diesen Eindruck nur schwer verifizieren. „Ken und ich sind zwar beide Straight Edge, doch Damnation A.D. existieren ausschließlich für die Musik. Wir sind nicht darauf aus, irgendjemanden zu ändern. Meine Texte reflektieren sehr persönliche Gedanken und Stimmungen, es sind keine Statements. Es sind Dinge, die ich da niederschreibe, über die ich nicht mit anderen Leuten reden kann. In diesem Punkt unterscheiden wir uns sehr stark von Bands wie Earth Crisis. Ich stimme mit wahrscheinlich mehr als 75 Prozent der Texte von Earth Crisis nicht überein, doch ich bedenke auch immer, aus welchem Umfeld sie kommen. Gut, sie haben diese sehr militante Einstellung, aber sie immer bereit, darüber zu diskutieren. Leute lesen ihre Texte und schließen dann darauf, daß sie jeden hassen, der nicht wie sie ist. Tatsächlich sind sie sehr offen. Ich meine, sie sind mit Leuten wie Downset, Madball und Snapcase getourt, die ihre Einstellung überhaupt nicht teilen, und sie sind sehr darum bemüht mit jedem auszukommen.“
Schön, dennoch bleiben einige Statements dieser Band bezüglich Abtreibung und Homosexualität für mich untragbar, manifestiert sich in der Intoleranz vieler Straight Edge Bands, insbesondere derer aus dem Syracuse-Umfeld von Earth Crisis, in ihrem Dogmatismus, eine Attitüde, die mit Faschismus vielleicht gar nicht so falsch umschrieben ist. Und oft verrennen sich solche Dogmatiker in der Emphatisierung ihrer eigenen Lehre. Viele Leute sehen die Dinge gelassener, wenn sie älter werden. Doch fühlen sie dann, daß sie nicht mehr umkehren können, ohne sich ganz und gar lächerlich zu machen. „Ich denke Earth Crisis sind schon ruhiger geworden. Dennoch steht das Konzept Earth Crisis, nein es beruht auf einen radikalen Ausdruck der Ideen von Veganismus, Straight Edge und ökologischem Bewußtsein. Das ist die Band, aber wenn du mit den einzelnen Mitgliedern außerhalb dieses Kontextes redest, wirst du merken, daß sie das ganze Ding viel gelassener sehen.“ Und das ist der Punkt, wie lange kann man die Divergenz zwischen seiner Einstellung und dem Image aufrechterhalten, zu dem man aufgrund einer bestehenden Erwartungshaltung quasi verpflichtet wird? Ist man irgendwann vielleicht nur noch eine Karikatur seines früheren Selbst und merkt es nicht mal?
Damnation A.D. verleihen sich selbst ein sehr martialisches Image. Dennoch sind die Panzer, die sich im Booklet der CD und auf der Anzeige finden, lediglich visueller Ausdruck der gewaltigen Kraft, des immensen Drucks, den der Sound der Band erzeugt. Über die Lyrics lassen sich Rückschlüße auf die Adoption dieser kriegerischen Ästhetik nur sehr bedingt nachvollziehen. „Das ist das Faszinierende an der Musik, man muß sie mit dem eigenen Erleben in Bezug setzen und kann daraus entnehmen, was immer man möchte. Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn Leute etwas ganz anderes in meine Texte interpretieren, als ich gemeint habe. Das ist doch auch das Großartige am Hardcore. Die Bands sind sehr nahbar. Man kann auf eine Band zugehen und sie an seinen Schlußfolgerungen teilhaben lassen. Und wenn Leute unbedingt Gerüchte in die Welt setzen wollen, wie ‘Hey, die haben Nazipanzer auf’m Cover, also sind das Nazi’, dann laß sie doch. Es sind die Leute, die sich die Zeit nehmen, zu uns zu kommen, uns nach dem Hintergrund dieser Images zu fragen und die Texte erklärt haben wollen, die uns etwas bedeuten. Es ist unmöglich, jeden glücklich zu machen. Das habe ich inzwischen gelernt.“
Nimrod

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