Konsequenz aus Gehörtem und Unerhörtem Louie Austen

Der  alte  Mann und das Meer. Das Meer „teilweise asymmetrischer Beats
und digitaler Detunings“. Ein junger Klangzauberer, der dessen Oberfläche mit seiner Magie aufquirrlt. So fängt natürlich keine Geschichte an. Wir sind bereits mittendrin. Und der alte Mann ist gar nicht alt, gerade mal 53 und fit. Topfit. Genau wie der junge Klangzauberer. Beide trafen sie sich in einem Wiener Boxclub. Aber auch das ist noch nicht der Anfang dieser Geschichte.

 
Louie Austen
„Die Konsequenz aus Gehörtem und Ungehörtem. Oder Kunst und Können.“ (Mario Neugebauer, 1999)

wort. nimrod
 

„Ich lernte Louie Austen bereits zwei Jahre zuvor in einem Tonstudio  kennen“, versucht Mario Neugebauer der Legendenbildung vorzubeugen. „Ich kannte ihn bis dahin aber lediglich von seinen Sprachaufnahmen als english native speaker und wußte nichts von seinem Gesangstalent.“ Verwunderlich ist dies nicht. Es sind schon zwei Welten, die bei der auf dem  Album „ConseQuences“ manifestierten Zusammenarbeit fusioniert sind. Louie Austen ist ein Star der Wiener Hotelbars. Vor allem im Marriot unterhält er die Hotelgäste aus seinem mehr als einhundert Songs umfassenden Repertoire. Und inszeniert dabei auch über Kleidung und Auftreten Assoziationen zu Frank Sinatra und Dean Martin. Ein Crooner. Ein Hauch rauchigen Glamours. Die Perspektive der großen urbanen Welt, des Neon von New York und Las Vegas, eingefangen in einer gemütlichen Wiener Bar. Die Welt des Mario Neugebauer reflektierte sich trotz ihrer nicht minder deutlichen Urbanität in ganz anderen musikalischen Assoziationen. Es sind aber lediglich Jahrzehnte, die Urbanität in den Werken Austens und Neugebauers zu so unterschiedlichem Ausdruck verhelfen. Die Reflexion über den Mythos Großstadt divergiert deutlich, indes ist der Gegenstand der Reflexion in seinen Grundzügen der gleiche geblieben. Urbanität ist nach wie vor Synonym für Schmelztiegel unterschiedlicher Epochen, Kulturen und Visionen. In diesem Kontext verliert ein Crossover wie „ConseQuences“  etwas an seiner Außergewöhnlichkeit, er läßt sich Einordnen, verstehen. Der Brillianz, mit der Austen und Neugebauer ihre Kreuzsprünge über Zeit- und Genregrenzen absolvieren, tut das freilich keinen Abbruch. Die Materie, die Ursubstanz - sie ist immer da, doch es bedarf großer Visionen und unglaublichen Geschicks, sie neu zusammenzusetzen. Genau so haben Austen und Neugebauer auf „ConseQuences“ etwas in dieser Form bisher nie Dagewesenes geschaffen. Vielleicht wird man eines Tages an sie als die Begründer eines neuen Crossover-Phänomens referieren.
„Ich sehe jetzt im Nachhinein das Ganze als ein Pokerspiel der Plattenindustrie. Zur Zeit der Zusammenarbeit mit Louie habe ich an nichts anderes gedacht, als eben das zu produzieren, was mir akustisch gefällt und wie ich mir die arrangierte Umgebung von Louies Stimme vorstelle. Genau das habe ich dann später umgesetzt. Jetzt betrachtet nenne ich es hoch gepokert, denn ich hätte ja durchaus etwas zurückstecken können, um mit Louie ein Ding zu produzieren, das mit Sicherheit für einen weitaus größeren Teil der Musikhörenden verständlicher gewesen wäre.  Und da wären wir beim Pokerspiel, denn ein Produzent, der sich in dieses Musikindustriespiel schon einbauen lassen hat, hätte das kommerzielle Potential von Louies wunderbarer Stimme mit Sicherheit wahrgenommen.“ Und „ConseQuences“ ganz anders - eben eingängiger, mit viel mehr Gewicht auf traditionellen Songstrukturen und Louies Stimme, die im Laufe des Albums immer stärker dekonstruiert und tatsächlich zum Instrument wird - produziert und strukturiert. Doch in der ob ihrer ohne solche Erwägungen und ob ihrer künstlerischen Konsequenz so beeindruckenden und grundsympathischen Version von Neugebauer verschmelzen nur wenige relativ eingängige Stücke in songartiger Struktur („Remember“, „Hear My Song“) mit Hörspielartigem und knisternden, zirpenden Interludes, die die Stimme Louie Austens gar nicht integrieren. Dadurch wirkt “ConseQuences” zwar sehr in sich geschlossen, fast als wäre bei der Strukturierung des Albums nicht nur nach rein akustischen Maßstäben bemessen, sondern auch ein narratives Konzept zu Grunde gelegt worden, aber das verlangt auch nach einer Erklärung, warum sich Neugebauer als der Initiator und derjenige, auf dessen Konto der größere Beitrag am Gesamtwerk „ConseQuences“ nun wahrlich zu gehen scheint, so stark in der Präsentation des Albums zurücknimmt. Warum ist nur Louie Austen auf dem Cover? Warum wurde das Album nicht unter Louie Austen vs. Mario Neugebauer veröffentlicht? Schüchternheit? Respekt gegenüber dem Alter? Doch nicht etwa eine Bedingung von Louie? „Nein, nein. Respekt vor dem Alter trifft es dafür ziemlich genau. Das ist ein Zeichen guten Charakters. Und es war meine Idee, das Ganze im traditionellen Stil von Sinatra und Martin Produktionen zu halten. (…) Die Arbeit baute sich im Verlauf der Stücke immer stärker auf das Klangbild auf, da es leichter wurde den eingeschlagenen Stil weiter zu abstrahieren. Am Anfang war Louies Stimme das tragende Element. Später wurde sie dann wirklich zu meinem Instrument. Louies Talent ermöglicht es ihm, problemlos über meine teilweise asymmetrischen Beats und digitalen Detunings zu improvisieren.“ Als so problemlos wie Mario Neugebauer die Zusammenarbeit mit Louie Austen rekapituliert, stellt sich das Finden von Übereinstimmungen in den Terminkalendern der beiden Musiker nun nicht heraus. Ein geplanter Auftritt auf der PopKomm ist ins Wasser gefallen. Der einzige hierzulande absolvierte Gig - am 25. September im Berliner WMF war das - hat gute Publikumsresonanzen hervorgerufen. Wenn sich Austen auch nicht vorstellen möchte, vor Rentnerbanden bis an sein Lebensende die Sinatra-Kopie zu geben - das hat er dem SKUG gebeichtet - und schon deshalb in der Kooperation mit Neugebauer eine Tür zu neuen Herausforderungen sah - vorerst wird das Wiener Marriot das Mekka für junge Louie Austen Fans bleiben.

Post a Comment
*Required
*Required (Never published)