Gunshots still cross the Empire UK HipHop feat. Gunshot
Remember Britcore? Das was in der ersten Hälfte der Neunziger unter dieses Label manövriert wurde, war eine einzigartige, aber auch recht kurzlebige Annäherung an den HipHop. Gunshot, einst durchaus Protagonisten in dieser mittlerweile angestaubten Schublade, öffnen das Kapitel nun erneut. Mit einem Nachdruck, zu dem sie selbst auf ihrem letzten Album „Twilights Last Gleaming“ (1997) nicht mehr fähig schienen, verweisen sie nun mit „International Rescue“ auf einen beachtlichen Reifeprozeß. Beeindruckend gelingt es ihnen sowohl die Aggressivität der frühen Phase ihrer nunmehr zehnjährigen Existenz als auch ganz neue Elemente in den gegenwärtigen Gunshot-Sound zu integrieren. Alkaline, einer der MCs der Crew, hat keinen Grund, aus seinem Optimismus einen Hehl zu machen: „Yo, Man. It’s time to bring it back to the streets, you know what I mean?!“
HipHop/UK/2K
Julian Baker, eine Hälfte der britischen HipHop Hoffnungsträger The Creators, kann sehr ungehalten werden, wenn man versucht Creators Sound in einen britischen Kontext zu stellen. „Warum nicht einfach HipHop? Rock ist Rock, Jazz ist Jazz. Was wir machen, ist ganz und gar nicht britisch - es ist weltweit.“ Daß The Creators sich in einem globalen Kontext definieren, findet seine Entsprechung in der Unterstützung namhafter US-Größen wie Mos Def und Talib Kweli. Tatsächlich ist das The Creators Debüt „The Weight“ international. Oder amerikanisch, was weder abwertend gemeint ist, noch dem Album die eigene Seele streitig machen will. Amerikanisch ist im HipHop der gehobene Maßstab, hegemonial und allinspirierend, an dem auch The Creators gemessen werden wollen. Amerikanisch und International werden hier beinahe synonym verwendet. Der Zusatz „britisch“ vor den Bekundungen, sie seien die „größten Produzenten“ oder „die Zukunft des Rap“, kommt für die Künstler, die sich so international definieren, einer Abwertung gleich. Sie verstehen sich nämlich nicht nur vor britischer Kulisse als wegweisend. Zudem hat Großbritannien in den letzten Jahren sehr wenige einflußreiche und erfolgreiche HipHop Crews in die globale Arena entsandt. „Buy British“ ist im HipHop kein so zugkräftiges Trademark, daß man sich gegenwärtig damit schmücken mag. „Word Lab Vol. 1“, eine Compilation, mit der die britische Dependance des französischen Source-Labels auf die tatsächliche Vielzahl und Vielfalt aufstrebender HipHop-Artisten im Vereinigten Königreich verweist, ist ein lange überfälliges Statement, um Großbritannien wieder auf der HipHop Landkarte zu verorten. Auch wenn sich so wirklich keiner der auf dieser Compilation zu Wort gekommenen Künstler signifikant aus den international bereits definierten Parametern heraus begibt.
The Unfinished Chronicles
Alkaline, MC des britischen HipHop Urgesteins Gunshot, versteht diese Ansätze nur zu gut. Erfolg und die Hoffnung auf ein wenig Wohlstand sind passable Argumente. Die Kurzlebigkeit des Phänomens Britcore hat er selbst erfahren, hat die Labels sterben und die Szene abwandern sehen. In der ersten Hälfte der Neunziger waren Gunshot neben weiteren Künstlern wie Blade, Hi Jack und Killa Instinct Protagonisten des Britcore, der sich mit seiner Geschwindigeit, unglaublicher Aggressivität und vielfach übereinandergeschichteten Wänden Noise eine eigene Nische in den HipHop furchen wollte. Damit setzte man sich nicht nur nach Außen ab, sondern auch von anderen britischen HipHop Acts wie zum Beispiel Caveman oder Credit to the Nation. Die Noiseaffinität in den Sounds, die Härte der Beats und die Aggressivität ihrer Reime bildeten ebenso ein gravierendes Integrationsmoment, das gerade auch in Kids aus einem Punk- und Hardcorebackground ein Interesse für HipHop weckte. „It was the headbanging element. You could jump up to“, rekapituliert Alkaline. Die Tendenz wurde durch Gunshot selbst in einer Kooperation mit Napalm Deaths Shane Embury affirmiert. „Mind of a Razor“ war 1993, zeitgleich zum Erfolg des Konzeptes „Judgement Night“, ein nackenbrechender Clubhit. Doch damit hatte Britcore seinen Zenit erreicht.
„Die Musik in Großbritannien ist ja nun nicht stagnant. Als Jungle entdeckt wurde, wanderten sehr viele Leute aus dem HipHop hinüber, dann zu Drum’n’Bass, House. Gerade haben wir eine Entwicklung, die die Leute wieder zurück zum HipHop führt. Man muß natürlich immer beachteten, daß die HipHopCommunity in Großbritannien immer klein ist und gar nicht zu vergleichen mit der in den USA. So haben sich Interessenverschiebungen hier viel deutlicher offenbart. Hinzu kommt natürlich auch, daß die Labels ihr Programm umgestellt haben, als sie realisierten, daß sie allein mit britischem HipHop ihren Unterhalt nicht gewährleisten konnten.“
Und so schließt sich das erste Kapitel: diese eigene Furche wurde niemals tief genug, um ein wirkliches Sammelbecken zu werden. Auch Gunshot wurden nicht die Stars der großen Hallen, sondern blieben die Helden der Jugendzentren. Doch auch hier verblasste ihre Aura allmählich, woran sie mit dem enttäuschenden zweiten Album „Twilights Last Gleaming“ sicherlich nicht unbeteiligt waren.
A New Chapter
„Es ist ganz bestimmt eine neue Reife, ein Verständnis dafür, wohin die Musik gehen soll,“ erklärt sich Alkaline die Reaktivierung der Stärke und Aggressivität, das Spiel mit dem Krach, welche auf dem neuen Album „International Rescue“ gleichzeitig eine Rückbesinnung auf den Pioniergeist der frühen Gunshot dokumentiert, aber auch die Integration neuer Stilmittel erlaubt. Ragga, so behauptet Alkaline, sei schon immer ein wichtiger Einfluß für ihn gewesen. Doch nie zuvor hat er diesen so herausgetreten wie in seinen Reimen auf „International Rescue“. „Ich war immer schon auf Reggae. Mann, ich habe jamaikanisches Blut. Der Einfluß ist nun deshalb vernehmbarer, weil meine Skills extrem gereift sind. Genau wie Rixs Fähigkeiten als Produzent.“ Mit dieser reaktivierten Kraft und dem durch ein phänomenales Album gestärkten Selbstvertrauen, möchte man nun den eigenen Beitrag dazu leisten, britischen Hip Hop zu internationalisieren. „International Rescue“. Im Titeltrack verweisen Gunshot auf die Vielfalt ihrer Einflüsse und machen damit zugleich ihren Anspruch deutlich, die eigene Vision gleichwertig neben allen anderen Ansätzen im HipHop zu etablieren. Denn „Real to the bone“, so sei er der UK HipHop. Das wiederholte und starke Gewichten auf den UK HipHop in ihren Reimen wird über die Ignoranz der Medien und Konsumenten außerhalb und auch innerhalb des UK erklärt, die man durch das selbstbewußte und sloganisierende Statuieren der eigenen herausragenden Rolle erst einmal brechen muß.
„Wenn The Creators auf ihre Internationalität verweisen, dann ist das nur verständlich. Schließlich arbeiten sie ja auch mit internationalen HipHop-Größen zusammen. Ich hingegen sah und sehe meine Musik oder die Musik von Gunshot definitiv als britische Musik. Hier sind wir geboren und aufgewachsen. Es geht natürlich in erster Linie um die Musik, und die soll und kann für sich selbst stehen. Es geht mir auch nicht darum, Grenzen aufgrund Herkunft, Rasse oder ähnlichem zu ziehen oder ständig darauf zu gewichten, man sei britisch, britisch, britisch… Anliegen ist es - und dafür steht auch der Titel „International Rescue“ - mit dem Image zu spielen, wir seien so etwas wie die Retter der hiesigen HipHop Szene. Gegen Ausbeutung, gegen zu starke Amerikanisierung und daraus folgend die Unfähigkeit aus der eigenen Identität wirkliche Kreativität zu schöpfen.“
„Caught in the flash of American trash, couldn’t see the homegrown till it turned to ash.“ (Aus „English Patient“, Gunshot 2000)In die Ecke gedrängt, mit dem Rücken zur Wand, fletschen Gunshot ihre Zähne, denn die einzige Option fürs Überleben ist sich durchzubeißen. Die wollen auch keine Quoten, sondern schlicht besser sein.
Releases:
Gunshot „International Rescue“ (Words of Warning/PIAS/Connected)
The Creators „The Weight“ (Bad Magic/ Wall of Sound/Virgin)
Various Artists „Word Lab Vol. 1“ (Source/Virgin)
Post a Comment