Assimilation ohne Schnitt in die Wurzeln Earl 16

Earl ‘16’ Daley läßt seine sehnsüchtige Stimme weite Wege reisen. Auf seinem zweitem Album „Feel the Fire“ haben Zeit und Raum keine Grenzen mehr. Sicher zieht Daley seinen Weg vom Reggae hin zu Dub und House. Und macht selbst vor einem Neil Young Klassiker nicht halt. Und die Stimme, seine einzigartige, so viel Weite und Sehnsucht bindende Stimme,  eint alle Referenzen in einem Kontext, als wären sie von jeher einzig für diesen bestimmt. Earl Daley räuspert ein verlegenes „Danke!“ in den Telefonhörer. Und ich sage: „Hey, danke nicht mir. Danke Gott!“

Wort: Nimrod

 

Ja, da war mir dieser Satz einfach so herausgerutscht. Danke Gott! Dabei bin ich ja nun wirklich alles andere als ein gläubiger Mensch. Aber wie sollte es auf irdischen Wegen erklärbar sein, daß Talent in beinahe unfaßbarem Ausmaß über einen einzigen Menschen gekippt, während sich andere zeitlebens abmühen, aus dem dürren Acker mangelnder Voraussetzungen ein klägliches Dasein zu fristen. Und gerecht, das war Er bekanntlich noch nie. Dennoch findet sich längst nicht in allem Sein Zutun. Nicht offensichtlich. „Meine jahrelange Zusammenarbeit mit Künstlern wie Leftfield, meine Arbeit mit Dreadzone und Kontakte zu Leuten wie Massive Attack, haben meinen musikalischen Horizont sehr erweitert“, beschreibt Daley die Entwicklung des Konzeptes hinter „Feel the Fire“. „Die Zusammenarbeit mit all diesen Künstlern hat mir ungemein dabei geholfen, eine Perspektive für einen eigenständigen Sound zu entwickeln. Gerade auch diese Formel, die von Massive Attack und Horace Andy entwickelt wurde, war von großem Einfluß auf mich. Es ist dies etwas, das sich in Großbritannien gegenwärtig aus dem Untergrund zu einem potentiellen next big thing entwickelt.“ Der Reggae habe sich natürlich längst von seinen Wurzel gelöst, fährt Daley fort, schon vor langer Zeit, als Marley und Tosh die Musik der Niah Bingi auf Jamaika lernten und diese wider deren Willen kommerzialisierten. Genau wie Reggae synchron zu der wirtschaftlichen Depression der Siebziger auf Jamaika entwickelt wurde, würden sich essentielle Elemente dieser Musik auch künftigen Zeitgeistströmungen assimilieren. Und das sei auch notwendig. Er spricht von Dub und Dancehall, verweist erneut auf seine Kooperation mit Leftfield. Deren gemeinsamer Track, der Opener „Release the Pressure“, ist das Highlight von „Leftism“. Wenn Daley seine Stimme erklingen läßt, dann wächst aus diesem großartigen Track eine schier magische Atmosphäre. Eine Atmosphäre, die Leftfield hiernach nicht mehr, weder auf „Leftism“ noch auf „Rythm and Stealth“ zu schöpfen in der Lage waren. Wobei eingestanden sei, daß dies wahrscheinlich auch gar nicht in ihrem Interesse gelegen haben mag. „Reggae has to adopt“, emphatisiert Daley und daraufhin auf das letzte Album Solo-Album von Horace Andy angesprochen, gesteht er freimütig ein, recht enttäuscht von „Living in the Flood“ gewesen zu sein. „Die gesamte Produktion dieses Albums wurde auf Jamaika durchgezogen,“ weiß er. „Es ist dabei aber fern, von dem wegweisenden Charakter seiner Arbeiten mit Massive Attack. Dies scheint mir viel mehr die Richtung, in die sich Reggae-Künstler entwickeln sollten, um modern zu bleiben und Reggae ins 21. Jahrhundert zu bringen. One has to stay open minded. Nimm diesen Neil Young Track, „The Needle and the Damage Done“. Ich besitze das Album seit langer Zeit. Außerdem ist mir dessen Message auch ein Anliegen. Ich kenne und kannte so viele Leute, die sich an harten Drogen ruiniert haben. Ich wollte auch noch einen Song der Stranglers auf dem Album, „Golden Brown“, aber die Plattenfirma riet mir davon ab, weil der Track gerade erst von so einer HipHop Crew bearbeitet und veröffentlicht wurde.“

Earl Daley lebt seit vielen Jahren in London. Daß Reggae sich nun in einen Trend zu entwickeln beginnt und den daraus resultierenden Run auf Jamaika sieht er mit überwiegend positiven Gefühlen. „Wenn Videos auf Jamaika gedreht werden, wenn die Produktion dort durchgeführt wird, geht es natürlich vor allem darum, dem Käufer ein Gefühl von Authentizität zu vermitteln. Andererseits scheint dort aber auch fast immer die Sonne und es passiert ständig etwas Neues, etwas Aufregendes. Wenn in Kingston nun die Studios wie Pilze aus dem Boden schießen, dann ist das natürlich vorzüglich für die lokalen Musiker und Tontechniker. Es ist dies auch großartig für europäische Künstler, die so enger mit den jamaikanischen Musikern zusammenarbeiten können, um ein besseres Gefühl für den Sound zu bekommen. Obwohl ich in London lebe, profitiere ich mitunter sehr davon, ab und an Tontechniker aus Jamaika einzuladen, auf das sie mir mit dem Mix aushelfen. It’s okay to pick up the vibe. But you have to know before what you’re doing.“ Dennoch sieht Daley auch Schattenseiten dieses Trends, zu denen er sich äußert, als ich ihn bitte, eine Textzeile aus seinem Song „Temptation“ zu kontextualisieren. „Why must the good die young and the old have to carry on“, singt er in einer Wehmut, deren Ursachen sich mir allein über den Song nicht wirklich erschlossen haben. „In Jamaika werden nun viele junge Künstler sehr schnell sehr erfolgreich. Und sie brennen aus. Darunter auch viele enge Freunde von mir. Der Ruhm und das Geld kommen viel zu schnell. Das war damals bei Bob Marley nicht anders. 36 ist ja nun wirklich kein Alter. Der Erfolg steigt ihnen zu Kopf. Und sie selbst schneiden sich ab von ihren Wurzeln. Rauchen Crack und so fort. Die Eitelkeit hat sie übermannt. The Temptation of Vanity.“

Und Earl Daley? An Jahren ist er nun wahrlich noch so nicht alt.  Doch wenn es um die Erfahrung geht, die er seit seinem 13 Lebensjahr im Musikgeschäft gesammelt hat, ist er tatsächlich längst ein Veteran. Einer, der für sich und seine Musik nach neuen Wegen sucht. Und sich dabei nur zu gut bewußt ist, auf welchen Wegen seine Magie mit ihm wandert.

 

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