Im Auftrag des Herrn unterwegs – Legenden um die burmesische Hardrock-Band IRON CROSS
IRON CROSS veröffentlichen 36 Alben im Jahr. Sie füllen die großen burmesischen Stadien mit begeisterten Teenagern. Sie sind die erfolgreichste Rockband in der Geschichte Myanmars. Sie werden gesponsort von einer indonesischen Zigarettenmarke und sind in Südostasien weithin respektiert. Darauf sind die Jugendlichen eines Landes stolz, das die Politik seiner Militärregierung zu einem internationalen Paria gemacht hat.
Das antike Taxi kurvt durch stockfinstere Straßen. Am Stadtrand von Yangon, der Kapitale von Mynamar, spart man Strom. „Ich hoffe, Sie wissen wo Sie hinfahren“, beunruhige ich mich. „Sie kennen ihn auch wirklich, den Weg zum PTL-Studio?“ Der Fahrer grinst und nickt. Vom altersschwachen Stottern des Taximotors einmal abgesehen, ist es auch totenstill, draussen, jenseits des nicht mehr verschließbaren Fensters. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich sehr geborgen fühle. Aber irgendwie hatte es sein gemußt. Die letzte Nacht in Myanmar.
Nach Tagen hatte ich endlich diese Telefonnummer bekommen. Kein obskures Management, diesmal, keine Plattenfirma für burmesische Folklore, die sich einfach den populären Namen geklaut hat. Nein, die richtige Telefonnummer. Die Telefonnummer von Iron Cross, der erfolgreichsten Band Myanmars. „Ach, Herrgott, ein Musikjournalist aus Deutschland, sagen Sie?“, hatte sich die Stimme am anderen Ende der Leitung verwundert. Und dann wurde wahrscheinlich geschlussfolgert, dass man sich verhört haben musste: „Moment, ich hole einen Dolmetscher“. Aber immerhin - ich war dann richtig aufgeregt - immerhin besser als „Falsch verbunden!“ Ich hatte kein Problem damit, mein Anliegen zu wiederholen und habe dann nervös Strichmännchen in mein Notizbuch gemalt, als ich wartete wie das alles übersetzt wurde. Schließlich hatte der Dolmetscher seine Hand wieder vom Telefonhörer genommen und hineingesprochen: „Verzeihen Sie, aber es ist sehr ungünstig heute. Die Band arbeitet im Studio…“ Dann war er unterbrochen worden, und ich war natürlich sehr enttäuscht gewesen, denn selbst wenn er nun einen Nebensatz mit dem Wörtchen aber beginnen sollte, für mich gab es ja keine Alternative mehr, nach diesem letzten Tag. Heute oder nie, oder wenigstens die nächsten Jahre nicht. „Hallo“, hatte sich dann der Dolmetscher zurückgemeldet: „Sind Sie noch dran?“ „Aber natürlich.“ „Allerdings, sagt die Band, allerdings sind sie ja ohnehin jeden Tag im Studio. Also ist heute so gut wie jeder Tag.“
„Sehen Sie das Leuchten dort?“ Der Fahrer drückt seinen Zeigefinger gegen die Windschutzscheibe. „’türlich“, entgegne ich. Es ist das einzige Licht in der Dunkelheit. Der einzige Stern dieser wolkenverhangen Nacht. „Das ist das PTL-Studio“, sagt der Fahrer. Und je näher wir dem Quell dieses Lichtes kommen, desto größer wachsen auch die drei Buchstaben in seinem Zentrum, bis man sie schließlich deutlich lesen kann. P.T.L. Und Augenblicke später erkennt man auch die kleineren Lettern „Studio“. Der fahle Lichtkegel des einzigen Scheinwerfers des Taxis erfasst nun auch Details eines Mannes, von dem die flackernde Werbetafel nur einen vagen Schatten gezeichnet hat. Er steht vor dem Eingang und raucht. Als das Taxi hält, schlendert er langsam heran. Ich öffne die Tür, steige aus dem Taxi und beuge mich zurück in die Kabine, um dem Taxifahrer den vor der Fahrt abgemachten Tarif in die Hand zu drücken. Der Raucher schaut mir interessiert über die Schulter, vielleicht um zu erkennen, wieviel ich dem Fahrer löhne. Er äußert keine Einwände und ergreift, als ich mich zu ihm wende, sofort meine Hand.
„Ich bin Danny. Der Dolmetscher. Ich denke, wir haben telefoniert.“
„Ja“, sage ich nur.
„Mein Großvater war Ire, wissen Sie?“, plaudert Danny. „Deshalb ist mein Englisch auch ganz passabel. Und seine Nase habe ich auch geerbt“, lacht er und tippt sich an seinen Riecher, eine ganz beachtliche Knolle, die selbst das kalte, weiße Licht der Studioreklame mit einem rötlichen Schein reflektiert. „Früher hab ich auch gesoffen wie ein Ire“, bietet sich dieser Danny förmlich für seinen Platz in dieser Reportage feil. „Aber seit Jahren hab ich jetzt schon nichts mehr angerührt … Nun kommen Sie, ich bring Sie rein.“ Er läßt seine Zigarette auf den Boden fallen und tritt sie aus. Über mir knistert die Reklame. „Für was steht eigentlich dieses PTL?“, frage ich. Danny wendet sich auf der Schwelle und schaut hinauf zu den leuchtenden Buchstaben. „Praise the Lord!“, spricht er. Lobet den Herren.
„Urheberrechte, dafür interessiert sich hier in Myanmar niemand“, hatte mir Nanda Aye erklärt, Manager einer Filiale der Musikkette London Records, der ersten und bisher einzigen in Myanmar. „Wir verkaufen ausschließlich Originalkassetten, gute Qualität, für 600 Kyats. Wieviel ist das? Nicht mal zwei Dollar. Es ist unser Ziel, die Leute erst zu erziehen, einen Markt zu schaffen, und deshalb ist der Profit zunächst zweitrangig.“ Die klimatisierte Filiale im Herzen Yangons ist nicht unbedingt das, was man gut frequentiert nennen möchte.„Wir leisten hier ganz klar Missionsarbeit.“ Die Nachfrage für CD’s sei zwar steigend, vor allem in den beiden Großstädten Yangon und Mandalay, doch immer noch sei der Markt dominiert, von illegal vervielfältigten Audiokassetten. Vor allem handele es sich dabei um auf Burmesisch gesungene Versionen aktueller Hits und alter Schlager. Bob Marley, Celine Dion und die deutschen Scorpions. „Die Leute hier wissen ja oft nicht einmal, dass es zu diesem burmesischen Song ein englischsprachiges Original gibt. Die Möglichkeit, internationale Musik in Myanmar über das Radio vorzustellen und zu bewerben existiert nicht. Und wenn es auch unter den besser situierten Familien in Yangon inzwischen einige gibt, die ausländische Medien über Satellit empfangen können, die meisten Menschen in Myanmar haben kaum die Möglichkeit, eine Welt jenseits von Myanmar wahrzunehmen“.
Danny füllt etwas Quench nach. Quench entsteht in einem Joint Venture mit der Pepis Co. und schmeckt eigentlich genau wie Seven Up. Sonst machen neben wenigen asiatischen Unternehmen eigentlich nur ein paar deutsche Firmen Geschäfte mit der Junta in Yangon. Iron Cross haben einen Sponsorenvertrag mit der indonesischen Zigarettenmarke Golden Eagle. Auch deshalb ist das Symbol und der Name auf unzähligen Plakatwänden und mit dem eigenen Kalender auch ausserhalb der Kassettenläden überall präsent. „Sie müssen gleich fertig sein, da drinnen“, vertröstet mich Danny. Noch hört man die Gitarre kniedeln hinter der lärmgedämmten Studiotür. Danny öffnet eine weitere Quench. „Das PTL Studio ist das Herz von Iron Cross“, plaudert Danny die Zeit weg. „Es ist sogar das Zentrum für populäre Musik in Myanmar. Ich denke, dass die Jungs von Iron Cross ihre Finger in bestimmt jeder zweiten Veröffentlichung in Myanmar haben. Ständig stehen neue Sänger hier rum und wollen mit der Band aufnehmen. Sie bezahlen - so um die 400.000 und 600.000 Kyat - und das gibt ihnen dann das Recht, das Iron Cross Symbol auf ihre Kassetten und Cds zu drucken. Nur so verkaufen sie. Und Iron Cross kommen auf ungefähr 36 Veröffentlichungen im Jahr. Iron Cross hat, neben dem harten Kern von vier Musikern, tatsächlich aber nur zehn Sänger. Die singen zwar nicht alle auf dem gleichen Album oder gar im Chor, doch das ist der engere Iron Cross-Radius. Das sind jene, mit denen sie kontinuierlich zusammenarbeiten, für die sie auch selbst Songs schreiben. Der bekannteste unter ihnen ist Lay Phyu. Der ist ein richtiger Star.“ Lay Phyu, ist sich die burmesische Jugend einig, ist die Verkörperung von Coolsein. Sonnenbebrillt, in Mantaletten und Strechjeans, lässig auf seine Harley geschmiegt, schaut er von den Plakatwänden herab. Und Golden Eagle erkämpft sich zügig Marktanteile der beliebten, aromatischen Shan-Zigarillos. Eine Erfolgsgeschichte. „Aber“, gibt Danny zu Bedenken: „Iron Cross wären nicht, wer sie heute sind, ohne die Fürsorge der Kirche Evangelischer Baptisten. Ohne die Kirche gäbe es dieses Studio nicht und auch keine Iron Cross. Wahrscheinlich wäre auch ich schon längst nicht mehr am Leben.“
Im Jahr des Herrn 1991 schleppte sich der Heroinsüchtige Saw Bwe Hmu über die Schwelle der Evangelist Baptist Church und flehte darum, in das Drogen-Rehabilitations-Programm aufgenommen zu werden. Der Gründer der Kirche David Yone hatte Mitleid, war er doch selbst einmal ein drogenspritzender Tunichtgut gewesen, der - so besagt es die Legende - erst an der Schwelle zum Tode zu Gott gefunden hat. Gott ließ ihn ins Leben zurückkehren, betraut mit der Mission, von nun an zum Wohl der Menschen zu wirken. Unmittelbar nach seiner Genesung wandelte er sein altes Haus in eine Kirche und begann aus Spenden ein Drogen-Rehabilitations-Zentrum aufzubauen. Den qualvollen Kalten Entzug therapiert man hier durch Beten: „Und ob das funktioniert“, bekräftigt Danny, ebenfalls ein ehemaliger Abhängiger. „Natürlich kostet die Therapie Geld. Die meisten Patienten müssen auch dafür aufkommen. Und sie wissen, wenn sie die Therapie einmal abgebrochen haben, dürfen sie niemals wiederkommen. Es ist eine letzte Chance“ Normalerweise dauert die Therapie vier Jahre, während der die Patienten die Anlage des Rehabilitationszentrums nicht verlassen dürfen und ohne Zigaretten, Alkohol und natürlich Drogen auskommen müssen. Saw Bwe Hmu blieb. „Er war ein Krimineller, ein drogensüchtiger Verbrecher. Doch als er sich in die Obhut des Herrn begab und anfing auf seiner Gitarre zu üben, begann er sich zu bessern und letztendlich wurde er berühmt.“
Die Studiotür wird von Innen aufgestoßen. Und ein fülliges Kerlchen mit Haaren bis fast in die Kniekehlen kommt in den Raum gestapft. „Gestatten“, stellt Danny vor: „Das ist Chid Sam Maung“ Chid Sam Maung ist Gitarrist bei Iron Cross und auf unzähligen anderen Veröffentlichungen. Er ist so etwas wie der Pate des Rock in Myanmar. Das sieht man ihm nicht an. Der freundliche 30jährigen gibt sich ganz bescheiden. „Ihr habt gerade über Saw gesprochen?“, erkundigt er sich. Saw war es, der ihm einst als Sonntagsschüler der Kirche das Gitarrenspiel beigebracht hatte und ihn schließlich bei Iron Cross aufnahm. Chid Sam Maung schmückt den Ruf dieses Mannes mit den gewaltigsten Attributen. „Er war der König des Heavy Metal in Myanmar, der burmesische Elvis Presley.“ Tatsächlich weisen die finalen Lebensabschnitte des amerikanischen und des burmesischen Elvis durchaus Parallelen auf. Saw Bwe Hmu verfiel nach seiner erfolgreichen Drogenrehabilitation einer anderen Sucht, der Freßsucht, und starb schließlich 1993 an einem Herzinfarkt. „Herzverfettung“, konstatiert Danny trocken. Chid Sam Muang runzelt die Stirn. Es mag wahr sein, aber es klingt so profan. Trotz des Dahinscheidens ihres Gründers aber lebten Iron Cross weiter. Inzwischen war dies nicht mehr nur eine Frage der Loyalität, inzwischen war die Band ein so weit verzweigtes Unternehmen, dass eine Auflösung drastische Konsequenzen gehabt hätte. Vor allem für die Kirche Evangelischer Baptisten. Die Einnahmen von Iron Cross stellen einen beträchtlichen Teil der Kostendeckung für deren soziale Projekte, wozu neben dem Rehabilitationszentrum mittlerweile auch ein Waisenhaus und eine Leprakolonie 50 Kilometer nördlich von Yangon gehören.
Die niedrigen Wände des kleinen Ladens waren ganz und gar zugehängt mit selbstbedruckten T-Shirts. Als Motive schienen Totenköpfe sehr beliebt, auch die recht romantische Variante mit einer Rose zwischen den gelben Zahnstumpen, und Motorräder und die markengeschützten Originalschriftzüge, die Logos, internationaler Stars der Hardrock und Metalszene. Zwei Jungens lümmelten auf der verglasten Ladentheke, in die viele verschiedene Audiokassetten arrangiert waren. „Habt ihr CDs von Iron Cross?“, fragte ich. „Nö“, sagte einer und hob den Kopf verschlafen. „Wir haben nur Kassetten von Iron Cross. Und auch von Emperor und Ghostrider, Und von She. Dort hängen auch viele T-Shirts.“ Er deutete an die gegenüberliegende Wand. Der Adler mit dem Eisernen Kreuz in den Klauen, das Zeichen von Iron Cross, in diversen Variationen. Ach, das wär unangenehm damit rumzulaufen, dachte ich und entschied „Ich kauf dann ein paar Kassetten. Von Iron Cross.“. Der gesprächigere Junge schob seinen Kumpel von der Theke und öffnete die Glastür. Dann begann er den gesamten Inhalt der Theke herauszuholen und auf der Theke auszubreiten. Ich nahm ein paar Kassetten, drehte und wendete sie, und tatsächlich auf allen prangte dieses Symbol, der Adler mit dem Eisernen Kreuz. Genau wie auf Schwarzweißbildern von den alten Ju und in den lebhaften Kriegsschilderungen vom Großvater. „Die alle sind von Iron Cross?“ „Klar doch“, sagte der Junge. „Jeden Monat ein paar neue!“ „Die doch hier aber nicht“, wollte ich ihn widerlegen und hielt ihm eine Kassette hin, deren Verpackung eine von einer schroffen Klippe in den Sturmhimmel gereckte Gitarre zeigte, auf der das Symbol der Band fehlte. „Na und ob. Das sind die Myanmar Young Crusaders. Die Myanmar Young Crusaders sind Iron Cross, und Iron Cross sind die Mynamar Young Crusaders. Das weiß doch jeder hier. Aber hey, vorsicht, das ist kein Rock, das ist Gospel, so Kirchenmusik“
„Jedes Konzert von Iron Cross beginnt mit einer einstündigen Gospel-Session. Wir beten gemeinsam mit dem Publikum zum Herrn. Dann sind wir die Myanmar Young Crusaders. Iron Cross und die Myanmar Young Crusaders sind zwei Seiten eines Konzeptes“, klärt Chid Sam Maung auf: „Auch wenn das für Europäer genauso unverständlich wirkt wie unser Symbol. Es ist gleichsam Ausdruck für unsere Härte, das Eiserne, und auch dafür, das wir dem Herrn gehören. Das Kreuz. Iron Cross. Mit Geschichte hat das gar nichts zu tun. So eine Bedeutung ist uns gar nicht bewußt.“ Chid Sam Maung betont: Iron Cross wollen auf keinen Fall politisch sein. Aber wenn man in Stadien vor 100.000 jungen Menschen christlich missioniert, dann ist man politisch. Unweigerlich, gerade in einem Land wie Mynamar, dessen Regime religiöse Toleranz verfügt, aber vor allem den Buddhismus protegiert. „Bevor es uns gestattet wird, unsere Songs zu publizieren und zu vertreiben, müssen wir sie den Zensoren vorlegen. Ab und an haben die etwas zu beanstanden, verlangen daß wir einen oder mehrere Songs vom Album nehmen. Allerdings haben wir heute kaum noch Probleme, früher war es schlimmer.“ Diese Veränderung entweder mit einer Lockerung der Regeln zu erklären oder damit, dass sich Iron Cross diesen Regeln zunehmend unterworfen haben, scheint unmöglich. Es ist vielmehr ihr beachtlicher Status, welcher der Band mehr Freiheiten verschafft. Ihr Anspruch an die Popularität ist lediglich die Steigerung ihres Einkommens. Und natürlich, das Wort des Herrn noch weiter zu verbreiten. Aber auch dies sind bei Iron Cross zwei Seiten des selben Konzeptes.
Post a Comment