Der Geist, der das Thai Kino rettete - Die Filme des Nonzee Nimibutr

Nang Nak stirbt bei der Geburt ihres Kindes. Als Mak, Ehemann und Vater, nichtsahnend aus dem Krieg ins Dorf heimkehrt, beginnt Nang Nak wieder unter den Lebenden zu wandeln. Sie ist zurückgekehrt, um Mak wie zu Lebzeiten zu lieben und zu dienen. Unnachsichtig zerstört sie all jene, die sich zwischen sie und ihren Mann stellen wollen. Doch auch Mak schenkt den Freunden kein Gehör, die behaupten, er würde mit den Geistern leben.

Die Legende Mae Naak Phra Khanong, auf welcher der zweite Film von Thailands hoffnungsvollstem Regisseur Nonzee Nimibutr beruht, ist seit beinahe einem Jahrhundert ein herausragendes Phänomen thailändischer Populärkultur. Unzählige Male wurde sie erzählt, gedichtet, für Oper und Theater adaptiert, für Fernsehen und Kino verfilmt. Es scheint, das thailändische Publikum würde dieser traurigen Geschichte einer unglücklichen Liebe niemals überdrüssig werden. Und längst schon sind um das Phänomen Mae Naak neue Legenden gesponnen. Eine dieser Legenden weiß zu berichten, daß immer wenn ein Filmstudio kurz vor dem Ruin stand und mit letzter finanzieller Kraft ein Remake der Mae Naak produzierte, sich dieses Filmstudio alsbald erholte und wieder schwarze Zahlen schrieb. More...    

Der Geist, der das Thai-Kino rettete

Wort: Nimrod    

 

Der lange Weg aus der Asche  

 

 Das Jahr 1999 war ein wundervolles Jahr für Legenden. Nonzee Nimibutrs Nang Nak, war schon nach einer Woche der erfolgreichste Thai-Film, der jemals gedreht wurde. Nimibutr übertraf damit seinen eigenen Rekord, den er seit der Veröffentlichung seines Debüts Dang Bireley’s Young Gangsters im Frühjahr 1997 gehalten hatte. Auch wenn kein thailändischer Film zwischenzeitlich den Box Office Rekord dieser auf realen Begebenheiten im Thailand der 50er Jahre beruhenden Gangstergeschichte einstellen konnte, scheinen sich Thailands Filmkritiker sicher: die Arbeiten Nimibutrs sind weniger Ausnahme, als vielmehr Symptom einer sich aus tiefer Rezession erholenden thailändischen Filmszene. Und einer neuen Attraktivität thailändischer Filme für das einheimische Publikum aber auch Kinogänger in anderen südostasiatischen Staaten.

 

Es ist leicht, die drastischen Einbrüche für die Filmindustrien jenseits der Vereinigten Staaten auf das Effektbombardement aus Hollywood zu schieben. Natürlich verliehen die zum Teil atemberaubenden Computereffekte, die sich die großen US-Studios für ihre Filme leisten konnten, dem Kino in den Neunzigern eine neue Attraktivität. Eine Attraktivität, die gerade auch das thailändische Kino lange Zeit nur konsterniert zur Kenntnis nahm, ohne aber nach Wegen zu suchen, das einheimische Publikum für die unmöglichen Spezialeffekte zu kompensieren. Der Verfall der thailändischen Filmkultur hatte allerdings schon mehr als eine Dekade früher längst begonnen. Strickte Zensurbestimmungen, steigende Kosten und das immer offensichtlicher untaugliche, doch viel zu etablierte Muster, Filme schnell und billig herunterzudrehen, machten das Thai-Kino nicht mehr konkurrenzfähig. Hollywood und Hongkong dominierten die thailändischen Lichtspielhäuser. Die einheimische Filmproduktion stürzte im Zuge dieser Entwicklung von 200  auf lächerliche 15 Filme pro Jahr. Vor allem ein neuer Professionalismus, ist sich der britische Filmkritiker Tony Rayns sicher, sei es, der dem thailändischen Kino  wieder zu einem allmählichen Auftrieb verhilft.

 

 „Die thailändischen Filmemacher wissen jetzt, daß sie mit diesen billigen Quickies nicht mehr davonkommen, mit denen sich noch der nun mehr als 20 Jahre zurückliegende Boom begründen ließ.“ Auch das Marketing habe sich professionalisiert, weiß Rayns. So würden inzwischen Previews durchgeführt, um die Reaktion des Publikums zu testen. Und die Filme würden nicht mehr nur in Thailand, sondern auch in anderen asiatischen Staaten vermarktet. Nonzee Nimibutr schloß sich vor wenigen Monaten sogar einer von den Hongkong-Regisseuren Teddy Chen und Peter Chan lancierten Initiative an, Filmtalent und Kapital panasiatisch stärker zu vernetzen. Applause Pictures nennt sich das Unternehmen und ist für Hongkongstudios nicht nur eine ausgezeichnete Möglichkeit, in Thailand oder Südkorea erheblich billiger zu produzieren, sondern auch einen größeren Kapitalinflux in die Filme nur zu offensichtlich talentierter Filmemacher in Thailand oder Südkorea zu gewährleisten, sowie die auf ein panasiatisches Publikum zugeschnittenen Filme in ganz Asien effektiver zu vermarkten. Rayns kann noch einen weiteren Aspekt hinzufügen: „Offensichtlich beginnt sich allmählich so etwas wie ein asiatisches Bewußtsein herauszubilden. Die Menschen begreifen ihre Gemeinsamkeiten. Als ein Resultat, sind in den letzten Jahren viele asiatische Filmfestivals ins Leben gerufen worden, die ihr Programm auf regionale Filme konzentrieren.“

 

Schon Nonzee Nimibutrs nächster Spielfilm, eine Adaption des zensierten thailändischen Erotikromans „Chandara“, wird bereits mit von Applause Pictures akquiriertem Kapital finanziert werden. Das Konzept von Applause Pictures ist bisher noch einmalig, wird aber hoffentlich Nachahmer finden, sobald es sich bewährt. Denn trotzdem sich Thailand gut von der asiatischen Wirtschaftskrise erholt, bleibt es für andere Thai-Studios zunächst noch schwierig, das notwendige Kapital für aufwendige Produktionen zu akquirieren. Nicht jedes Filmstudio ist wie RS Films oder Tai Entertainment, die offenbar aus völlig neuer Perspektive auf den Markt schauen und so mit den beiden Spielfilmen Nonzee Nimibutrs die erfolgreichsten Thai-Filme aller Zeiten veröffentlichten, ein sicherer Garant für respektablen Gewinn. Auch der existenzbedrohende Effekt illegaler VCD-Kopien, wenn der sich bisher auch noch nicht so nachhaltig wie in Hongkong erwiesen hat, mag das Aufblühen der thailändischen Filmindustrie gefährden.  

 

New Stars Rising  

 

„Trotzdem das Publikum glaubt, ausländische Filme seien generell besser, können sie einheimische Filme von guter Qualität sehr stolz machen. Wenn sie dieses Gefühl durch den Kauf eines Tickets demonstrieren, werden sich Produzenten und Distributoren schon überzeugen lassen, unsere Arbeit ernster zu nehmen“                                   

Lumnow Sutto, Regisseur (Land of the Lost)  

 

Die Hoffnung, mit der die thailändische Filmszene das Jahr 1997 kommentierte, war berechtigt.  Dang Bireley’s Young Gangsters, ein thailändischer Film, rangierte sich hinter Independence Day und nur sehr knapp hinter Twister auf den dritten Platz der Rangliste des Kinojahres. Und mit Pen-ek Ratanaruangs Fun:Bar: Karaoke hatte es endlich wieder ein thailändischer Spielfilm ins Programm der Berlinale geschafft (blieb allerdings an der einheimischen Kinokasse ohne Erfolg). Für eine Euphorie jedoch, gab es schon 1998 keinen Anlaß mehr. Der Profit durch einheimische Produktionen sank gegenüber dem Vorjahr um die Hälfte. Tatsächliches Umdenken hatte noch nicht stattgefunden.  Die grandiosen Erfolge des Kinojahres 1997 gingen vor allem auf die Konten von zwei Spielfilmdebütanten - Rachen Limtrakul und Nonzee Nimibutr. Es war die Frische, ihre Ungehemmtheit, etwas neues zu versuchen, die ihren Filmen nicht nur zu phänomenalen Einspielergebnissen an der Kinokasse verhalf, sondern auch zum Wohlwollen der Kritiker. Nur wenige kritisierten die aus Werbefilm und Musikvideo, dem bisherigen Arbeitsfeld der Regisseure,  adoptierte Hochglanzoptik und die hochästhetischen Bildkompositionen als Kompensat für etwaige Drehbuchschwächen.  Vielmehr wurde es alsbald, spätestens mit dem ungeahnten Erfolg der Filme, zum Konsens, daß sich vor allem Nimibutr mit diversen Zeitsprüngen, Farbwechseln und nicht zuletzt durch den Einsatz semi-dokumentarisch gehaltener Szenen und Stillshots auch der Narration auf für thailändische Verhältnisse innovative Weise genähert hat.

 

Sicherlich darf man nicht von Perfektion sprechen, man kann diese aber auch nicht erwarten von Regisseuren, die aus Mangel an kompetenten Autoren zwar oft genug für die Drehbücher verantwortlich zeichnen, dennoch ihre Profession eindeutig auf der Produktionsseite sehen. Und diese visuelle Seite präsentiert sich in den beiden Spielfilmen des Nonzee Nimibutr nicht nur international konkurrenzfähig. Auch ohne immensen Aufwand teurer Computereffekte wird insbesondere durch Nang Nak sehr viel zu einer Marginalie der Filmgeschichte degradiert, was in den Neunzigern weltweit auf die Filmleinwände projiziert wurde. Doch eine cineastische Offenbarung wie Nang Nak schien 1998 zunächst wieder in weite Ferne gerückt. Die großen Erfolge, die Rachen Limtrakul mit Romantic Blue für RS Films, einem aus der Musikvideoproduktion neu auf den Spielfilmmarkt gedrängten Studio, und nach ihm Nonzee Nimibutr mit Dang Bireley’s Young Gangsters feierten, blieben unerreicht. Crime King, das Comeback für den Leinwandstar Amphol Lampoon, und 303 Fear/Faith/Revenge von Tai Entertainments Somching Srisupap liefen gut. Viele etablierte Regisseure begannen zu realisieren, daß sie mit dem Erfolg der jüngeren Generation und ihren neuen Ansätzen nicht mehr wetteifern konnten. Sie zogen sich zurück oder beschränkten sich wie der Regieveteran Adirek „Uncle“ Wattaleelaa auf Beratertätigkeit in den Filmstudios. So wurde der Weg frei für noch mehr frisches Blut, was schließlich dazu führte, daß 1999 zu einem der denkwürdigsten Jahre der thailändischen Filmgeschichte wurde.

 

Es war ein Jahr der Superlative. Und ein Jahr, in dem sich stilistische und thematische Paralyse endgültig vom Thaifilm löste. Die Erfolge gingen aber wieder auf das Konto junger Regisseure.  Der Altregisseur M.C. Chatrichalerm bekam zwar für seinen Suriyothai das großzügigste Budget in der thailändischen Filmgeschichte zur Verfügung gestellt. Dennoch blieb der Streifen weit hinter den Erwartungen zurück. Ebenfalls mit sehr hohem Budget und zudem  Amphol Lampoon realisierte Nopporn Martin, ein zugegeben auch nicht mehr taufrischer, aber stets sehr erfolgreicher Regisseur die Gangstergeschichte Ang Yi. Amphol Lampoon wurde ebenso als Kassengarant für Cloning, einen Genthriller des Neulings Piti Chaturapat, gecastet. Die Produktionsfirma RS Films, die sich zunächst fest auf Teen-Movies eingebucht hatte, ging neue Wege. Und der Film wurde ein Hit. Die Feuilletons feierte vor allem die Rückkehr ihrer Lieblinge Pen-ek Ratanaruang mit Simple Men und Manop Udomdej, der sich das schlechte Abschneiden seines The Dumb Die Fast, The Smart Die Slow an der Kinokasse sehr zu Herzen genommen hatte. Trotzdem sich die Kritik auf seine Seite schlug, zog Manop sich acht Jahre lang zurück. Erst 1999 meldete er sich unter großem Medieninteresse mit Beyond Forgiven zurück, für den er sich unter Druck der Marketingabteilung mit Teeniestar Dom Hetrakul in der Hauptrolle anfreunden mußte. Ein Wahnsinnserfolg war der Film an der Kinokasse trotzdem nicht. Aber weder Manop noch die Produzenten hatten ernsthaft  gehofft, es mit dem Film aufnehmen zu können, der seit seiner Veröffentlichung im Juli die thailändische Filmwelt auf den Kopf und in die Zukunft gestellt hatte: Nang Nak.       

 

Gangster und Geister - die Filme des Nonzee Nimibutr  

Karma darf nicht bestechlich sein  

 

Es soll eine Zeit gewesen sein, in der Pistolen leichter zu bekommen waren, als Jobs. Damals, im Bangkok in der 50er Jahre. James Dean und Elvis waren die Idole der thailändischen Teenager, Rock’n’Roll der Soundtrack ihres Lebens und die blutigen Kämpfe mit verfehdeten Gangs anderer Schulen der Alltag. So beginnt Piak Visthutikasat von seiner Jugend zu erzählen. Länger als vierzig Jahre liegt diese Ära zurück, eine Ära, in der berüchtigte Jugendbanden wie die Gang Dang Bireleys einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Piak ist der einzige Überlebende der Dang Bireley Gang. Mehr als zwanzig Jahre hat er in Haft gesessen.  Und nach seiner Entlassung hat er ein Buch geschrieben. Genau genommen hat er sogar drei Bücher geschrieben, in denen er die Erlebnisse seiner Jugend verarbeitet. Und rekapituliert, wie er selbst zu einem der gefürchtetsten Gangster des Königreiches wurde. Aber dieses eine Buch, Route of Mafia, hat den Filmemacher Nonzee Nimibutr ganz besonders beeindruckt. Kontrovers wurde es sofort nach seiner Veröffentlichung diskutiert. Nicht nur unter Politikern, die Möglichkeiten abwogen, ob und wie jugendgefährdend die vermeintliche Inszenierung des Mythos Dang Bireley sein könnte. Auch ehemalige Gangster und andere Zeitgenossen von Dang Bireley und Piak Visthutikasat brachten sich alsbald in die Diskussion ein und warfen dem Autoren vor allem vor, die tatsächlichen Begebenheiten maßlos zu übertreiben. Niemand hätte doch damals wirklich Pistolen gehabt. Und daß Dang Bireley unter der rauhen Schale tatsächlich so einen guten Kern gehabt haben soll, wie es Piak darstellt, wollten viele bezweifeln. Und als schließlich der Werbefilmer Nonzee Nimibutr den Roman für sein Spielfilmdebüt adaptierte, wurde die Diskussion gar so populär, daß plötzlich jeder meinte mitreden zu müssen. Man konnte auch gar nicht umhin. „2499: Dang Bireley’s Young Gangsters“ war das Thema, der erfolgreichste thailändische Spielfilm aller Zeiten. Ein Film, in dem auch stilistisch neue Wege beschritten wurden.

Das Interesse an Regisseur und Thematik war überbordend, kaum eine Zeitung in der Nonzee Nimibutr nicht als Retter der öden thailändischen Filmlandschaft gefeiert oder seine Arbeit als stellvertretend für einen gewaltigen Aufwärtstrend im thailändischen Filmschaffen euphorisiert wurde. Piak Visthutikasat spielt sich im Film selbst. Ein alter Mann, der nostalgisch zentimeterdicke Staubschichten von seinen Erinnerungen pustet und als Narrator die schwarzweißen Fotografien und die knisternden Sounds zerkratzter Elvis-Schallplatten zur Geschichte seiner Jugend verdichtet. Seiner Jugend und der Jugend von Dang Bireley, einem weiteren Kind der Umstände.

 

Dang ist 13, als er seinen ersten Mord begeht. Dem Freier, der seine Mutter schlägt, rammt er sein Klappmesser so oft in den Magen, bis dieser schließlich sterbend in der dunklen Straße im verrufenen Bahnhofsviertel zusammenbricht. Einige Jahre später geht es um die Vorherrschaft seiner Gang bei Schutzgelderpressung in der Nachbarschaft. Er schießt in den Rücken. Kaltblütig und von langer Hand geplant. Hiernach hat er sich konsolidiert. Der dritte und letzte Mord, den der Film explizit herausarbeitet, hat das Motiv der Rache. Dem Mann, der den Mord an seinem Mentor und Gönner in Auftrag gab, erschießt er im Vorbeifahren. Das soll das Ende seiner kriminellen Karriere sein. So soll alles geregelt sein, die offenen Rechnungen beglichen. Dang möchte auf die dringliche Bitte seiner Mutter ordinieren, ins Kloster gehen. Nur so kann er wider das schlechte Karma  wirken, das sie als Prostituierte und auch er selbst in seinem bisherigen Leben akkumuliert haben. Doch dieses Karma wendet sich gegen die Familie. Die Ordinationszeremonie wird von seinen Erzrivalen attackiert. Das finale Blutbad dieses Films. Dang soll niemals in seinem Leben die Möglichkeit haben, sich von seinen Sünden reinzuwaschen.

 

„Ich gebe zu, das es gefährlich für jugendliches Publikum sein könnte, diesen Film zu sehen“, reagiert Nonzee Nimibutr auf den Vorwurf, sein Dang Bireley sei nicht wirklich Antiheld und es gäbe Szenen im Film, die seinen Lebensstil sogar attraktiv erscheinen lassen. Tatsächlich gibt es diese Szenen, womit sich Nonzee aber nur adäquater der Komplexität der Geschichte nähert. Nonzee macht deutlich, wie sehr die Jugendlichen Marionetten eines Systems waren, das auch nach ihrem Tod weiter besteht. Um sich in  einem Umfeld zu etablieren, das von Korruption und Gewalt regiert wird, muß man selbst ein Meister der Korruption und Gewalt werden. So lautet die naheliegende und einfache Schlußfolgerung, deren fatales Potential die Jugendlichen geblendet durch die Versuchungen ihrer kriminellen Gönner noch nicht erkennen können. Weil sie den Teufelskreis nicht erkennen, wächst in ihnen auch kein Bedürfnis, sich aus diesem zu lösen. Nach einer blutigen Straßenschlacht zwischen Dang und seinen Rivalen geht die Militärregierung erbarmungslos gegen die Straßen- und Kleinkriminalität in Bangkok vor. Dang flieht wie viele andere Gangster seiner Zeit nach Udon, wo in der unmittelbaren Nähe eines US-Luftwaffenstützpunktes das Geschäft mit Prostitution, Drogen und Glücksspiel boomt. Im Haus von Sarge Moo, der die kriminelle Karriere Dangs schon seit langem gefördert hat, findet er Asyl. Eines Nachts erfährt Dang, daß Moo in einem Schuppen junge Mädchen foltert, um sie in die Prostitution zu zwingen. Sie stehen, mit den Händen an die Decke gefesselt, über und über mit Kot beschmiert. Dang ist außer sich, doch ermöglicht den Mädchen letztendlich nicht mehr als ein Bad und ein warmes Essen. Mehr könne er nicht tun, denn schließlich sei er Moos Angestellter. Er könne sie nicht laufen lassen, bedauert er und bestätigt damit, daß er selbst ein Gefangener ist.

 

Deutlich wird in dieser Sequenz auch die Erkenntnis seines unmoralischen Lebensstils, der ihn zu Handlungen wider sein Gewissen zwingt. Indem er den Teufelskreis nun als solchen erkennt und er dennoch nicht konsequent nach einem Ausweg sucht, lädt er mehr Schuld auf sich als mit seinem ersten Mord. In diesem wie in vielen anderen Aspekten ist der Film tief durchdrungen von buddhistischer Dogmatik. Die Kontroverse um die Verherrlichung des Lebensstils seiner Figuren, geht völlig am Ziel vorbei. Nonzee Nimibutr ist ein durch und durch moralischer Filmemacher. Und sein Kodex ist nur zu offensichtlich durch den Buddhismus geprägt, gerade wenn er den Kreis im Finale schließt. Dang hat kein Recht auf die Ordination. Es könnte durchaus gefährlich für Jugendliche sein, diesen Film zu sehen, hatte Nonzee eingestanden. Das Leben als Gangster hat auch attraktive Seiten. „Um den Kontrast zwischen gut und schlecht sehr deutlich herauszuarbeiten, mußte ich deshalb die Gründe berücksichtigen, aus denen sie Gangster wurden. Die Versuchungen, ihren Lebensstil. Um so auf das  Resultat hinzuarbeiten, zu dem das alles so offensichtlich am Ende ihres Leben führt.“ Um diese Botschaft an sein Publikum zu vermitteln, entschied sich Nonzee Nimibutr die wahre Geschichte umzuschreiben. Zwei Jahre hat er die Geschichte Dang Bireleys recherchiert. Dabei hat er bestätigt gefunden, wovon Piak Visthutikasat in den letzten Kapiteln von Route of Mafia erzählt. Dang Bireley wurde ordiniert und verbrachte einige Zeit im Kloster.  

 

Liebe ist eine Fessel  

 

Die Geisterfrau Mae Naak hatte schon viele Gesichter. Sie war der Dämon, der neidisch auf das Glück der Lebenden von den Toten wiederkehrte, um den Menschen das Leben schwer zu machen. Sie war die eifersüchtige Furie, die Jagd auf die Frau machte, die ihr Mann nach ihrem Tod geheiratet hatte. Sie war schon vieles, in unzähligen von Adaptionen. Dennoch ist sich Regisseur Nonzee Nimibutr sicher, ganz neue Ansätze aus der alten Legende gewonnen zu haben. Um den Unterschied seiner Version zu den vorangegangenen Interpretationen zugleich offensichtlich zu machen, gab er seiner Hauptfigur auch einen neuen Namen: Nang Nak. Mit einem neuen Realismus wirbt man auf der Internetseite (www.nangnak.com). Von dem Klischee des langhaarigen, schönen Geistes wollte man sich lösen. „Ich habe auch nie verstanden, warum eigentlich nie jemand auf die Liebesgeschichte gewichtet hat, anstatt auf die Horrorelemente oder ihr eifersüchtiges Wesen“, meint Nonzee und sollte es doch eigentlich zufrieden sein. So ist er mit seiner Version sicherlich offene Türen eingerannt. 150 Millionen Baht, das zwölffache seiner Produktionskosten,  hat Nang Nak an den thailändischen Kinokassen eingespielt. Eine für einen Thai-Film bis dato ungeahnte Summe, doppelt so hoch wie das Einspielergebnis seines Debüts Dang Bireley’s Young Gangsters, dessen Rekord er mit Nang Nak nun selbst eingestellt hat.

 

Nicht nur durch seine Orientierung auf die unsterbliche Liebe zwischen Nang Nak und ihrem Ehemann Mak gewinnt Nonzee Nimibutr der Legende einen neuen Aspekt ab. Auch dadurch, daß er sich Liebes- und Geistergeschichte aus einer buddhistischen Perspektive nähert, wie sie bereits in seinem Debüt evident war, stellt er subtil weitere Elemente in Frage, die in der Legende auch aufgrund ihrer steten Reproduktion fest verankert schienen. Er bietet sogar die Möglichkeit, der auf der Leinwand inszenierte Spuk, könne auch ganz andere Ursachen haben, als die Rückkehr Nang Naks von den Toten. „Es ist ihr eigenes Karma, das sich gegen sie wendet“, gibt Nang Nak ihrem Mann zu verstehen, als sich dieser wegen der Todesfälle in seinem Freundeskreis besorgt. Tatsächlich schaffen plötzlich aufziehender Sturm, Regen und Gewitter eine gespenstische Atmosphäre und ein Gefühl der Bedrohung, auf einen Geist, der Menschen attackiert, aber hat der Regisseur verzichtet. Vieles, durch was sich die Dorfbewohner bedroht fühlen, mag ganz natürliche Ursachen haben. Ihr Aberglauben ist etwas, worauf Nonzee Nimibutr schon in der Eröffnungssequenz  verweist. Als sich der Mond vor die Sonne schiebt und es in der Mitte des Tages dunkle Nacht wird, bricht heillose Panik aus.

 

Nonzee Nimibutr integriert sogar Ideen in den Subtext der Geistergeschichte, die die Vermutung reifen lassen, nicht der Geist Nang Naks sei Urheber der unerklärlichen Phänomene, sondern die angeschlagene Psyche des Witwers Mak. Dieser wird im Krieg schwer verwundet und deliriert mehre Wochen an der Schwelle zum Tode. Der buddhistische Abt, dem es schließlich gelingt Mak zu heilen, rät Mak, ein Kernprinzip des buddhistischen Glaubens stets zu befolgen, sonst würde er großes Leid verursachen. Nicht an irdische Dinge solle er sich hängen. Nach buddhistischer Auffassung ist auch die Liebe nur eine Illusion, die von der wahren Erkenntnis ablenkt. Mak lehnt das Angebot des Mönches ab, sofort zu ordinieren, und kehrt zurück in sein Dorf. Vor dem Haus wartet Nang Nak. Auf dem Arm trägt sie Dang, den gemeinsamen Sohn.  Das gemeinsame Glück ist jedoch nicht von Dauer. Die Nachbarn und Freunde vermeiden jeden Kontakt. Als Mak eines Tages im Wald Holz schlägt, überrascht ihn Um, ein alter Freund. Um ist völlig verängstigt und was er da erzählt, ist die gemeinste Lüge, die Mak je gehört hat. Nang Nak sei bei der Geburt des Kindes gestorben, beschwört Um: Nang Nak und das Kind seien Geister. Aufwachen solle er, der Geblendete, solle sehen, daß er mit den Geistern lebe. Auch diese Bemerkung erlaubt wenigstens zwei Interpretationen. Die erste ist natürlich, es leben Geist und  Mensch unter einem Dach. Man kann aber auch annehmen, der Satz sei an jemanden adressiert, der sich nicht von der Vergangenheit lösen kann, der mit den Toten spricht, als seien sie noch am Leben. Und nur er kann sie sehen.  Fern läge diese Mutmaßung nicht, wenn man nur bedenkt, wie der psychisch und physisch angeschlagene Mak schließlich heimkehrt, doch nur um zu erfahren, daß die geliebte Frau gestorben ist. Mehr Evidenz für diese Theorie offenbart sich, als auch der Abt des lokalen Klosters Mak in dessen Hütte aufsucht, um ihn zur Einsicht zu bewegen. Das Haus macht plötzlich einen schmutzigen, zerfallenen Eindruck. Wenn Nang Nak und Mak alleine sind, sieht es wesentlich gepflegter aus. Zudem bietet Mak dem Abt völlig vergammeltes Trockenobst an und schaukelt beständig eine Wiege, in der der Abt beim besten Willen nichts erkennen kann. Abgesehen von dichtgewebten Spinnennetzen. Der Konflikt wird im Finale schließlich dadurch gelöst, daß sich Mak am Grab von Nang Nak endgültig verabschiedet. Der Geist kehrt in den verwesenden Leichnam zurück und wird dort durch einen hohen Mönch gebannt. Eine Mission, an der ein Schamane zuvor kläglich gescheitert ist und mit dem Leben bezahlte. Mak wird ordiniert und verbrennt Nang Naks Leichnam. Nun hat er sich von den Versuchungen des Samsara, des irdischen Jammertals und ewigen Kreises der Wiedergeburten, losgesagt.

 

Dem Unterhaltungswert von Nang Nak ist die Ambivalenz seiner Handlung nicht abträglich. Neben den wunderbaren Bildern und dem hinreißend elegischen Soundtrack ist es gerade diese Ambivalenz, die dem Film auch nach mehrmaliger Ansicht immer wieder interessante Momente abgewinnen läßt. Es ist bei weitem also nicht nur großspurige Promoprahlerei, wenn Nonzee Nimibutr behauptet, er hätte der Legende ganz neue Aspekte abgewonnen. Das hat er. Die Geschichte ist nicht nur originell und in einer beeindruckenden Ästhetik neuerzählt, sondern durch die Option für eine andere Sicht auf die Beziehung von Nang Nak und Mak auch des etwas faden chauvinistischen Beigeschmacks entledigt worden. Es ist nicht länger zwangsläufig Nang Nak, die aus Liebe und Devotion von den Toten aufersteht. Zeitgleich hat Nonzee Nimibutr auch die Variante erzählt, daß es Mak war, der aus Sehnsucht nach ihrer Liebe und Fürsorge, Nag Nak zumindest in seinem Geiste wiederbelebt hat.  

 

Großer Dank an Helmut Krutsch für die unermüdliche Unterstützung!

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