Der Technik blaue Seele - Beth Hirsh
„All I Need“ ist schon ein ziemlich gutes Stück. Natürlich haben viele, die die Brillanz des Stückes gerne emphatisieren, dies erst mitbekommen als ein innovativer Videoclip die schluchzige Melancholie des Stückes noch stärker auftrug und die „Moon Safari“ im Grunde - bis auf ein paar Nachzügler - schon längst wieder hätte abgeblasen sein sollen. Beth Hirsh, die diesen Hit gemeinsam mit Air komponierte, hat sich auf ihrem zweiten Soloalbum nun erneut mit der elektronischen Seite der Musik eingelassen. Herausgekommen ist „Titles and Idols“, ein Werk, das nicht nur zeitgemäßer klingt als ihr eher minimalistisches Debüt, sondern - man kann das ganz deutlich hören - der Explizitmachung des einzigartigen Soul ihrer warmen Kompositionen noch äußerst zuträglich ist.
BETH HIRSH
Der Technik blaue Seele
Text: Nimrod
„Early Days“ war vieles. Es war warm und wundervoll, zauberhaft und direkt vom Herzen. Aber es war auch typisch. Es war ein Album einer Sängerin und Songschreiberin. Es war sogar so sehr typisch, dass beherzte und durchaus wohlmeinende Kritiker tief in ihre gepflegte Referenzkiste griffen, um hiernach mit Namen wie Joni Mitchel zu jonglieren. Das mag einerseits als große Ehre und andererseits als große Genugtuung empfunden werden, doch einen Weg in Zukunft, den weisen all die tollen Referenzen aus dieser etwas eingestaubten Kiste nun wahrlich nicht. Mit ihrem neuen Album „Titles and Idols“ stellt Beth Hirsh diesen ihr bereitwillig überlassenen Ehrensockel nun sehr freiwillig zur Disposition. Denn ein Titel, so hochwürdig er auch sein mag, engt doch immer ein. Ist etwas für in ihrer Entwicklung stagnierende Menschen, für die Alten. Beth Hirsh hingegen begreift sich weder auf dem Zenit noch am Ende ihrer Evolution als Mensch und Musikerin.
„Man muss die Hinwendung zur Elektronik nicht zwingend als eigentlichen Schritt auf der Suche nach dem ultimativen Sound der Beth Hirsh begreifen. Ich schreibe Musik eigentlich mehr im Einklang mit meiner persönlichen Evolution. Die verschiedenen Abschnitte meines Lebens bedingen damit die Methoden und die Art, mit denen ich meine Geschichten erzähle. „Titles and Idols“ dreht sich ganz besonders um Partnerschaften. Ich weiß wirklich nicht ob mich dieses Album näher an die Verwirklichung meiner ultimativen Vision meiner Musik gebracht hat. Auf dem nächsten Album könnte ich wirklich schon wieder ganz anders agieren. Aber weil die drei Produzenten - Black Dog, Bluesound und Jackson und ich uns wirklich so perfekt in unserer Arbeit und Vision ergänzten, sollte ich vielleicht auch mit Blick in die Zukunft resümieren, dass es sich zumindestens um eine erfolgreiche Formel handelt.“
„Titles and Idols“ - da stimmt Frau Hirsh unumwunden zu - wächst (gerade gegenüber seinem Vorgänger) durch den Geist der Zusammenarbeit, der Partnerschaft. „Early Days“ war ein bekennendes Statement ihrer Wurzeln als Singer und Songwriterin. Es ging ihr darum, das, was in ihr ist, nach Außen zu kommunizieren. Weniger darum, einen wirklichen Schritt vor die eigene Tür zu tun, um die Leute, die ihre Geschichten erreichen sollten zu sich einzuladen und sie nach deren Meinung zu befragen. Diesen gewinnenden Schritt hat sie jedoch nun mit „Titles and Idols“ gewagt. Sie hat ihre Songs vor Produzenten, auf deren Fähigkeiten sie vertraute - denn Vertrauen hätte hier eine enorme Rolle gespielt, betont sie - ihre Songs zur Diskussion gestellt. „Es war nun wirklich das erste mal, dass ich mich bereit fühlte und auch spürte, dass meine Songs durch Elektronik nur gewinnen konnten. Natürlich waren da die Kooperationen mit Marc Collin - „Miner’s Song“ [ihre Debüt Single] hatte ja auch Elektronik Einflüsse - und mit Air, aber es ist eine ganz andere Erfahrung, wenn man ein ganzes Album aufnimmt.“ Nie hätte sie zu dem Zeitpunkt, als die Songs für „Early Days“ entstanden auch nur in Erwägung gezogen, wäre ihr gar die Idee gekommen zu bereden, was aus einer Harmonie noch herauszuholen wäre. Nun haben die Produzenten getan, wozu sie so notwendig sind. Sie konzentrierten sich auf Teile des Songs, von denen sie überzeugt waren und begannen diese auszubauen. Und natürlich vor allem deshalb, darf man „Titles and Idols“ nicht nur die modernste und ambitionierteste, sondern auch die eingängigste Veröffentlichung der Beth Hirsh nennen. Und die Künstlerin hat dem sogar noch etwas zu ergänzen: „Early Days“ könnte in jedem Jahr geschrieben sein. Wohingegen das neue Album durchaus ein Statement der gegenwärtigen Ära ist. Ich denke, dass die Arbeit mit den Elektronik-Produzenten auch hörbar mehr Spannung in die Musik gebracht hat. Black Dog legt eine Menge Druck in die Produktion. Das unterstreicht ganz hervorragend den Druck und die Spannungen in den Geschichten, die ich erzähle. Und ich muss auch eingestehen, dass ich gerade Bluesound und Jackson selbst als eine Fusion von modernisiertem Folk und Jazz und natürlich Elektronik empfunden habe. Ich meine dies in Bezug auf ihren bemerkenswerten kulturellen Hintergrund, in Bezug auf die Musik, die sie hören. Diese Wurzeln ergänzen sie meisterhaft mit ihrem Wissen um Technologie und Elektronik.“ Ausdruck der musikalischen Weitsicht und immensen Fähigkeiten der Produzenten sei zudem die Attitüde gewesen, mit der sie jegliche Ambitionen, sich selbst in dieser Zusammenarbeit inadäquat zu profilieren, aus Respekt und Begeisterung für das Songwriting, die Melodien und die Stimme der Beth Hirsh dem Kontext des Albums der Künstlerin untergeordnet haben. Es kann folglich also sehr harmonisch verlaufen, wenn klassischer Song und Elektronik aufeinandertreffen. Selbst wenn man sich in die Höhlen von Leuten wie The Black Dog wagt, deren Sound über ihre zahlreichen Arbeiten mit und an dem Songwerk von KünstlerInnen wie Björk, Blondie, Radiohead als auch der seligen Ofra Haza längst schon ein Markenzeichen ist. Lachend erinnern wir uns an die Geschichten von Gift und Galle, die aus dem Studio drangen, in das Madonna gemeinsam mit dem Franzosen Mirwais gesperrt war. Zugegeben ging es an jener Stelle um das Backen größerer Brötchen, aber Beth Hirshs glockenklare Stimme durch den Vocoder zu zerren, das hätte sich wohl auch dieser Mirwais nicht gewagt.
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