Die Zusammenkunft - Isolation Years
Jakob hat gerade den Verschluss einer Flasche Hansa springen lassen. Dann wartet er. Immer noch. Wartet darauf, dass ich etwas zu ihm sage. Fragen stelle. Schließlich ist das ja ein Interview hier.
Soll es sein. Himmel nur, wie stelle ich das, stelle ich überhaupt etwas an. Jakob, ich kann es spüren, wird ungeduldig. Oder - besser gesagt - er wird etwas nervös. Aber das ist doch ein Interview hier?, fragt er zwar nicht, aber das mag er wahrscheinlich denken, wie er auf das Diktiergerät schaut, in dem zwar das Band langsam von einer Spule auf die andere gezogen wird, dabei aber bisher noch nicht viel aufgezeichnet hat. Himmel nur, wie stelle ich das an! Dabei habe ich doch nun wirklich schon hunderte Interviews geführt … und ein Interview, dass soll’s doch sein. Deshalb bin ich doch nach Hamburg gekommen. Und fragen Sie bloß nicht, was für ein Stress das gewesen ist. Und nun sitze ich im Keller eines Gebäudes, aus dem in wenigen Stunden tausende Menschen die Luft wegatmen werden. Wegen Stickman, wegen Sticksister, wegen Soundtrack of Our Lives, wegen 35007, wegen Fireside. Vor allem natürlich wegen Motorpsycho. Und hoffentlich atmen sie auch schon bei Isolation Years … die Fans. Mit der japanischen Fan-Delegation hatten wir übrigens schon am Vortag in einem Vorstadt Irish Pub gesessen. Bis tief in die Nacht, bis der schrullige Inhaber nicht mehr schrecklich schräg den Marten von HGH auf der Flöte begleiten mochte, diese Flöte statt dessen wie ein Zepter schwang und gebot, dass nun endlich Ruhe zu halten sei. Die Spanier kommen heute. Rechtzeitig. Und auf dem Weg zum „Kaiserkeller“ vernahm ich schon am späten Nachmittage neben den unvermeidlichen Motorpsycho Mantras sehr viel Smoerebroed. (Was aber auch klar war.) Dass die hier alles Verrückte sind, mit unauslöschlicher Gewissheit, das denkt man sich so, bei deren bedingungslosen Enthusiasmus. Und wie soll man das anders nennen als herzigen Fanatismus, dieses Der Band tausende Kilometer Nachgereise und sich in Japan ins Flugzeug Gesetze… tsss, die Fans. Das ist eine völlig eigene Welt.
Und während meine Gedanken so abschweifen, kratzt Jakob immer etwas angespannter seinen Vollbart. Und das Band, das dreht sich natürlich auch weiter. Unerbittlich. Stille dokumentierend … bis ich es dann sage. „Ich glaube … ich glaube … weißt du, ich denke ich bin Fan …“ Da ist es endlich raus. Und spürbar ist die Erleichterung. Ich sehe natürlich dennoch die kleine Skepsis flimmern, in Jakobs Augen, der sich natürlich fragen muss, was nach der langen Stille auf diesen Durchbruch nun folgen mag. Und ich sage: Ich kann deshalb kein richtiges Interview machen. Und statt dessen?
Statt dessen - nichts gesagt habe ich nun wirklich lang genug - erzähle ich von der Verehrung, die ich hege, für seine sanft und ruhig fließenden Tongedichte, wie wunderbar sich da alles zusammenschlingt, untrennbar vereint, nichts ohne das andere mehr sein kann, weil es natürlich schon immer eins gewesen ist. Nun weiß auch ich es. Vollkommene Poesie. Rund. Rund. Rund. In jeder Note und Silbe. Harmonierend. Dan… „Danke! Danke!“, wehrt er ab, noch ganz bescheiden. Und ich erwische mich tatsächlich ein wenig beschämt, wie es gerade mit mir durchgegangen ist. In jedem Falle: Welche Lust sollte ich denn verspüren, an dem was Jakob so vollkommen verwoben hat herumzupflücken, es mit meinen nichtigen Fragen zu besudeln, Unwissenheit vorspielen, wo ich doch nun endlich glaube begriffen zu haben? Dennoch, die Situation ist natürlich etwas … etwas awkward. „Meine Freundin“, plaudere ich: „die hat mal eine ganze Weile in Schweden gelebt. In Stockholm.“ Jakob erwidert, er möge Stockholm nicht. Zu groß sei die Stadt und gleichzeitig erdrückend. Das kenne ich, stimme ich zu, mit Berlin geht es mir sehr ähnlich. „Aber wenn man sich in Schweden ins Gerede bringen will, dann muss man nach Stockholm gehen“, erzählt Jakob von sich aus. An Ümea, der Studentenstadt hoch im Norden, schaut man in der Regel vorbei. Immer noch. Und deshalb ist man in Schweden auch im Moment etwas beschämt, dass Isolation Years, die - was doch jeder sofort hören kann - zu den bemerkenswertesten Newcomern des Landes zählen, ihren Plattenvertrag bei einem deutschen Label unterschrieben haben. Nicht nur schlecht geschaut hätte die schwedische Musikindustrie, lauten die Vorwürfe, als regelrecht blind habe man sich dort nun herausgestellt. Und natürlich taub.
Aber, man darf sich da in Schweden nichts vormachen, Isolation Years waren schon immer eine Stickman-Band. Das haben nicht lediglich fünf Leute zugunsten der Band entschieden. Es ist da natürlich auch eine gewisse Aura, die man besser nicht genau zu definieren versucht, die eine Band fast unabhängig von ihrem individuellen Stil und als Teil der Stickman Family qualifiziert. Eine Aura, die auch bindet, und die eine doch sehr erfolgreiche Band wie Motorpsycho mal ganz abgesehen von der persönlichen Beteiligung am Label, ohne Stickman eigentlich undenkbar macht. Die selbe Aura, die natürlich auch Schuld ist an all dem Der Band tausende Kilometer Nachgereise und sich in Japan ins Flugzeug Gesetze… „Deshalb bist du hier, Jakob. Deshalb bin ich hier. Deshalb sitzen wir hier … Und haben eigentlich nichts zwischen uns zu klären.“
Nimrod (als Fan)
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