Seelenwäscher - Aereogramme
Ja, ist denn an diesen ganzen Sprichwörtern überhaupt nichts wahr?! Da sagt man so geflügelt schön, Männer mit dichten Bärten hätten etwas zu verbergen, doch was nach einer Seelenwäsche wie „A Story in White“ noch hinter der zotteligen Gesichtsbeharrung der Glasgower Newcomer Aereogramme lauern soll, grübeln deren Craig B. und Nimrod lange und beinahe vergebens. Schließlich sagt der Schotte dann: „Ich denke, wir verstecken unsere Gesichter. Weil wir so hässlich sind.“
Seelenwäscher
Text. Nimrod
Natürlich muss man da sofort widersprechen. Nicht etwa weil man die düsteren Fotos der Band noch nicht gesehen hätte, sondern weil Aereogramme es tatsächlich schon wieder versuchen. Die Stilisierung zum Außenseiter. Aereogramme sind mitnichten so etwas wie die Hässlichen Entlein, die, die immer niemand kennt und sieht, in ihrer hintersten und dunkelsten Ecke der Glasgower Muckerpubs. Sie sind weder schwermetallbeschlagene Trojanische Rösser in der Feste kultivierter Schwermütigkeit. Und schon gar nicht sind sie Stewart Hendersons und Alun Woodwards wildschnaufende Hengste im Death Metal Stall. Das alles geht völlig an der beeindruckenden Tatsache vorbei, die Aereogramme mit ihrem Debüt „A Story in White“ geschaffen haben.
Natürlich haben sie diese harte Kante Verzweiflung in ihren Kompositionen, schreien diese durchaus auch heraus, wenn die sanft-melancholischen Psalmen das Gemüt nicht mehr beruhigen können. Aber Metal, Metal das ist eigentlich immer Image, das sind Bilder, die vermeintlich ganze Kerle von sich zeichnen, um eben genau das zu vermeiden, wozu Aerogramme nur zu deutlich bereit sind - die Menschen bis auf den Grund ihrer Seele fühlen zu lassen. „Metal ist etwas, dass uns von Außen aufdiktiert wurde“, wiegelt Craig ab. „Metal ist gerade wieder unheimlich populär. Mit dieser widerlichen massiven Schwemme haben wir nun wirklich nichts gemein. Vielleicht meint man uns einen Gefallen zu tun, wenn man uns aufgrund verzerrter Gitarren unter Metal einsortiert, oder weil wir uns dazu bekennen, dass die Aggressivität von Will Haven uns ganz sicher beeindruckt hat und wir die frühen Sachen von Metallica mögen.“ Taktisch mag aber auch überlegt worden sein, wie man Aereogramme sofort aus dem Katalog ihres Labels Chemikal Underground herausragen lassen kann. Ein nun wirklich nicht gerade leichtes Unterfangen, weil auf Chemikal Undergound eigentlich alle Künstler herausragend sind. Auf ihre Art und Weise. Dennoch scheint es mir sehr, sehr fraglich, ob man der Band einen Gefallen damit getan hat, diese „von Außen“ fabrizierte Kategorisierung selbst aufzugreifen und hier auch durchaus bei der Vermarktung ansetzt. Aber die Leute, die „Arab Strap entdeckt und geformt“ haben, deren Label trotz der in der Branche seit Jahren bejammerten Rezession immer noch eine kleine Erfolgsgeschichte ist, die werden sich dabei wahrscheinlich das Richtige gedacht haben.
Wie es auch bei Arab Strap, der neben Mogwai (und sicherlich auch Bis mit ihrer Debüt Single) kommerziell einträglichsten Entdeckung des Labels, der Fall gewesen ist, datiert die Affiliation von Aereogramme und Chemikal Underground bereits in die ganz frühen Tage der Band. Es ist wahrscheinlich auch nicht so leicht, den Talentschmieden auf ihrem eigenen Acker zu entgehen. Auch wenn Henderson und Woodward Chemikal Underground ganz sicher nicht regional konzipiert haben, agieren sie - wofür nicht zuletzt der Labelkatalog Bände spricht - gerade aber doch in Glasgow fördernd, ja sogar als konstituierendes Moment. „Chemikal Underground waren das erste Label, das Interesse an uns zeigte. Sie kamen sofort nach der ersten Show auf uns zu, was natürlich die Vermutung zulässt, dass sie schon vorher von uns gehört hatten. Ich denke, man kann durchaus davon sprechen, dass sie uns entdeckt haben.“ Und der Band dann auch maßgeblich zur Seite standen, ihren Sound zu finden. Zu finanzieren. Denn die Band selbst nennt Budgetgründe dafür, dass ihre erste Single „Translations“ so „leise und miserabel“ klang. Nicht gerade der Punkrockansatz, möchte man meinen, und Craig bestätigt die Suche nach der perfekten Soundgewalt. Nicht lediglich krachen sollte es, sondern die Ausbrüche von Verzweiflung sollten nachdrücklich auf das Bewusstsein hämmern. Teilweise in Zusammenarbeit mit Paul Savage, dessen Produktionen selbst schon ein Trademark für Chemikal Underground Veröffentlichungen sind, ist Aereogramme nicht nur dieses atemberaubend gelungen. Mit „A Story in White“ schaffen sie ein Spektrum perfekt, ja organisch ineinander greifender Facetten eines Gemütes, das in Agonie und Hoffnung mit den schweren Schatten der Seele ringt. Kein Seelenwinkel bleibt ungekehrt. Und so - man muss das abschließend noch einmal wiederholen -steckt denn wohl tatsächlich kein Fünkchen Wahrheit in diesem alten geflügelten Worte. „A Story in White“ ist die beeindruckendste Seelenwäsche der letzen Monate. Kein noch so trotziger Dämon entgeht dieser grellflackernden Katharsis unexorziert. Was kann denn nun noch verborgen sein? Hinter den dichten, zauseligen Bärten?…
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