Grau und irgendwie real Henry Rollins
Henry Rollins ist ein beschäftigter Mann. Er muss viel hin und her. Viel fliegen. Das ist anstrengend. Trotzdem war ich überrascht. Denn da saß er schon. In diesem angenehm breiten Sessel. In ein Magazin scheinvertieft, als wir Economy-Schafe erst in unseren engen Pferch gelassen wurden. Hey, Punk, so geht dit aber nich! Ich wollte fast einen Moment stehen bleiben. Mich vor ihm aufbauen. Nicht dass man einem Mann von der Statur eines Henry Rollins den breiten Sitz nicht gönnen würde. Nicht dass man sich nicht sogleich bewusst wäre, dass erbärmlicher Neid in jede aufgebrachte Äußerung hineinspielen würde. Aber Henry Rollins, nur mit den Ansätzen seiner Tatoos unter den Ärmeln hervorblitzend, hier inmitten der aufgetakelten Großbourgeoisie? Punk, somehow, that just ain’t right.
Als wir uns festgegurtet haben, als die Boeing auf die Startbahn zurollt, weist eine Stewardesse über Lautsprecher noch einmal darauf hin, dass die Vorhänge zwischen den Kabinen aus Sicherheitsgründen zwar aufgezogen bleiben müssen, dass sich die Passagiere aber nichtsdestotrotz nur in der von ihnen gebuchten Klasse aufhalten dürfen. Erst später, jenseits des Atlantik, als alle Passagiere in einen dieser seltsamen Hochbusse steigen, die auf dem Flughafen Washington Dulles zwischen den Terminals befördern, sind Henry und ich uns wieder näher. Henry Rollins ist gar kein großer Mann. Sein Kreuz ist erheblich breiter als meines, aber sein Scheitel liegt gar ein Stück tiefer. Mindestens zwei Zentimeter. Das gibt mir keine Genugtuung. Hättest auch in einen Economy Seat gepasst, Gnom!, grinse ich … in mich hinein. Selbstverständlich spreche ich ihn nicht an. Hätte ich ihn angesprochen, wäre mir sicherlich was total Nettes eingefallen. Ich tue so als würde ich ihn nicht kennen. Vielleicht tue ich das etwas zu auffällig. In einem der Bücher, die Henry Rollins geschrieben hat, nörgelt er über Menschen, die ihn überall erkennen und ihn ungefragt anreden. Ein beschissenes Buch ist das. Ich habe es nicht zuende gelesen. Und den Titel habe ich auch vergessen. Solipssisisiss … so was. Aber ich weiß immerhin, dass es besser ist, die Klappe zu halten. Ich blicke steif geradeaus. Meistens. Manchmal schaue ich klammheimlich zur Seite und tue so, als würde ich an seinem Kopf vorbei sehen. In Wirklichkeit versuche ich das viele, viele Grau zu erfassen, das seine Haare an der Seite und am Scheitel meliert. Henry blickt über die Tasche, die er wie federleicht auf seinen mächtigen Armen wiegt. Er scheint sich nicht beobachtet zu fühlen. Oder es gelingt ihm ganz vortrefflich so zu tun, als würde er nicht bemerken, dass er vorsichtig taxiert wird. Klein aber cool. Und schauspielern kann er wohl, der Henry Rollins. Auch wenn die Cameo-Auftritte in Filmen wie „Lost Highway“ oder „Johnny Mnemonic“ (der Film, der noch ganz anderen Popikonen peinlich ist – ausgenommen Keanu Reeves wahrscheinlich) ihm nicht unbedingt Gelegenheit dazu gaben. Ist Henry Rollins ein Star? Ist er Punkrocker? Ein Relikt? Sein graues Haar macht ihn zumindest… real.
Der Hochbus dockt am nächsten Terminal an. Soll ich ihn anrempeln, ein wenig, frage ich mich. Amerikaner sind so scheißhöflich, vielleicht würde er sich sofort entschuldigen. Obwohl er für gar nichts kann. Dann könnte ich erzählen: „Mann, der Henry Rollins ist total nett. Hat T’schuldigung gesagt.“ Oder er merkt, dass es Absicht war. Dann wird er mich vielleicht anmachen. Oder er haut mir gleich in die Fresse. Wäre auch cool. Das wär’s wert. Ich würde natürlich gleich zurückschlagen. Wär eine großartige Partygeschichte. „Habe ihm eine zurückgelangt und ihn herausgefordert: „Hey, Old Man, beer and beef getting to you?“. Und dann hätten wir uns gefetzt wie zwei Köter. Vor den Toren der Vereinigten Staaten von Amerika. Bis uns dann die Sicherheitskräfte auseinandergerissen hätten. Aber sehen Sie, ich bin nicht wahnsinnig! Und während ich mich gesittet in die unüberschaubar lange Schlange der Non-US-Citizens reihe und meine absurden Phantasien noch nicht einmal zu Ende gedacht habe, ist Henry Rollins schon längst durch die Grenzinspektion in die USA verschwunden. Und wir haben nicht mal ein Wort gewechselt. Keine Silbe. Ich habe mich einfach nicht getraut. Und dabei hat mir doch die Frage, welchen Zweck denn um Himmels Willen die Wiederveröffentlichung der klassischen Rollins Band Alben „Weight“ und „The End of Silence“ erfüllen soll, doch schon unter den Nägeln gebrannt. Sollen das Vehikel sein für unverlangte Live-Bonustracks? Eine Frage, nur ein kurze Frage. Ich hätte ihm die aktuelle PNG hinhalten, mich kurz vorstellen und ihm - natürlich nur in Stellvertretung für die Leser - eine Frage steIlen können. Aber für viele beständige Leser ist das ja nichts Neues: Ich muss die Antwort wieder schuldig bleiben.
Nimrod
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