No Such Thing as Punkrock Joey Ramone

“There was no such thing as punkrock, until the Ramones came.”  Joey Ramone (June 1988) 

 

Planet Earth 1984

 

   

Ich sitze im Zeichen-Unterricht der Klasse 4a der 31. Polytechnischen Oberschule “Iskra” in Leipzig. Es ist der Frühsommer des Jahres 1984. Die DDR existiert noch und ist augenscheinlich alive and kicking. Ich bin im Fach Zeichnen recht okay begabt und schneide abends nach der Schule immer gern die Top Ten der Media Control Charts auf Bayern 3 mit, während ich irgendwelche lustigen Bilder für die Schule fabriziere. Anfangs ist es ein Kampf mit Dad, um auf seinem neuen Radiorecorder Babette überhaupt aufnehmen zu dürfen. Aber der kleine Popper setzt sich durch, da er mit seinem Modell Sonnett nur qualitativ schlechte Aufnahmen von einem externen Radiogerät ziehen kann. Dieses Argument zieht letztendlich auch bei Dad. Doch egal. Darum soll es hier nicht gehen. Denn ich sitze, wie schon gesagt, an einem sonnigen Vormittag im Fach Zeichnen. Und mein Lehrer, Herr Raschke, schaut mir – wie so oft – beim Malen von hinten über die Schulter. Nachdem er mein mit Details zugekleistertes Gemälde eine Weile näher betrachtet hat, sagt er mit einem charmanten Lächeln: “Die Kunst besteht im Weglassen!”. Sounds like a fortune cookie? Maybe.

 

   

Loco 1990

 

   

Die Schule ist Geschichte. Die DDR auch. Man muss nicht mehr mitschneiden, nein, man kann die Platten jetzt auch selbst kaufen, so man das nötige Geld hat. Um selbiges zu sparen, borgt man sich die heißen Scheiben auch mal aus. Ein Freund leiht mir deshalb im Herbst 1990 die Ich seh die Schiffe den Fluss herunterfahren von Abwärts und das legendäre Doppelalbum It´s Alive der ebenso legendären Lederjacken-Familie The Ramones. Abwärts waren mir damals noch gar kein Begriff, und die Ramones kannte ich höchstens wegen dem Song Pet Sematary aus dem gleichnamigen Film zum Buch von Stephen King. Und ich erinnere mich, als ob es erst gestern gewesen wäre: ich fand die Abwärts gut, die Ramones aber waren für mich erstmal nur schrecklicher Lärm. Ich zog mir ein Tape von Abwärts – die It´s Alive ging unkopiert zurück. Im August 1991 fuhr ich dann mit Freunden zum Bizarre Festival nach Berlin. Den Headliner machten die Ramones, zusammen mit Iggy Pop. Der gute Iggy gab ein heißes warm-up, inklusive Brust-mit-zerschlagener-Bierflasche-aufritzen und Hose-runterlassen-und-Haut-und-Knochen-zeigen. Doch das alles schien absolut nichts gegen diese vier Jungs aus Queens, NYC. Rein gar nichts.

 

   

Moby Dick

 

   

Joey und seine Mannen entern die Bühne, fahren ihre Marshall-Tanks in Position, drehen die Regler auf Anschlag rechts und ballern sich durch ihr Set wie ein Orkan. Ununterbrochen sägt sich Johnny´s Gitarre durchs Trommelfell, knüppelt Marky hechelnd das Drumkit und schüttelt C.J. seine Mähne über der bollernden Bass-Axt. Das Ganze wird nur unterbrochen von kurzen “1,2,3,4s” und zwei Ansagen: “It´s good to be back in Berlin!” und “Anybody here seen Stephen King´s Pet Sematary? Well, then perhaps you know this next tune. It´s entitled Pet Sematary!”. Die Hasenheide bebt und ich fliege ungläubig glotzend im Moshpit durch die Gegend wie eine Feder im Wind. Die Band selbst bewegt sich keinen Millimeter vom Fleck – ihr Aktionsradius scheint so kurz bemessen wie die Länge ihrer Songs. Für Sekunden bilden sich Löcher von mehr als zehn Quadratmetern im Meer des Publikums, um sich kurz darauf krachend wieder zu schließen. Ich sehe blutige Lippen, verzückte Gesichter und jede Menge blaue Flecken. Die Menschenmenge schlägt wie eine Springflut aus Fleisch und Blut gegen das Ramones-Schiff. Und ganz oben - wie Captain Ahab auf dem Wal - steht Joey Ramone: Die Faust geballt, die langen Haare um die John-Lennon-Brillengläser wirbelnd und den Mikroständer als Ruder benutzend quäkt er von der Reeling herunter, als ob es der letzte Auftritt wäre.

 

   

Involved

 

   

Knappe 70 Minuten später schaue ich glücklich ins Dunkel des Nachthimmels über Berlin und ich ahne, dass gerade etwas ganz Großes über mich gekommen ist. Jenen Abend - über den Joey ein Jahr später im amerikanischen Creem Magazine, gefragt nach seinem Lieblingsgig, sagen würde: “We got to play for 20.000 Ramones-Fans when we headlined the Bizarre Festival in Germany last year.” - werde ich nie vergessen. Zurück in Leipzig ist meine erste Amtshandlung natürlich das käufliche Erwerben der It´s Alive. Später sollten alle anderen Alben, weitere Konzerte, zahllose T-Shirts und Bootlegs sowie die obligatorische schwarze Lederjacke folgen. Warum?

 

   

We Accept You One Of Us

 

   

Es gibt drei granitene Säulen, auf deren Sockeln die Magie dieser Band ruht. Erstens: Bist du Außenseiter oder Freak – mach dir nichts daraus, bei uns kann jeder dabei sein! Zweitens: Reduce to the max – “It can all be said in about 1:55… Let it Rock!” (Ronnie Spector, im Booklet der She Talks To Rainbows EP, 2001). Drittens: Wir selbst sind das Image, wir machen unsere eigenen Regeln und wir sind konsequent (wir) bis auf die Knochen. 

  

Und schon sind wir wieder beim eingangs erwähnten “Die Kunst besteht im Weglassen!”. Die Musik der Ramones ist so reduziert, dass man nichts mehr weglassen könnte, ohne das Funktionieren der Songs zu gefährden. Es sind diese ewigen drei Akkorde in immer neuen und genialen Variationen. Sie sind so stripped down, dass es schon wieder schwierig wird, sie zu spielen. Dennoch sind Ramones-Songs die pure Einladung zum Nachspielen, zum Band gründen. Ist das etwa der Hauptbaustein des Mythos?

 

   

Second Verse, Same As The First

 

   

Ohne Zweifel gibt es einige, die aus jenen drei genannten Säulen des Ruhms die drei Hauptgründe für ihren Hass gegen die Converse- und Lederjacken-Fetischisten aus New York City ableiten: Vier kaputte Jungs in ihrer Alltagsuniform stellen sich einfach auf die Bühne und spielen fünfzehn Songs in zwanzig Minuten. Jeder Song klingt gleich. Keine Gitarrensolos, keine Schnörkel hier und da. Alle vier sehen aus wie geklont. Und sie sind überzeugt von dem, was sie tun. Sie stehen da und schreien ihren Schlachtruf: Gabba, gabba hey! 

  

How stupid are they? Das ist nicht die Frage. Sowas muss man erst mal bringen! Vermutlich ist diese Attitüde, verbunden mit den immer lustigen Bubblegum-Fifties-Rock´n´Roll-Lyrics, der Garantieschein für die immerhin fast dreiundzwanzig Jahre währende Karriere der Band. Die Ramones waren und sind das Konzentrat, der Inbegriff für Rock´n´Roll – Coolness und der Einfluss für vieles, was nach ihnen kam! Würde ich sonst solche Lobeshymnen auf Joey´s Soloalbum anstimmen? Hätten Primal Scream “No Joey, no nothing.” gesagt? Wäre die Band Anfang März in die Rock´n´Roll Hall of Fame aufgenommen worden? Bestimmt nicht.

 

   

Don’t Worry About Me

 

   

Wie sich der musikalisch interessierte Mensch sicherlich erinnert, starb Joey letztes Jahr an Lymphdrüsenkrebs. Am Ostermontag. Knapp vier Wochen vor seinem 50. Geburtstag. Ironie des Schicksals: Erst kurz zuvor hatte er die letzten Gesangsspuren für sein erstes und somit einziges Soloalbum eingesungen. An diesem arbeitete der Godfather of American Punk 

seit der Auflösung der Ramones im Jahre 1996. Wie sich Daniel Rey - Produzent und langjähriger Freund des Sängers - im Interview erinnert, wollte “Joey schon seit den frühen Achtzigern eine Solo-Platte machen. Er sprach immer davon. Kaum hatten die Ramones ihre letzte Show hinter sich, kam er ins Studio und wir fingen an, Demos für sein Album aufzunehmen.”. 

  

“Daniel”, so Joey (im Interview mit David Jenison, Oktober 1995), “is kind of the fifth Ramone in a series of fifth Ramones. He´s been involved in a lot of Ramones´ projects …, and we´ve written songs and recorded demos with him. He´s like the music coordinator … of the Ramones.” Mit seiner Band Shrapnel, in welcher unter anderem auch Monster Magnet´s Dave Wyndorf spielte, bekam Daniel 1976 Gelegenheit, die Ramones im CBGBS zu supporten und freundete sich kurz darauf mit Joey an. Ihre erste gemeinsame Studioarbeit legten sie mit der 1987 veröffentlichten und von Daniel produzierten Halfway to Sanity vor. Hier setzt für mich definitiv der Sound des neuen Albums an. Wenn auch, so Daniel, “Joey überhaupt nicht wollte, dass diese Platte wie ein Ramones-Album klingt. Obwohl ich glaube, dass sie das letztendlich tut. Denn Joeys Stimme ist einfach ein sehr markanter Bestandteil der Ramones.” Womit er unzweifelhaft richtig liegen mag. Aber Don´t Worry About Me ist vielfältiger und auf eine spezielle Art anders als jedes Ramones-Album.

 

   

I Wanna Live

 

   

Vielleicht liegt das auch daran, dass sich Joey’s Songwriting erstmals völlig eigenständig entwickeln und für sich allein stehen konnte. Denn seine persönlichen und sehr poetischen Texte gingen auf den Alben der Band immer etwas unter. Da die Zusammenarbeit von Dee Dee und Daniel stets außerordentlich produktiv war, lag die Vermutung zunächst nahe, dass auch Joey und Daniel sehr viele Stücke gemeinsam geschrieben hätten, aber“Joey hat fast alles selbst geschrieben. Nur zwei Songs sind Coverversionen. Und je einen schrieb er mit Andy Shernoff von den Dictators und Al Maddy, einem Kumpel aus New York,” wie Daniel sagt. 

  

In diesem Kontext fällt auf, dass nahezu alle Texte sehr optimistisch und positiv klingen - obwohl Joey seit 1995 von seiner Krebserkrankung wusste und seitdem versuchte, gegen sie anzukämpfen. Bestes Beispiel hierfür ist der Song I Got Knocked Down (But I´ll Get Up), welcher schon im Titel andeutet, wie er mit seiner Krankheit umging. Dabei stellt sich die Frage, ob Joey überhaupt daran dachte, dass dies sein letztes Album sein könnte. Wie Daniel meint, “muss er es im Hinterkopf gehabt haben, aber wir haben niemals darüber geredet, dass es sein letztes sein könnte. Wir diskutierten über eine Tour zum Album und darüber, ein weiteres aufzunehmen. Bis zum bitteren Ende dachte Joey nur positiv über alles.”

 

   

What A Wonderful World

 

   

Als ich das Album das erste Mal höre, schließt sich für mich ein Kreis. What A Wonderful World dröhnt, eröffnet durch ein Pretty Vacant – like Riff aus den Boxen meiner Anlage, und vor meinem geistigen Auge sehe ich Sid Vicious - Treppenstufen abwärts stolpernd - Frank Sinatra´s My Way vor die Füße eines angewiderten Publikums rotzen. Im Hintergrund geht das Sex Pistols – Riff in Joey´s Adaption von Louis Armstrong´s Klassiker über, und ich bin zurück im Jetzt und Hier. Die feuchten Augen kann ich nicht leugnen, denn die Kraft von Joey´s Stimme und der Song selbst machen mich immer und immer wieder sentimental. Daniel hat über “dieses Sid Vicious – Ding nie nachgedacht, aber Joey liebte einfach diesen Song. Es ist ein sehr kraftvoller Song – die Akkordwechsel und all das. That´s the natural way Joey would wanted to do a song. With big guitars and real powerful.” Wollte er, dass das Intro nach Sex Pistols klingt? “Sort of. I mean, The Clash also used that intro on a song. It´s like starting a song with a Chuck Berry – Riff, or how the Beach Boys used to do. It worked for that song, and it´s a nice surprise when after the intro the song comes in.” Möglicherweise sehe ich etwas, dass gar nicht da ist, doch für mich schließt sich hier ein musikalischer und vielleicht auch ideologischer Kreis. “Well, Rock´n´Roll is a circle”, antwortet Daniel trocken. Wie recht er hat. Die finale und immerwährende Frage wo Punk erfunden wurde, läßt sich somit auch ganz prima klären.

 

   

Sitting In My Room.

 

   

Don´t Worry About Me ist das Ende und zugleich der Anfang von etwas. Es ist das Album eines zu Lebzeiten von den meisten Kritikern unterschätzten Sängers und Poeten. Es ist ganz bestimmt kein Ramones-Album. Und es ist keine posthume Leichenfledderei, wie Einige denken mögen. Diese Platte brauchte aufgrund Joey’s Krankheit so lange. Sie wurde aufgenommen, “ wann immer er sich gut fühlte und er vorbeikommen und singen konnte. Wir haben uns Zeit genommen, denn Joey wollte es perfekt machen, und es gab keinen Grund sich zu beeilen, um es zu veröffentlichen. Es gab auch keinen Druck von einem Label, denn Joey hat für alles selbst gezahlt. Das war es, was Joey immer schon wollte: Sich einfach Zeit lassen und ein großes Album machen.” 

  

Es gibt Unmengen von Gründen, Joey Ramone in unseren Herzen weiterleben zu lassen. Nicht nur wegen seiner Liebe zur Musik und dem, was er uns mit den Ramones gegeben hat, sondern auch aufgrund seiner stilistischen und künstlerischen Konsequenz, seiner positiven Lebenseinstellung und der einzigartigen Attitüde des freakigen Outsiders, welcher trotz seiner scheinbaren Mängel einfach nur cool war und immer bleiben wird! 

  

Oder, um es mit Daniels Worten zu sagen: “Joey lived for Music - lived for Rock´n´Roll. It saved his life. And he just wanted to do the same for other people. That´s why he was making beautiful music for people to enjoy. This album is Joey´s farewell gift to everybody!” 

  

Happy Birthday, Little Dead Boy?

Micky

Comments (1) to “No Such Thing as Punkrock Joey Ramone”

  1. Bin eben über das Blog und diesen Artikel gestolpert.
    “Die feuchten Augen kann ich nicht leugnen, denn die Kraft von Joey´s Stimme und der Song selbst machen mich immer und immer wieder sentimental.” - Auch im Jahr 2008 geht’s mir nach den ersten drei Akkorden von “Don’t Worry About Me” immer noch genauso - feuchte Augen; und wenn ich ehrlich bin, ist das noch untertrieben.
    Danke, Joey. Du und die Ramones werden immer etwas Besonderes für mich sein.

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