Ausharren, im Sturm – ein SOS Kinderdorf wartet auf den Dalai Lama
Viele exiltibetische Sozial- und Bildungseinrichtungen sind abhängig von finanzieller Unterstützung aus dem Ausland. In der Diaspora aber möchte man zunehmend in der Lage sein, diese Institutionen selbst zu stützen.
Die Siechen sitzen in der ersten Reihe. Neben den Stufen, die zu dem gigantischen, recht bunt bemalten Tschörten hinaufführen, gleich am Weg, auf dem Seine Heiligkeit zu seiner Rede schreiten wird. Später wird Seine Heiligkeit die Alten und Kranken segnen. Später, nach seiner Rede anläßlich des Indischen Unabhängigkeitstages. In zwei Stunden etwa. Noch ist er mit seiner Kolonne nicht einmal auf dem Gelände des SOS Tibetischen Kinderdorfes eingetroffen.
Auf dem staubigen Sportplatz der großen Bildungseinrichtung in Choglamsar - einem Zentrum tibetischer Flüchtlinge nur wenige Kilometer südlich von Leh, der Hauptstadt Ladakhs - harren schon Tausende Tibeter. Der scharfe Wind an diesem Nachmittag peitscht Sand auf das unruhige Meer ihrer Sonnenschirme. Mehre Männer müssen die Stangen halten, die das Zeltdach stützen, unter dem Seine Heiligkeit Platz nehmen wird. Es wackelt gefährlich. Und wenn die Menschen auf dem Sportplatz auch kaum wagen, ihre Augen zu öffnen, weil ihnen der Wind sofort den Staub hinein wehen würde, ein Sitz unter der schweren Zeltplane ist nicht wirklich einladend. Wenn man inmitten der wartenden Tibeter auch ganz sicherlich Anspannung und Erwartung spüren kann; unter der sengenden Sonne und im Sandsturm sitzen und harren sie, als könnte fast nichts sie beeindrucken. Nur die Kinder sind schon gelangweilt und jagen hinter streunenden Kötern über den Platz. Und ausgenommen von dieser scheinbaren Ruhe sind natürlich auch all diejenigen, die ihren Teil für die Organisation der Veranstaltung zu leisten haben. Den indischen Soldaten, die mit beiden Händen ihre Maschinenpistolen fest halten, sieht man ihre Anspannung sofort an. Tsering Wangchuk - Verwalter des Medienarchivs der Schule und zudem Initiator der Grünen Schule - ihn hört man häufig brüllen, weil immer wieder Kinder aber auch Erwachsene, die es nun wirklich besser wissen müßten, den Weg verziert mit den glückverheißenden Symbolen entlang trampeln wollen. Bevor Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, die Symbole überschritten hat, darf niemand sonst den Weg betreten.
Lhakpa Tsering, der junge Direktor des SOS Tibetischen Kinderdorfes in Choglamsar, scheucht eine am Sportplatzrand sitzende Gruppe Schüler auf. Auf der gestern mit neuer weißer Markierung versehenen und gerade erst gefegten Straße durch die Schulanlage tanzen schon wieder leere Verpackungen im Wind. Die Kinder rennen los, um den Müll einzusammeln. Die Erziehung eines ökologischen Bewußtseins sei eine ganz wichtige Aufgabe in dieser Schule, betont Lhakpa Tsering. Und jeder in der Besuchergruppe aus Frankreich, die er zum Sportplatz begleitet hat, nickt zustimmend. Auch Jetsun Pema nickt und weist die französischen Gäste - Sponsoren - bei dieser Gelegenheit auf den Raubbau Chinas in Tibet hin. Die jüngere Schwester des Dalai Lama hat vor allem das Wohl und die Bildung der tibetischen Kinder im Exil zu ihrer Lebensaufgabe gemacht. Dafür ist sie in der ganzen Welt unterwegs und viel zu wenig Zeit bleibt, die Situation in den tibetischen Schulen in Indien, insbesondere dieser großen Einrichtung im entlegenen Ladakh, häufig zu inspizieren. Ein wichtiger Teil des Unterhalts dieses und anderer Tibetischer Kinderdörfer im indischen Exil mit ungefähr 16.000 Schülern wird über die Geldspenden von Institutionen, Firmen und Privatpersonen finanziert. Die Franzosen haben gerade eine Führung über das Schulgelände erhalten, die ihnen den Eindruck vermittelt hat, dass ihre Unterstützung ausgezeichnet genutzt und auch weiterhin benötigt wird. Jetsun Pema führt die französische Gruppe zu einer bestuhlten Tribüne gegenüber dem Tschörten auf der anderen Seite des Sportplatzes, wo man das Zeltdach für den Dalai Lama errichtet hat. „Jetsun Pema“, Lhakpa Tsering schaut ihr nach. „Sie ist unsere wichtigste, unsere aktivste Bettlerin.“ Er grinst. Und in diesem Moment, glaubt man ihm ohne Weiteres, dass er gerade erst 30 Jahre alt geworden ist. „… das hat sie selbst über sich gesagt. Aber sie ist auch diejenige, die darauf drängt, dass sich in dieser Praxis einiges ändern muss. Es muss ein Umdenken einsetzten. Seit mehr als 40 Jahren baut die tibetische Exilgemeinde auf Unterstützung aus dem Ausland. Es wäre fatal, sich drauf zu verlassen, das dies immer so weitergehen kann. Die tibetische Exilgemeinde ist längst ökonomisch so gefestigt, dass sie sich noch viel stärker selbst unterstützen kann.“ Obwohl es bei weitem nicht nur moderne Mythen sind, dass gutsituierte exiltibetische Unternehmer eine aus dem Ausland geförderte Bildung für ihre Kinder bekommen wollen, weil sie arme, rotwangige tibetische Flüchtlinge sind, zeigen doch Appelle auf Unterstützung an die wohlhabenden Familien der tibetischen Diaspora eine sehr positive Resonanz. Lhakpa Tsering bemerkt, im Exil sei nicht nur das demokratische Bewußtsein der Tibeter erwacht, es habe sich auch das soziale Engagement für einander gestärkt. „Unsere Einrichtungen hier in Ladakh werden sehr stark durch die SOS Gruppe gefördert, das Zentrale Tibetische Kinderdorf in Dharamsala stützt sich hingegen vor allem auf individuelle Sponsoren. Für viele tibetische Familien ist es selbstverständlich, einen finanziellen Beitrag für die Ausbildung ihrer Kinder zu zahlen. Und es gibt auch einige sehr wohlhabende Familien, die die Bildung zahlreicher anderer Kindern finanzieren. Dies ist ein Modell, das sich langsam, aber beständig durchzusetzen beginnt.“

Ein Raunen geht durch die fünftausend Tibeter auf dem Sportplatz, lauter als der Lärm des Windes, der immer kräftiger an allem rüttelt. Die Nachricht vom Eintreffen Seiner Heiligkeit hat sich schneller - vom Tor des Schulgeländes aus - unter den Wartenden verbreitet, als die Fahrzeugkolonne des Dalai Lama die kurze Straße zum großen Tschörten hinauffahren kann. Der Direktor schiebt seine große Sonnenbrille über die Augen und läuft mitten durch ein paar kleine Windhosen zum Empfang. Als ein sehr engagierter Mann wird Lhakpa Tsering von seinen Mitarbeitern gelobt. Er hat es zum Beispiel eingeführt, dass die Unterrichtsmaterialien in Leh gedruckt werden. Das ist erheblich preisgünstiger, als der Antransport von Dharamsala, dem Zentrum der tibetischen Diaspora, drei bis vier Tage mit dem Bus, südlich der Pässe. Choglamsar ist ein sehr verantwortungsvoller Posten. Eine große Herausforderung, die Lhakpa Tsering nicht ausschlagen konnte, auch wenn es bedeutet, seine Frau und Kinder nur zwei mal im Jahr zu sehen. Und man sich in den harschen Wintern von Ladakh durchaus schon mal wie in der Verbannung fühlen kann. Das Direktorat des SOS Tibetischen Kinderdorfes ist ein Chance, wie sie nicht viele tibetische Universitätsabsolventen bekommen, deren Status sich aufgrund der beschränkten Beschäftigungskapazitäten im indischen Exil von hochgebildet zu überqualifiziert gewandelt hat. Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, die Inkarnation des tausendarmigen und tausendäugigen Buddhas der Barmherzigkeit, dem kein Leid entgeht, wird auch dieses Problem in seiner Rede ansprechen. Tsering Wangchuk, der Öko-Lehrer - ein paar Verpackungstüten knüllend, die er dem Wind entrissen hat - ist sich sicher. Unter dem Zeltdach steht kein Thron. Das heißt, es wird an diesem Tag keine religiöse Belehrung erfolgen, Seine Heiligkeit wird ausschließlich über soziale und politische Angelegenheiten Tibets reden. „Er gemahnt bei solchen Gelegenheiten immer zur Spezialisierung. Man soll die Laufbahn, die man nach sorgfältiger Überlegung für sich gewählt hat, konsequent verfolgen und nicht aufgeben, sondern weitermachen, bis man ein Meister seines Fachs wird.“ Dann schaut er etwas hilflos und zuckt mit den Schultern. Nein, nach einem schnellen Lösungsweg scheint auch ihm dies nicht.

Oberhalb des Sportplatzes, am Tschörten, haben die indischen Soldaten ein Spalier gebildet, und als sich dieses Spalier langsam und gleichmäßig in Richtung der Tribüne unter dem schwankenden Zeltdach bewegt, sieht man ab und an das glatt geschorene Haupt des Dalai Lama hervorblitzen. Erst als Seine Heiligkeit Platz genommen hat, verteilen sich die Soldaten an die Ränder der Tribüne. Seine Heiligkeit steckt sich das kleine Mikrofon an die Kleidung und es wird klar, dass die hinteren Lautsprecher ausgefallen sind. Es kommt Bewegung in die wartenden Tibeter. Alle rücken etwas näher an die Tribüne.
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