Grenzwandern Richard Youngs

Die Songs des Richard Youngs dürften ganz sicher zu den einfachsten gehören, die je geschrieben wurden. Hypnotisch rekapituliert er die Töne, mit denen er eröffnete, über mehrere Minuten und auch sein Gesang ist nicht minder Teil dieser mantrahaften Klangschleife. Völlig selbstbezogen, als sei ihm gar nicht bewusst, dass man ihn nun hören kann, gräbt der Schotte sich seine Visionen der “Wynding Hills of Maine” aus den Untiefen seiner Seele. Und er sieht sie, wie wir sie nicht sehen können. Er transzendiert den Alltag. Und man könnte ihn vielleicht belächeln, wie er versucht diesen Visionen im Minimalismus seiner Songs durch die unbeirrte Repetition ihrer Beschwörung tatsächliche Körper zu geben, wenn uns denn die Wahrheit unserer eigenen Welt nicht längst schon so verdammt ungewiss geworden wäre.
 

Grenzwandern – Richard Youngs
Wort Nimrod
 
 
Die Schlichtheit dieser Songs macht sie zu Türen. Sie sind offen. Sie zeigen ein Schema, das immer wiederkehrt, das als Wegzeichen dienen kann, hinaus aus dem Trauma der Axiome. Hinaus aus der Szene, in der alles schon gesagt ist, allem seine Bedeutung zugewiesen wurde und wo man verbiestert die Ewigkeit von Werten verteidigt, die oft längst schon nicht mehr sind. Richard Youngs ist ein Reformator, auch wenn ihm das selbst - nur zu wahrscheinlich - niemals in den Sinn kommen würde. Und Youngs ist bei weitem nicht der Einzige. Hier bricht etwas auf. Wir müssen DreKKa nennen, The Microphones, Scout Nibblet und sicherlich noch viele andere, deren Gemeinsamkeit es vor allem ist, dass sie wenig gemeinsam haben. Und will man sie aus dem Format Singer/Songwriter greifen, dann ist das durchaus Grund genug für einen Richtungsstreit, denn man muss dem Format zuerst neue Maßstäbe anlegen. Nur äußerst unwahrscheinlich geht es den einzelnen hier um das Formen neuer Schulrichtungen, aber ganz sicher um das Belehren der Belehrenden. Die Wahrheit wird verschoben. Und vielleicht wird sie wahrhaftiger.
Wir haben die Antwort nicht, warum nun ausgerechnet Bloomington in Idaho ein Teil dieser Verschwörungsachse ist - neben den in dieser Ausgabe ausführlich vorgestellten Labels agieren diesbezüglich ja auch noch Blue Sanct. und Family Vineyard mit einigen Veröffentlichungen bedeutsam - aber die Markierung ist längst gesetzt. “Richard Youngs Demo ist ein beispielhafter Fall für Zusendungen, die Jagjaguwar erhalten würde”, betonte Jonathan Cargill. Und Jason Molina nannte Scout Nibblet eine Künstlerin, der viel lukrativere Verträge jenseits der Möglichkeiten von Secretly Canadian vorliegen könnten, die aber Bloomington den Vorzug gibt. Es ist noch viel mehr als nur das enge Band zwischen den Labels und ihren Künstlern. Dieses muss lediglich eine Grundlage für das gemeinsame Verständnis sein, dass es natürlich immer schon die Musik jenseits des Songs gegeben hat, dass aber die Grenzregionen noch längst nicht annähernd kartographiert sind. Woher nun Richard Youngs tatsächlich die Inspiration für seine ungehörten Songs nimmt, wird eine dieser Fragen sein, auf die nur ein Lächeln die wahrscheinlichste Antwort ist. Natürlich darf man über “May”  trotzdem spekulieren. Mai, also. Im Ziffernblatt eines Jahres liegt das Album entlang der 5 Uhr-Achse. Nach Süden, und es muss weit im Süden sein. Denn Minimalismus und Wärme bilden auf Youngs Debüt zu keinem Zeitpunkt einen Kontrast. Oder begann seine Reise tatsächlich weit im Norden? Hat er den “Neon Winter” wirklich gesehen? Und “Trees that Fall”, das hört sich doch nach Westen an. So zwischen neun und zehn Uhr. Oder steht diese Welt gar auf dem Kopf. “Wynd Time Wynd.” Es macht keinen Sinn zu zögern. Niemand außer Youngs kann diese Dimension schon begreifen. Wir müssen unsere eigenen Referenzpunkte finden. Aber die Türen sind offen. Es ist höchste Zeit hinaus zu gehen.
 
Dieser Text war Teil des umfangreichen Specials zu den Bloomington Labels SECRETLY CANADIAN und JAGJAGUWAR in PNG no. 56. Die Labels hatten aus diesem Anlass eine mehr als 70minütige Compilation für uns zusammengestellt. Die allerletzten Exemplare des limitierten Boxsets – ja so was haben wir damals gemacht – in dem sich CD und Heft befinden, gibt es im PNG Store.

Post a Comment
*Required
*Required (Never published)