Back from the Beginning of Time Daniel Givens
Daniel Marcellus Givens ist als Künstler beinahe schon so umtriebig wie ein Saul Williams. Zu den artistischen Feldern, in die er schon seinen Namen prägen konnte, gehören neben der Malerei, Photographie, dem DJing und seinen schriftstellerischen Ambitionen mittlerweile auch drei Veröffentlichungen auf Aesthetics. Ein Longplayer und zwei Eps, Panoramen einer Reflexion von Welt, in der Givens essentielle Fixpunkte nur sehr sensibel hervorgehoben hat. Die Vielfalt ohne rigide ordnende Struktur soll überwältigen und zu einer engagierten Auseinandersetzung zwingen. An der Oberfläche fühlt man sich mitunter verlassen.Um die Debüt-Vision „Age“ zu durchdringen, in der Givens eine göttliche Energie gebannt haben will, die erst jeden Gedanken flüstert, die alles Leben schafft und die reine Wahrheit offenbart, muss man sich auf seinen Podex setzen, sich öffnen und selbst ein Medium werden. Überraschend, wenn auch keinen Ton weniger ambitioniert, erklingt sein aktuellstes Werk „Freedom’s Myth“. Denn nun bietet Givens an, dass man zu Gott (der Lebenskraft, nicht der bärtigen Kinderbuch-Illustration) auch mal prima im Downtempo mit dem Arsch wackeln kann.
Daniel Givens sonore Stimme ist wie Hypnose. Man fühlt sich gehalten, und empfängt ihren belehrenden Klang nicht als unangenehm aufdringlich, eher schon extrem charismatisch. Sie fließt gut ins Bewusstsein. Auch wenn sich gerade von dieser Vortragsart Parallelen zu eben Saul Williams und auch einem MC 900 Ft Jesus ziehen ließen, als Musiker präsentiert sich Givens auf allen seinen Veröffentlichungen glaubwürdiger als der seine Hyperpräsenz zur Berufung machende Williams und zeitloser als Jesus. Gerade letzteres ist wichtig. Givens ergibt sich nicht einem Zeitgeistdiktat, auch wenn es ihm verspricht sein Talent nur dazu zu nutzen, ihn auf ein kommerziell und von schwellender Begeisterung untermauertes Podium zu heben, das seinem Können würdig ist. Über Nacht. Givens kann abwinken und lakonisch nachschicken, er hätte das längst schon haben können.
Schon mit früheren Versuchen in DJ Projekten wie dem Deadly Dragon Soundsystem und Atmospheric Audio Chair entsprach es seiner Vorstellung, eher zeitentrückte Ambience stricken, als durch ein Spiel, das einen Künstler verderben kann, Psyche in Emotionen explodieren zu lassen, die nur Momente währen. Und dann den Hörer immer cold turkey zurück lassen. Für sein Debüt „Age“ entdeckte Givens ein musikalisches Konzept, die Zeit aus ihren Fugen zu reißen. Dieser Sound ist genau so post wie prä. Er ist wo er ist und nicht in Bewegung. Und wenn Givens von einer Reise zurück vom Anfang der Zeit erzählt, kann dieser Klang von nirgends anders als aus dem Zentrum einer sich dem Vergehen widersetzenden Konstante sein. Die Zeit reist so lange schon um diese Konstante, dass Givens die Gerüchte ihrer Linearität beeindruckend widerlegen kann. Dort, wo er diesen Klng fand, ist Geschichte nur ein Treppenwitz, Referenzen sind ohne jeglichen Wert. Welten kollabieren unter jedem Takt.
Man kann keinem Menschen einen Vorwurf daraus machen, der sich der Öffnung für das Werk verweigert. Es saugt die Sicherheit aus der Gewohnheit. Daniel Givens Sounds sollen Passagen sein. Passagen in das Herz der einzigen Wahrheit, eben dieser Konstante. Und für die Missionierung ist er selbst bereit, ins Tal der glücksgaukelnden Banalitäten hinabzusteigen. Nachdrücklich wiederholt über seinem Track „Propel“ den Psalm: „Discover a new world“.
Nimrod
Dieser Text war Teil des umfangreichen Specials zum Chicago Label Aesthetics in PNG no. 57. In das schmucke Doppel-Cover der Ausgabe war eine exklusive CD-Compilation des Labels mit Beiträgen dieses und anderer Künstlern aus dem Aesthetics-Umfeld montiert.
Ein paar letzte Exemplare dieser Ausgabe mit CD gibt es noch im PNG Store.
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