Eine Romanze von Dynamik und Melancholie Pulseprogramming
In einer dieser wunderbaren Romanzen aus Dynamik und Melancholie, wie sie dereinst nur im Fantasy-Kino Hongkongs geschaffen werden konnten, heilte eine Prinzessin die Wunden des genauso armen wie mutigen Fischers mit einem im Sternenglanz glitzernden Pulver aus Perlmutt. Die Prinzessin und der Fischer waren sich in diesem Moment näher, als es die Etikette erlaubte. Sie waren sich näher, als sie es je wieder sein würden, auch wenn sich ihrer beider Herzen noch mehr Innigkeit ersehnten. Es war in diesem Moment, dass sie entdeckten, wie die beiden Jadeamulette, die sie an Ketten an sich trugen, unter einem magischen Klang zu einem großen Siegel sich fügen ließen. Und so wahrhaftig dieser Zauberklang auch machte, dass die Vereinigung einen überirdischen Segen hatte, nach dem Finale wanderte doch der Fischer als vereinsamte Seele durch überwucherten Ruinen eines vergangenen Königreiches und quälte sich mit Nostalgie. Aber - wie gesagt - so etwas funktionierte nur aus Hongkong.
von Nimrod
Sucht man unter den Perlen auf Aesthetics jene, die in ihrem makellosen Schein den Anspruch an die Vereinigung von Klang und Bild am Klarsten reflektiert, fällt es nicht wirklich schwer, sein Augenmerk sofort auf Pulseprogramming zu richten. Pulseprogramming fallen auf. Und das ist nicht lediglich der Verdienst der Musiker Joel Kriske und Marc Hellner. Denn sie sind nur ein Teil von Pulseprogramming. Dem Selbstverständnis, das Labeleigner Ken Dyber auf Aesthetics-Veröffentlichungen projiziert, begegnen Pulseprogramming mit der in sich strukturell und konzeptionell schlüssigsten multimedialen Evolution. Im aktuellen Album hat sich die konzeptkünstlerische Verschmelzung der Arbeit von Kriske und Hellner mit der Vision der Grafiker Hans Seeger und John Shachter sowie der Poesie von Joel Craig auf die bisher beeindruckendste Art und Weise erfüllt. Und eine Umsetzung der Ästhetik von Pulseprogramming auf der Bühne ist ohne die Videoinstallationen von Eric Johnson nicht mehr denkbar. Sie alle gemeinsam, so wird betont, sind Pulseprogramming, zu recht ebenbürtigen Teilen.
Ich habe letztens in einem unterhaltsamen Buch die Vermutung gelesen, dass selbst das was ursprünglich leblos ist, durchaus die Möglichkeit hat, Leben zu akquirieren. Nun möchte ich mir sicher nicht vorstellen, dass Steine zu tanzen beginnen, aber dafür, dass erst nur vage erdachten Konzepten im Zuge ihrer Entwicklung eine zunehmende Animation und Eigendynamik widerfahren kann, ist das Projekt Pulseprogramming ein hörbarer, sichtbarer und fühlbarer Beweis. Im gleichen, ehrfurchtgebietenden Takt wie Hellner und Kriske Pulseprogramming aus der akustischen, flächenwebenden Klangwiege ihres Debüts auf den Beat gehoben und mit „Tulsa for a Second“ nun in emotionsbefrachtete Popdimensionalität dirigiert haben, setzten Hans Seeger und John Shachter alles daran, dem Konzept eine sich stetig steigernde visuelle Ausdruckskraft zu verleihen. In ihrer Umsetzung, die schon für das Debüt wunderschön war, läßt sich nach der Gestaltung von „Tulsa for a Second“ keine Chance auf noch weitere Optimierung erkennen. Als nächstes mündet dies alles in den Wahnsinn, möchte man schreien, und ist doch schon voll großer Erwartung, sich erneut von diesen Genies in seiner beschränkten Irrung vorführen zu lassen. Mit der auf „Tulsa for a second“ ganz deutlich vollzogenen Entwicklung zu traumhaft besungenen Songstrukturen hat nicht zuletzt auch der Anteil des Poeten Joel Craig an einer ganzheitlichen Umsetzung der Pulseprogramming-Idee sehr wesentlich zugenommen. Lindsay von L’altra leiht dem Konzept für eine der über pulswarme Beats arrangierten Songavancen ihre zauberhafte Stimme. Und Gewissheit wird, dass Elektronik in diesem Jahr keine zartere Seele haben kann.
Dieser Text war Teil des umfangreichen Specials zum Chicago Label Aesthetics in PNG no. 57. In das schmucke Doppel-Cover der Ausgabe war eine exklusive CD-Compilation des Labels mit Beiträgen dieses und anderer Künstlern aus dem Aesthetics-Umfeld montiert.
Ein paar letzte Exemplare dieser Ausgabe mit CD gibt es noch im PNG Store.
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