Dawn of the Echos Echokrank

12.04.03. 9:52 CET. Versuchszentrum 1.2. aka “Die Echokammer”.

Aus der Ecke kraucht nervöses Flimmern. Kraucht heran und zittert und wächst zu einem ganz kurzen Eindruck. Ein transparenter Spuk - zu schnell und zu instabil, um ihn zu greifen - springt durch das Gemüt und hinterlässt dort eine Spur der konfusen Echos, wie sie auch zwischen den beinahe unsichtbaren Grenzen seiner ätherischen Existenz hin und her tanzen. Dieses Echo dort, das ist ja “quite shaggedelic”, möchte der Probant in einem unachtsamen Augenblick dem Opener “Slipstick” andichten. Bevor er es tatsächlich aussprechen kann, wird ihm allerdings die Kinnlade heruntergerissen, von einem Klang, der sich fühlbar macht: als ein regelrechter Hirnfick.

13.04.03.10:56 CET. Der Krisenstab

Wen wundert da noch Paranoia? Als Spielball dreister Echos, die zunächst noch aus der eigenen Erinnerung winken, sich dann aber völlig grotesk verzerren. Sich breit machen, zwischen Gehör und Gehirn. Platz wollen. Sinistre Klänge, ohne einen Ausweg in die Katharsis. Und dennoch soll man sich kognitiv mit diesen Klängen messen, soll ihnen den Zugang zu seinem Gemüt aufstellen. Emotions-Guerilla-Strategie. Denn in der eigenen Gedankenwelt soll man sie umarmen und von ihrer flickernden, flackernden Energie zehren. Das Antidot gegen die lebensbedrohende Banalität. “Mach nervös was dich nervös macht”, umschrieb ein Journalist das Konzept der man Berliner Echokrank. Sei dies wie es sei, es ist dennoch ein äußerst heikler Plan. Es gibt keine Gewissheit, wer in diesem Klangringen schließlich der Spieler und wer der Gespielte ist. Ergo: Um Echokrank an sich heran, in sich hereinzulassen, dazu gehört schon eine gehörige Portion Wahnsinn. Und genau diese Portion Wahnsinn ist unser letzte Chance.

Mach nervös was dich nervös macht. Das klingt zunächst nach einem gar nicht so doofen Plan. Echos liegen einladend bereits auf diesen Worten. Mein Gott, wie oft haben wir einen ähnlichen Slogan einst an Häuserwände gesprüht, diesen Slogan, der sich im Zuge des Fetterwerdens zwar als Lebensleitmotiv nicht so perspektivisch heraus gestellt hat, aber für ein paar Jahre immerhin Spannung und Action garantierte. Das wurde vor meinem Eintritt aus dem Ministerium aus allen Akten getilgt. Einiges ist da allerdings ungesühnt geblieben und sitzt als dunkles, kleines Echo irgendwo in den hintersten Winkeln meines Gemüts. Dutzende dunkle, kleine Echos sind es tatsächlich. Vielleicht warten sie nur auf ihre Chance. Darauf, dass irgend etwas die Schleuse öffnet. Dann werden sie zusammenfinden, und sich zu einer erdrückend schweren Erinnerung vereinen. So schwer, dass nur der Wahnsinn noch Erlösung verspricht. Das ist das Risiko. Das ist die Perspektive, unter der sich die tatsächliche Motivation von Hotleg (Micro-synthesizer, Beat-box-stop) und Erstkommunion (Micro-composer und Micro-sampler) als recht dubios betrachten lässt. Was wissen die?

Unordnung und Nervosität. Damit haben Hotleg und Erstkommunion experimentiert, und davon haben sie sich inspirieren lassen. Sie behaupten, sie hätten diese Kräfte gemeistert. Es sei ihnen gelungen, Unordnung und Nervosität zu spalten, vage zu strukturieren, und in Einheiten von ein bis zwei Minuten zu bannen. Natürlich, geben sie zu, sind diese starken Kräfte auch in diesen Dosen immer noch äußerst verstörend. Aber sie sind rezipierbar. Sie werden zu einer Größe, die man abschätzen, an der man sich messen kann. “Damage Control”, nennt das Hotleg. Der Schaden sei kalkulierbar und ließe sich somit gegen den Nutzen abwägen, erklärt Erstkommunion. Das klingt alles sehr patent, aber wie vertrauenswürdig sind Leute, die sich so stark auf Unordnung und Nervosität eingelassen haben, denn noch? Das sind ungemein manipulative Kräfte. Echokrank klingen von ihrem Konzept vollkommen überzeugt, die Konsistenz ihres Vortrages betont die Praktikabilität, aber dennoch: Sie könnten auch längst Agenten des Chaos sein. Sie plädieren für die Sensitivierung, für den Ausgleich mit den Echos. Katharsis ist kein Weg. Die Anerkennung und die Absorption, vielleicht auch die kontrollierte Koexistenz mit den Mächten des Wahnsinns. Es ist ein verdammtes Risiko. Aber - unter dem Eindruck des Stillstandes der Zeit, unter dem Eindruck der Banalität, die alles und jeden kontaminiert - dieses Risiko sollten wir wählen. Vielleicht ist das Chaos auch das kleinere Übel.

11.05.03.??:??. 28 Days After. Ein Park

Die Meute tanzt durch die Stadt. Tausende. Sie grölen. Sie sabbern. Sie ficken sich beim Gehen. Manche gehen nicht mehr. Manche laufen auf allen Vieren. Haben gigantische Schwänze zwischen ihren Hinterbeinen baumeln. Über ihre Gesichter flackert der Wahnsinn. Unzählige, immer nur für Augenblicke aufblitzende Emotionen. Erinnerungen. Echos. Zu schnell, als dass man sie begreifen kann. Um sie wabert das Chaos. Chaos und Wahnsinn. Nicht dass man dies sehen könnte, wie eine Wolke, wie Nebel. Aber man spürt es. Es ist da. Und es ist hoch ansteckend. Es ist niemand mehr übrig, der erklären kann, wie sich die Ansteckung vollzieht. Kurz bevor hier alles zusammenbrach, war nur so viel gewiss: nicht mal eine Berührung ist notwendig. Der Wahnsinn wird über die Luft übertragen, wahrscheinlich sogar über eine erhebliche Distanz hinweg. Verdammt, und jetzt haben sie mich. Ich hatte gehofft, ich halte durch. 28 Tage. Und jetzt. Scheiße. Es sind zu viele. Von allen Seiten. Scheiße, ich darf sie nicht an mich ran lassen. Scheiße. Scheiße. Scheiße. Vielleicht … keine Panik… es gibt vielleicht einen Weg … dass sie mich übersehen. Ja, das kann klappen. Die Hose aus. Schnell, ja. Vielleicht kann ich sie täuschen, vielleicht gehen sie vorbei. Ja, schöner Schwanz, schöner Schwanz, wird schon, wird schon, schön groß, schön groß, ja, auf alle Viere und an den Baum wichsen. Und bellen, wau, wau. Wichsen. Wau. Hah.. ja, wau, wau, sie ziehen vorbei, ja, wau, grrr, wau …

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