Moderne Mythem aus Freiem Gelände 2nd Records

Junger Mann aus der Provinz verzieht sich nach Berlin. Große Stadt, Moloch sozusagen. Ein völlig anderer Takt. Nichts Anständiges hat er zu tun, in den freien Minuten nach seinem Designerjob in so einer Schlaucherfirma, in der man auf Du mit seinen Sklaven ist, nichts anderes, als ein Schallplattenlabel ins Dasein zu berufen. Weil das macht man so in Berlin. Er gründet also ein Plattenlabel, läßt Brillenträger mit zeitig schütter gewordenem Haar an Knöpfchen für sich drehen und bald schon kennt man dann weltweit auch seinen Namen. In ganz erlauchten Kreisen. Eine irgendwie doch zwiespältige Sache, dass irgendwann auch Hinz und Kunz seinen Veröffentlichungskatalog heruntersurren können, zumindest ein paar wichtige Details.

Nicht gerade eine Geschichte wie sie das Leben schreibt. Und das muss ich ja wohl niemandem an dieser Stelle ausführen. Alles erstunken und erlogen. Berlin. Brillenträger. Lediglich hohle Klischees verbraten. Warum? Tja, warum. Das fragen auch uns die Mütter ständig. Warum. Aber dennoch. Und erst recht. Und jetzt wirklich. Die Geschichte von 2nd Records: Junger Mann aus der Provinz verzieht nach Berlin…

 

In die Zeit

 

Elz. Einfach nur: Elz. Eine Stadt. Wahrscheinlich. Vielleicht auch nur ein Dorf. Der Atlas steht etwas außer Reichweite. Belassen wir es also bei dieser Verortung in drei Buchstaben. Elz ist sowieso Geschichte. In Elz spielt noch nicht mal das erste Kapitel der Legende von 2nd Records. Dennoch: jene popeligen drei Buchstaben fügen sich zu einer nicht unerheblichen Station eines Vorspiels, das man nicht unerwähnt lassen sollte. Vor allem der dummen Klischees wegen. Zählt man zudem die Buchstaben im Namen des kleinen, dort einst ansässigen Tonträgerproduzenten Fiction Friction - eins, zwei, drei, vier … fünfzehn, immerhin - erscheint uns auch Elz als nicht mehr so nichtig. Fiction Friction lieferte ja immerhin ganz ansehnliche Referenzkoordinaten: Morph, Motorrambo und Giardini di Mirò. Von denen kann man Linien nicht nur in die Gegenwart ziehen, sondern mitunter auch direkt zu 2nd Records. Morph sollen nach langer Zeit wieder veröffentlichen wollen und sind - wie man hört - bei den Kölnern Tumbleweed auch gut aufgehoben. Motorrambo wurden wieder zu Nitrada, dem großartigen „Ein Mann/Ein Werk/Tausend Facetten zwischen Elektronik und zauberhaften Songs“-Dingens von Christophe Stoll. Genau wie Giardini di Mirò, diese, ihre Epen immer dichter und feiner webenden Italiener, gehören auch Nitradas Veröffentlichungen zu den Bausteinen von 2nd Records. Und Christophe, er hat daran, dieses Label hochzuziehen, genau so gearbeitet wie Johannes. Johannes. Ein junger Mann, der aus der Provinz nach Berlin verzog. Neue Horizonte, die in die Hinterhöfe der schrecklichen Mietskaserne lugten, ein neuer Job…

 

Aber nun. Es fängt ja alles erst an. Und Johannes ist fertig in Berlin. Das typische Syndrom. Kennt jeder. Jeder bei Verstand. Diese dahingewalzte Betonwüste, völlig dezentral und in ihren diversen Zentren doch eher kleinstädtisch, ohne Metropolencharme, sie raubt den Menschen die Motivation.  Man fragt ja schließlich nicht mehr, wohin es gehen soll, mit einem, wenn man nur einen verschreckenden Augenblick über die langen Wege sinniert.  Es mag aber auch sein, dass diese langen Wege glücklicherweise nicht nur Zeit, sondern auch eine grundsätzliche Furcht vor den Distanzen geraubt haben. 2nd Records funktionierte immer sehr gut zwischen Hamburg und Berlin. Bis zu diesem Level. Beständig wuchs hier etwas in enorme Größe.

Für Fiction Friction, damals noch in Elz, waren die engen Bindungen, die Freundschaften zwischen Johannes und den Bands der gravierende Impuls. Giardini di Mirò markierten dann eine neues Stufe. Aber auch auf dieser wurde die Zusammenarbeit sehr schnell sehr persönlich. Diese enge Bindung, das soll für 2nd nicht minder das bevorzugte Modell sein, aber gegenwärtig zeichnet sich das ursprünglich als Elektronik-Dependenz von Fiction Friction erdachte Label nicht nur durch eine musikalische Bandbreite aus, die weit über die Gründungsparameter hinaus geht, auch aus einer zunächst persönlichen Beziehung kommt nun immer seltener der ausschlaggebende Impuls. In einem zunehmend internationalisierten Rahmen ist der Impuls die Musik, noch bevor man überhaupt ein Wort mit dem Künstler gewechselt hat. Twig Infection aus Sizilien hat man über ihr Demo kennen gelernt. Das Debüt von Noah 23 aus Kanada wollte Johannes in heller Begeisterung sofort kaufen. Bedauernd wurde ihm etwas von minimaler CD-Auflage vermittelt. Na gut, hatte Johannes sich daraufhin gedacht: das werden wir höchstpersönlich ändern.

„Mit einem einigermaßen etablierten Namen im Rücken, ist man auch gleich in einer viel besseren Position, Bands, deren Musik man mag, selbst zu kontakten“, betont  Johannes etwas, das sich zunächst schon einmal wie selbstverständlich anhört. Allerdings werden 2nd Records diese Gewissheit künftig nur noch praktischer für sich ausspielen, als sie es mit dem Noah 23 Album bereits getan haben. Demnächst sollen nun auch Enon auf 2nd eine EP veröffentlichen, verspricht Johannes. Enon aus New York, die in ihrem ungebändigt kreuz und quer schlagenden Repertoire die musikalischen Bandbreite auf 2nd Records in sich selbst erfüllen. Geographische Distanz. Kein Problem. „Ich freue mich schon wahnsinnig, mich mit John von Enon während der Europatour zu treffen, alles zu bereden“. Johannes lässt sich seine Agitation gut anmerken. Weil dennoch, wider die Gesetze der Raums: Nähe und Persönlichkeit. 2nd Records für die Renovation von Parametern der Wirklichkeit. Schließen wir hiermit zyklisch in dem Punkt, von dem wir dieses Kapitel begonnen haben. Johannes ist fertig mit Berlin. Er plant auf Hamburg. Dort lebt Christophe. Und sonst? Argument: Das Label! Das wird schon. Es wird reichen. Es wird erfüllen. Alle Realitäten sind virtuell. Man kann, man muss sie selbst programmieren. Aber die Strukturen der Scheinwelt sind mächtig.

 

In die Strukturen

 

2nd Records hat gewuchert. Völlig gutartig. Hat sich seinen Platz geschaffen. Schon nach wenigen Veröffentlichungen wurde Johannes und Christophe klar, dass das Korsett, in dem sie sich das Label zunächst ersonnen hatten, viel zu eng und hinderlich für die Vision war, die immer aufregendere Facetten warf und sich in eine enorme Vielfalt auswuchs. Sehr bald war auch Fiction Friction nur ein Teil dieser Facetten, ging in ihnen auf, wurde wieder zu fünfzehn Buchstaben in den Annalen und all die Energie, die die Buchstaben banden, gingen ein in das immer regere 2nd Records. Tatsächlich waren es vor allem Giardini di Mirò, deren Namen man inzwischen auch im hiesigen Indieklüngel recht fehlerfrei und ehrfurchtsvoll zu buchstabieren weiß,  die 2nd Records eine Aufmerksamkeit zu teil werden ließen, ohne die viele in großer Hoffnung gestartete Minilabels schon bald ihre Illusionen scheitern sehen. 2nd Records fanden einen Vertrieb. Oder - tatsächlich - viel besser noch, der Vertrieb fand 2nd Records.  Moderne Mythen schreiben:

 

Fiction Friktion haben nie - und zunächst auch 2nd Records nicht - mit einem festen, professionellen Vertrieb zusammengearbeitet. Abgesehen mal davon, dass ein funktionierender Vertrieb unerlässlich für ein Label ist, kann man für 2nd Records den Punkt ganz konkret bestimmen, an dem euch klar wurde: so, dass ist uns jetzt zu groß oder zu wichtig und das können wir jetzt absolut nicht mehr allein stemmen?
 

„Fiction Friction hatten tatsächlich nie einen Vertrieb. Und das war ein echtes Problem. Am Ende steht und fällt eben alles mit dem Vertrieb. Man kann die besten Platten machen, die euphorischsten Kritiken bekommen. Wenn die Platte nicht im regulären Handel steht, verkauft man am Ende eben nur 10 Stück davon. Wir hatten mit 2nd Records dann das Glück, dass Hausmusik sehr schnell auf uns zukam. Vor allem wegen Giardini di Mirò. Eigentlich war Hausmusik schon an der Doppel 10-Inch interessiert, die noch über Fiction Friction lief, und auch an der Split mit Pimmon. Chessie lief aufgrund der Kooperation mit Plug Research über EFA, aber bei der nächsten Platte war dann klar, dass wir mit Hausmusik zusammenarbeiten würden. Das war dann Nitrada.“

 

Als Label agiert man in einem sensiblen System aus emotionaler und kommerzieller Erwartungen, zwischen Partnern, die sich in erster Linie doch vor allem eines wünschen: eine Kakulierbarkeit, eine Berechenbarkeit. Wenn die Medien ablehnen, sie könnten mit der neuen Veröffentlichung des an für sich sehr geschätzten Labels partout nichts anfangen, wenn der Vertrieb jammert, er könne diese Platte verkaufen, und wenn der Konsument demzufolge erst gar nicht, nicht wirklich, vor eine Entscheidung gestellt ist, wie geht ihr als 2nd Records damit um, gerade weil ihr euch keine stilistische Klammer anlegen lassen wollt?
 

„Ja, es ist in Wirklichkeit nicht ganz so einfach. Indigo [als großer Indievertrieb, der auch Veröffentlichungen aus dem Hausmusik-Vertrieb in die Läden bringt]  nehmen nur die Platten, bei denen sie von etwas mehr Verkäufen ausgehen. Das heißt konkret: sie werden die neue Giardini di Miro in ihr Programm nehmen und auch die Noah 23. Bei Twig Infection, die aus Sizilien kommen und bisher noch keine Platte gemacht haben, da lassen die erst mal die Finger von. Das macht für die einfach keinen Sinn, wenn sie 300 CDs rausstellen und dann fast alle zurückbekommen. Unsere Sachen funktionieren aber recht gut im Hausmusik-Kontext, weil Hausmusik als Label ja auch sehr vielfältig ist. Natürlich ist auch der Hausmusik-Vertrieb längst sehr elektronisch geprägt. Aber es passt irgendwie doch noch ganz gut. Sehr problematisch sind dann aber die Partnervertriebe im Ausland, weil die tatsächlich dann schon sehr genrebezogen arbeiten. Ich sehe aber einen auch für uns sehr positiven Trend darin, dass bei den Vertrieben und Plattenläden diese strikte Trennung nach Musikschubladen sich immer mehr auflöst.“

 

Nun ergeben sich aber daraus, dass ihr für bestimmte Veröffentlichungen, die ihr unbedingt machen wollt, keinen Vertrieb findet, ja Implikationen für das Marketing, für die Promotion, den Verkauf und nicht zuletzt auch für eine finale Erwägung, ob ihr es euch leisten könntet, diese Veröffentlichung zu bringen. Habt ihr Strategien, mit denen ihr so einem eventuellen Desinteresse seitens eures Vertriebes begegnen könnt?
 „Ganz ehrlich gab es bisher noch keinen wirklichen Anlaß dazu, uns über Alternativen ernsthaft Gedanken zu machen. Wenn sich all unsere gegenwärtigen Vertriebskanäle verweigern würden, dann müssten wir Alternativen natürlich sofort erwägen.  Ich denke, je bekannter man als Label wird, um so einfacher wird es schließlich auch, Sachen zu machen, die im Labelrepertoire zunächst ungewöhnlich wirken. Für und als noch sehr kleines Label ist dies natürlich schwierig, aber dort wollen hier hin.“

„Ganz ehrlich gab es bisher noch keinen wirklichen Anlaß dazu, uns über Alternativen ernsthaft Gedanken zu machen. Wenn sich all unsere gegenwärtigen Vertriebskanäle verweigern würden, dann müssten wir Alternativen natürlich sofort erwägen.  Ich denke, je bekannter man als Label wird, um so einfacher wird es schließlich auch, Sachen zu machen, die im Labelrepertoire zunächst ungewöhnlich wirken. Für und als noch sehr kleines Label ist dies natürlich schwierig, aber dort wollen hier hin.“ 

 

Aus der Zeit

 

Vor allem Vorwärts. Mit Vision. Über die kann man schon mal stolpern. Keine schlimmen Schrammen. Achselzucken: „Dieses tolle Album hatte eben unsere ganze Aufmerksamkeit und sie war es verdammt noch mal wert.“ Aber die Scheinwelt ist fies, zieht sich nur - wie sollte sie auch anders sein - zum Schein geschlagen aus dem erkämpften Raum zurück und lauert doch. Um alle Hoffnungen zu begraben. Nur ein einziges Mal noch stolpern, und dann fällt sie dich. Vielleicht. Bei einem wirklich großen Schritt. Gewiss. Johannes kann mir nicht erzählen, dass er keinen Schiss hat. Schiss haben ist gut. Schiss gehört dazu, ein Label für die noch perspektivischen Takte zu machen, die die Gegenwartsmusik zu oft so tölpelhaft überdröhnt. Man muss Schiss haben um sich in einem angemessenen Tempo in die Vielfalt vor zu tasten, die sich auf 2nd Records schon offenbart hat. Die nicht dem Zeitgeist folgt, sondern sich heraus nimmt, ihm den Weg zu weisen. Eine Vielfalt, die eines Tages ins Repertoire der modernen Legenden gehören kann.  Schiss, das ist auch Ehrfurcht vor den Strukturen, durch die man sich windet, mit Hartnäckigkeit durchkämpft. Schiss ist mitnichten mit Feigheit zu synchronisieren, verdammt, dazu gehören Löwenherzen. Wie beschreiben es die Enon-Kumpels Les Savy Fav so wunderbar: Crawling on your hands and knees, can be a show of will“. Wer lange kraucht, wird endlich stehen lernen. Und er wird stehen, wenn alles fällt.

So wie … Arme Irre, höhnte Agent Smith. Und dann implodierte er doch.

Nimrod

 

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