Der Unberührbare CEX

Zu behaupten, Genie und Wahnsinn lägen dicht beieinander, hieße Zweifels ohne sich auf einen schlimmen Allgemeinplatz zu begeben. Aber wohin sonst als auf jenen, so oft herbei zitierten Grat soll man sich stellen, wenn man sich diesen Cex greifen will. In nur einem Jahr veröffentlichte der Kerl aus Baltimore drei Alben, auf drei verschieden Labels. Wiederholt brach er mit diesen Alben die Erwartungen - sowohl an sich als auch an sich selbst und löste sich zugleich vollkommen aus den ästhetischen Klammern des jeweiligen Veröffentlichungskontext. Und dennoch betrieb er damit eine Profilierung etwas Ureigenem in seinem Sound. Auch die Cex-Alben der kommenden Monate werden Cex-Alben, aber niemals wie Cex-Alben sein.

Text: Nimrod

 

Es binnen eines Jahres auf drei Longplay-Veröffentlichungen zu bringen, ist zunächst einmal und vor allem ein sehr großkotziges Statement. Doch diese Platten kicken rein, jedweder Zweifel weicht einem Gefühl zwischen Ehrfurcht und dünnem Neid … Neid, nicht weil man meint, es besser zu können, es besser verdient zu haben, sondern weil dieser Cex, nun gerade mal 22 Jahre alt, schlicht und ergreifend das Zeug hat, das einem selbst zum Genius fehlt … Neid, weil das so verdammt ungerecht verteilt ist. Cex bei seinem bürgerlichen Namen zu nennen, ist daher in erster Linie der Versuch, das Phänomenale, das um seine Veröffentlichungen geistert, wenigstens so weit zu profanisieren, dass ihm ein Schreiber mit seinen bescheidenen Worten begegnen kann: Cex ist das Pseudonym von Rjyan Kidwell. Rjyan Kidwell wurde Baltimore geboren und dort wuchs er auch auf. Baltimore ist keine besonders schöne Stadt - ein alter Hafen, überlebte Industrie, viel Abfall auf der Straße. Eine Stadt, die stirbt. Nicht wirklich verwunderlich, dass man sich an diesem Ort nach neuen Orten sehnt.

 

Nie am Ziel

 

Kidwell ist viel unterwegs, samplet auf seinen Reisen Geräusche aus der Umwelt, die er als typisch für seine vorübergehenden Stationen wahrnimmt. Auf dem Laptop bastelt er an seinem Sound. Selbst wenn er einen neuen Kontext schafft, verlieren diese Samples nicht viel an ihrer Ursprünglichkeit und addieren zu einer Aura der Kosmopolität, vereinnahmen ein Spektrum von Emotionen, von Geschichte und Kulturen, in dessen Schatten man Kidwell so schnell nicht mehr seine einfache Herkunft und sein Alter unterstellt. Kidwell trägt Buffalos, verriet das Berliner Goon-Magazin in seiner letzten Ausgabe, und dient damit ein taugliches Bild dafür an, wie sehr das Schaffen des Künstlers mit seinem Drang zu wahrnehmbarer Größe korreliert.

Als Kidwell sich so weit fühlt, sein erstes Album zu produzieren, hat er seinen Schatten schon quer über den ganzen Kontinent geworfen. “Role Model” erscheint 2000 auf Tigerbeat6. Auch die nachfolgenden beiden Longplayer veröffentlicht Rjyan Kidwell bei dem Label aus San Francisco. Nun ist das Letzte, das man Tigerbeat6 nachsagen möchte, dass es seine Künstler in einen engen, einklammernden Wahrnehmungskäfig verdammt - jedoch die Entwicklung, die Cex seit seinem Debüt unternimmt, ist nichtsdestoweniger atemberaubend.

Das Debüt - Kidwell damals noch drei Jahre davon entfernt, sich legal Alkohol beschaffen zu können - ist deutlich noch durch einen experimentellen Charakter geprägt: “Role Model” klingt nach einem Experiment um des Experiments willen und als solches immerhin interessant und in Teilen gar mit Begeisterung nachvollziehbar. “Role Model” - noch ein Stück weit davon entfernt, selbst wegweisend zu sein - ist für Rjyan Kidwell jedoch die Möglichkeit, in seinen Erfahrungen zu sondieren und das Gespür für eine eigene, eine einzigartige Vision zu entwickeln. Mit “Oops, I did it again” beginnt sich ein Element aus den Kompositionen zu formen, das auf den nachfolgenden Alben immer wieder neu und auf überaus unorthodoxe Weise mit den unmöglichsten Referenzen variiert wird. “Oops…” - ein instrumentales Hip Hop-Album - deutet bereits darauf, wie versessen Kidwell darauf ist, Grenzen aufzubrechen. Zwischen trockenen Beats, IDM und zarten Folktexturen spielt er mit den Parametern nur scheinbar unvereinbarer Genre - ein Anspruch, der auf  “Tall, Dark and Handcuffed”, seinem dritten, und bisher letzten Album für Tigerbeat6, ein wenig hinter einer neuen Ambition zurücktritt.

 

The Demons Unleashed

 

Rjyan Kidwell - bemüht, sich nunmehr auch als MC über seinen eigenen Tracks zu profilieren - zeichnet sich auf “Tall, Dark and Handcuffed” als ein Zerrbild Eminems. Einige Male referiert er direkt auf die Alben des Detroiter MCs. Es ist ein Zerrbild, das man willkürlich als ironisierend, respektvoll oder einfach nur ähnlich explizit und aggressiv wahrnehmen könnte. Das Album selbst lässt seine Auslegungen offen - jeder Vorwurf, Cex betrete Fußstapfen, die einfach zu groß für ihn sind, kann problemlos mit dem Verweis abgetan werden, dergleichen sei gar nicht intendiert gewesen und man hätte ihn missverstanden. Ein beachtenswertes Album, darauf wird man sich einigen. Noch ist Schonfrist. Kidwell weiß dies zu nutzen und präpariert seinen bis dato größten Schritt.

“Being Ridden” ist eines dieser Alben, zu dem einem zunächst nichts weiter einfällt, als die Frage zu denken: “Zum Teufel, wo kommt das jetzt her?” Noch nach mehrmals wiederholter Anteilnahme an den Besessenheiten des jungen Kidwell bleibt man sprachlos. Selbst eine Wahrnehmung des bisherigen Werdeganges des Künstlers kann kaum ausschließen, dass man von diesem Album nicht völlig unvorbereitet gepackt und b.u.c.h.s.t.ä.b.l.i.c.h. mitgerissen wird. Konventionalismus ist keine Größe, die sich in Kidwells nun absolut selbstbewusst inszenierten Sound verirrt, sie hallt lediglich in einigen seiner Reime wider, nicht als Klammer jedoch, sondern als variierend versinnbildlichtes Opfer seiner trefflich bösen, immer gerechtfertigt sitzenden Reime. Die zuvor noch sensibel in den Sound gewobenen Folkreminiszenzen finden ihre donnernde Affirmation in hymnischen Refrains, Beats werden gebrochen durch kurze, knochenhart angeschlagene Akkorde. “Being Ridden” legt Cex nachdrücklich darauf fest, dass unter dem Signet Cex gar nichts garantiert ist. Seine aktuellste Veröffentlichung “Maryland Mansions” - auf dem vornehmlich für sein Punk, Songwriter, Emo- und Hardcore Repertoire bekannten Label Jade Tree - kann so einen ähnlich enthebelnden Überraschungseffekt natürlich unmöglich wiederholen. Überraschend, gerade in diesem nun neu erschlossenen Kontext, ist es nichts desto trotz, dass Cex seine IDM-Roots und nun gar einige Industrialreferenzen stärker betont, als die Folk und Songwriterelemente, die dem Jade Tree Publikum den Zugang zu seiner verqueren Welt sicherlich erleichtert hätten. Vielleicht wäre das zu einfach gewesen, zu offensichtlich und eher hinderlich für Cex, der unfassbar sein will, der nach den Winkeln zwischen allen von der Kritik sicher kontrollierten Genren seinen Weg zu der Größe sucht, die ihm niemand, wirklich niemand mehr streitig machen kann. Immer mit der Gewissheit: Die sicherste Position ist die, auf die man sich nicht festlegt.

 

www.tigerbeat6.com

www.temporaryresidence.com

www.jadetree.com

www.rjyan.com

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