Rosen auf den Äckern der Verwüstung Release Records
Die Zeiten, in denen das Sublabel Release in die Klangdimensionen fühlte, in die sich Relapse trotz all der Vehemenz bei Suche nach neuen Extremen noch nicht wagte, sind vorbei. Release ist überholt. Die Suche geht weiter.
Die Grenzen aller Möglichkeiten
In all der Extremität, der sich Relapse so hemmungslos hingaben, trotz der Vehemenz, mit der sich das Repertoire des Labels unermüdlich über Genregrenzen hinwegschob - schließlich schien doch eine Grenze erreicht, die sich als ehern der Raserei in die äußeren Dimensionen des Metal entgegenstellte. Matt, so glaubte er selbst, hatte zunächst keine andere Wahl, als an dieser Grenze ein neues Camp in das unsichere Terrain zu schlagen: Release Records wurden als ein Sublabel gegründet, um all die gefährlichen Grenzgänger aufzufangen, deren Gemeinschaft Relapse zweifellos schätze und deren eigenwillige Brillanz das Label bewunderte… deren hemmungslose Vielfalt aber zunächst zu mächtig schien, als dass selbst die weiten Hallen von Relapse sie halten würden… Tribes of Neurot, Merzbow, Trial of the Bow, Subarachnoid Space, Robert Rich und Amber Asylum. Die Pfade, auf denen diese Künstler wandelten, schienen viel zu abwegig für das Metallabel, so sehr es offensichtlich auch selbst in diese Dimensionen drängte… die Zeit war noch nicht reif.
Release wirkte wie eine sichere Grenzfeste, entlang der Raine zum vermeintlich Unmöglichen. Die Existenz des Labels blieb jedoch weithin ein Geheimnis, die Exkursionen, die von hier nach jenseits von Metal geführt wurden, waren wirtschaftlich nicht zu vertreten, denn der Konservativismus, der den Markt regierte, weigerte sich beharrlich, den enormen Wert der Schätze aus den neuen Welten anzuerkennen. Den letzten Veröffentlichungen von Merzbow gestand diese unerträgliche Situation nicht einmal die marginalen Nischen ganz am Rande der Rentablität zu … das anhaltende Engagement verwies auf etwas ganz nahe an missionarischem Eifer.
Eine Revolution, die ihre Kinder nicht frisst, ist gescheitert
Regelmäßige, ständig neue Updates … selbst die aufwendige, detaillierte Homepage von Relapse Records kann diese wahnsinnige Entwicklung kaum nachvollziehbar machen. Relapse.com ist das pulsierende Fenster auf eine Internationale Verschwörung das Lärms - unzählbare Links öffnen sich zu Downloads in die unerforschten Höllen neuer Kakophonien … keine dieser Passagen jedoch ist verstörender, zermürbender, als die Stille, die sich auf das Feld jenseits der Vernetzung zu releaseentertainment.com gelegt hat. Die Seite scheint tot, auch die Diskographie ist schon seit Jahren nicht mehr ergänzt worden. Das Camp ist verwaist. Die Nachforschung jedoch, ein Blick hinter die verlassenen Fassaden, zerstreut die Ungewissheit und all die inhärenten Ängste. Es ist die Grenze, die es nicht mehr gibt. Release hat seine Mission erfüllt.
Die aktuellen Veröffentlichungen von VidnaObmana, 27 und den diversen Projekten, mit denen sich der Dronie Mathias Grassow in das Netzwerk einbringt, erscheinen zwar noch mit dem Signet von Release Entertainment, gleichzeitig jedoch unter dem Integral des Mutterlabels. Der Belgier VidnaObmana webt den Hypergrind von Agoraphobic Nosebleed in seine Vision von Ambience. Halo bauen ihren monumentalen Lärm an genau der Stelle, an der das Frühwerk der Swans (“Swans are Dead” Doppel-Cd via Release) und Godfleshs (Re-release des Debüts via Relapse) ineinander fiel… das Beharren auf einer formalen Trennung entlang einer Grenze, die nicht mehr existiert, wäre nichts anderes gewesen als eitle Nostalgie.
Die Türen zu den Klippen
Ein Überblick über die wichtigsten Konstanten und aktuellen Veröffentlichungen aus dem Spektrum Release:
27
“Songs from the Edge of the Wing”, das Debüt der Bostoner 27, atmet aus Pianoloops, introverter Saitenmagie und ebenso zurückhaltenden Berührungen der Snare (gerührt, nicht geschüttelt) die Atmosphäre einer verrauchten Bar, an deren Tresen sich niemand erdreisten würde, marketinggerührte Energiedrinks zu bestellen. Dosen werden hier generell nicht gereicht, das Etablisment wirbt mit seinem auserwählten und hemmungslos intellektualisierten Klientel. Da ist “Danger Bird”, im Original selbstverständlich von Neil Young, fast schon ein populistischer Schritt aus dieser entrückten Halbwelt … auch wenn sogar in diesen gepflegten Schatten längst die Allgemeinformel Pop zu drängen droht. 27 veröffentlichen ihre Alben auch auf Kimchee Records, und pflegen ihre guten Kontakte zu Low, Karate, Secret Stars und Tara Jane O’Neil.
Amber Asylum
Diese variierende Konstellation um die Violinistin und Sängerin Kris Force, transzendiert die mannigfaltigen Ebenen zwischen ätherischen Seelenflügen und pechschwarz akkumulierter Bedrohung in dem gleichem überirdischen Geschick, mit dem Frau Force ihre Finger auf die Saiten ihres Instrumentes setzt. Amber Asylum, eine weitere Emanation aus den Nebeln, die uns das Herz der Welt von Neurosis und der Tribes of Neurot nicht preisgeben, entwerfen eine völlig einzigartige, mitunter extrem vergeistet rezipierbare Version von Neo-Folk. Steve von Till, der auf den ersten beiden Veröffentlichungen des Projektes auf Release seinen bescheidenen Beitrag leistete, gräbt mit seinen Soloalben tief im Schatten dieser Brillanz. “Black Sabbath”, dem sich Kris Force auf dem dritten Amber Asylum Album widmete, ist die einzige bekannte Coverversion eines Stückes der Legende, die die Brillanz des Originals in eine neue Tiefe aspiriert und selbst das Anrecht auf den Status eines Klassikers hat.
Amoeba/Robert Rich
San Fran Dronie Robert Rich genießt seinen legendären Status vor allem wegen seiner sogenannten Schlafkonzerte. “Trances/Drones”, sein Debüt für Release, dokumentiert diesen experimentellen Gestus auf zwei CDs. Spannender - um es mal so blasphemisch auszurücken - ist seine jüngste Soloveröffentlichung “Bestiary” zu durchleben - auch wenn ich mich mit der Kritik kaum zurückhalten kann, dass hier - ähnlich dem Beitrag von Alio Die für Son-Dha - ein wenig zu tief aus der Ambient-Ursuppe gesampelt wird. Der Grund, der diesen Eintrag zu Robert Rich in diese sehr knappe Retrospektive dennoch mühelos rechtfertigt, ist sein Projekt mit Rick Davies. Auf den Alben “Watchful” und “Pivot” strickt er eine Atmosphäre, in der sich Davies’ Songwriting epenhaft auswachsen kann. Rich, der dem Projekt zudem seine Stimme leiht, träufelt aus Lyrics, für die er jeden Allgemeinplatz weit hinter sich gelassen hat, das I-Tüpfelchen Melancholie in diese Meisterwerke.
Subarachnoid Space
Über feingewebte Ambience konstruieren Subarachnoid Space elaborierte Songdesigns, legen Quader aus vertrackter Rhythmik, sie schleifen im Feedback vorsichtig das Glas zu den Fenstern ihrer Gemüter und pinnen mit dezenten Bluesreferenzen den roten Faden durch das minotaurische Labyrinth ihrer drei Alben. Subarachnoid Space beschreiben das Echo entlang des Wandelganges, den man sich zwischen der Architektur von Gaudi und Hundertwasser imaginieren darf.
Halo
Die Australier Halo waren in der Tat niemals eine Release-Band. Bereits das Debüt “Guattari” erschien 2001 auf Relapse. Das post-industrielle Credo, mit dem das Duo zwischen Referenzen auf Swans und Godflesh ihren eigenen monumentalen Kollapse der Welt auf dieses Debüt stampften, hätte sie - gemäß des etablierten Verfahrens - für eine Veröffentlichung via Release prädestinieren müssen. In diesem Zeitraum, in dem das Sublabel seinen Output bereits deutlich reduziert hatte, deutete die Praxis jedoch bereits auf den fortgeschrittenen Verfall des segregierenden Konzeptes. Das zweite Halo-Album - “Body of Light” - ist gerade erschienen und nicht weniger als ein seelenschleifender Bastard from Hell.
Mathias Grassow/Nostalgia
Mathias Grassow, längst semilegendär innerhalb den exklusiven Zirkeln der Dronie World, entspricht auch im unlängst betretenen Relapse-Kontext ganz trefflich einem der ewigen Klischees vom Deutschen. Grassow - ein Arbeitstier. Zack, zack, stehen zwei Veröffentlichungen an, die in ihrer Genialität jedoch jegliche bösartige Konnotation aus den Stereotypen rinnen lassen. Für das Nostalgia-Album “Arcana Publicata Vilescunt” arbeitete er mit Rüdiger Geisberg (Arcanum) und “Expanding Horizon”, eine Kooperation mit Stefan Musso (aka Alio Die), erfüllt die Verheißung eines pulsryhthmischen Wachsens zart ziselierter Organik aus inititalen Klangwaben. Tatsächlich weiten sich Horizonte und sicherlich dank der Fügung des Herrn Grassow ohne das schrecklich allgemeine und beinahe hoffnungslos verkitschte Sinnspiel, das Alio Die zunächst befürchten ließ.
Merzbow
Über Merzbow darf man eigentlich nicht mehr schreiben… es sei denn Prosa. Dem Brinkmann stimmte ich hier gerne zu, wenn mir auch das Talent zur Gänze fehlt, Rosen auf den vor sich hin pestilierenden Äckern der Verwüstung zu hegen oder mich gar noch alternativ in der Passion eines Ernst Jandel zu üben, für die mir aber dummerweise jegliches Verständnis fehlt. Masami Akitas Merzbow sind das übermächtige Synonym japanischer Noise- und Klangavantgarde und damit zugleich beliebter Ausdruck eifrig kolportierten Halbwissens. Die Sub Rosa Dokumentation “Agitation/Stillness - Noise/Silence” (EFA) und die Lektüre des Banes “Japan Edge” (1999, Cadence Books) öffnen Passagen in minder eklatante Kenntnistiefe. Im übrigen mag zwar Merzbow das Projekt sein, das die meisten Alben via Release veröffentlicht hat, aber allein schon in Anbetracht der anderthalb Jahrzehnte, die wir die Anfänge von Merzbow weiter in das letzte Jahrhundert zurückdatieren müssen als die Gründung von Relapse (geschweige denn Release), sei auf Merzbow an dieser Stelle eigentlich lediglich ob der unübersehbaren Quantität des Outputs via das Label verwiesen.
VidnaObmana
Ähnlich den Australiern Trial of the Bow, die sofort nach ihrem sensationellen “Rite of Passage” einen undurchdringlichen Okkultismus um sich inszenierten, den sie bis dato noch nicht mit einer neuen Verlautbarung durchbrochen haben, verdichtet auch der Belgier VidnaObmana seinen weltenspiegelnden Ambient atemberaubender als Brian Eno sich das jemals hätte träumen lassen. VidnaObmana, der seit 17 Jahren unter diesen Synonym mehr als 30 Alben veröffentlicht hat, initiierte seine Zusammenarbeit mit Release im Jahre 2001via “Tremor” - ein Album, das wie der gerade veröffentlichte Nachfolger “Spore” die Suche nach den verborgensten Seiten multipler Kulturen und den geheimsten Töne einer Vielfalt von Instrumenten dokumentiert. Inspiriert durch Dantes “Inferno” dirigiert VidnaObmana auf eine Passage durch einen Altar für die dunkelsten Passionen im Gedächtnis der Welt. “Legacy”, die Pforte in den dritten und letzten Korridor dieser Reise, hält er noch verschlossen.
Nimrod
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