Blendend Neue Urbane Die chinesischen Filme DAZZLING und SPRING SUBWAY
Mit ihren Erfahrungen als Werbefilmer polieren die Regisseure Xin Lee und Zhang Yibai an den Fassaden der chinesischen Metropolen Beijing und Shanghai. Unter dem ambitionierten, hochglänzenden Anstrich wirkt die Kulisse unverbindlicher für das Sujet. Historische Implikationen und Referenzen auf die Schattenseiten zunehmender Deregulierung bleiben (fast) ohne dramaturgische Relevanz. So darf man wohl zu Recht erwarten, dass der Fokus nun auf Protagonisten liegt, die in der urbanen Gegenwart ganz auf sich allein gestellt sind - und die sich bemühen, genau diesem Zustand Abhilfe zu schaffen. Mit Krampf, verzweifelt, voller Hoffnung und manchmal auch wie zum Scheitern verdammt. Internationale Tragik.
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Blendend Neue Urbane
von Nimrod
Wu Gang (Wu Lala) ist ein wenig pummelig und glatzköpfig. In seiner Freizeit trägt er einen knielangen Strickpullover, mit Querstreifen, gelb-schwarz. Um eine Erinnerung an die Anime aus Kindertagen aufzugreifen: Willy-Style. Wu Gang hat tatsächlich viel von dem dezent dümmlichen Sidekick der kleinen, lieben Biene Maja. Man wünscht Wu Gang, er würde sehen, was wir, die Zuschauer, sehen. Eventuell fiele ihm dann die Antwort auf die Frage leichter, der Wu Gang sein ganzes Sinnen widmet. Wo, verdammt, ist Mädchen Nummer Eins, die Zweite?
Seinen Lebensunterhalt verdient dieser Wu Gang - natürlich dazu verpflichtet, sich etwas vorteilhafter zu kleiden - als Einlasser in einem Kino. In erster Linie aber, so deutet er an, ist das Kino ein Refugium. Hier hinein kann er sich vor der Lösung seiner Problem ganz hervorragend verkriechen. Er habe Angst vor der Sonne, dem Licht, das ihm einst die Netzhaut versengte, metaphorisiert er in der bedeutungsschwangeren Prosa, mit der er sich in „Dazzling“ von Beginn an zum Narrator aufspielt.
Wu Gang versteckt sich vor der Liebe. Hier, in der künstlich abgedunkelten Halbwelt seines Kinosaals, verschwimmen für ihn Realität und Film. Sein eigenes Reich, sagt er. Hier hat er alles unter Kontrolle. Die Ausschnitte, die er aus den Leben der häufigen Besucher wahrnimmt, verdichtet er zu Surrogaten für die Geschichten, die ihm entgehen, weil er selbst unfähig ist, sich der Welt bei Tageslicht zu stellen. Er „erntet ihre Emotionen“ und hier, in seinem Reich, ist deren Interpretation sein höchstpersönliches Privileg. Und schon von dieser Stelle an, da dem Zuschauer das Prinzip von „Dazzling“ vermittelt wird, ist es nicht mehr nur Wu Gang, der ein Problem mit sich herum trägt.
Wu Gang, der die Episoden von „Dazzling“ imaginiert und via brush-and-touch Verfahren auf ultrakonventionelle Weise ineinandergreifen lässt, taugt für diese, ihm zugeschriebene Funktion eben ganz und gar nicht. Er schwafelt und schwafelt und hat doch ausgewiesen keinen Plan. Was könnten seine Gedanken um die Liebe denn auch anderes sein als alberne, kleine Illusionen, besetzt mit Charakteren, deren Motive, Gefühle, deren Triebe niemals nachvollziehbar werden und die folglich hölzern durch vier von Dramaturgie völlig freie Sequenzkumulationen staksen? Keine der Geschichten berührt, deutet auch nur auf ein vages Potenzial dazu. Nichts gegen Ellipsen, aber das Muster aus Anziehung (die man noch hinnimmt), Distanzierung (für die es keine Erklärung gibt) und Rekonziliation (die in anhaltender Ermangelung einer Erklärung für die Distanzierung völliger Bogus ist), trägt einen Teil der Episoden kein Stück weit, und vielleicht war es nur Konsequenz, dass man den anderen Teil gleich von jedweder Handlung bereinigte.
„Dazzling“ ist nicht mehr als eine Fingerübung. Formalität über alles. Aber es fehlt eklatant an Inhalt, dieses aufgeblasene Konstrukt auszufüllen und zu stabilisieren.
Xin Lee - für sein 96er Debüt „Your Black Hair and My Hand“ als Herold eines neuen, tatsächlichen urbanen Styles im Kino der Volksrepublik China gefeiert – präsentiert sich mit seinem zweiten Spielfilm lediglich als brillanter Handwerker. „Dazzling“ ist ein zwar visuell beeindruckendes, ja durchaus schönes Pastiche, nichtsdestotrotz aber ein sterbenslangweiliger Film.
Man muss Xin Lee einen historischen Verdienst aber ganz gewiss zu Gute halten. Als er 1996 mit „Your Black Hair and my Hand“ einige Konventionen brach, hat er ein Feuer entfacht, das ihn in den Folgejahren durchaus in seiner Entwicklung eingeschränkt haben mag, jedoch den Grund bereitete für einen weiteren, deutlich wahrnehmbaren Generationswechsel im chinesischen Kino.
So ist es sehr wahrscheinlich, dass „Your Black Hair and My Hand“ einen nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung von Zhang Yibai hatte. Wie Xin Lee hat auch Zhang Yibai, bevor er sich seinem ersten Spielfilm widmete, vor allem für die Werbebranche gearbeitet. Zhangs Debüt - „Spring Subway“ - widmet sich, analog den Arbeiten Xin Lees, der Liebe seiner Protagonisten inmitten eines urbanen Settings mit dezidiert internationalisiertem Flair. Geschickt werden die Parameter aus der vermessenen Interpretationshoheit von Orientalisten hinein in den globalen Diskurs um die Postmoderne verschoben. Auch auf eine internationale Auswertung ist mit dieser ersten Produktion des Indie Electric Orange Entertainment zweifellos spekuliert worden. Keine Sperenzchen. „Spring Subway“ ist ein offiziell genehmigtes, durch und durch gestyltes, starvehikelndes, also völlig auf Nummer sicher geschossenes Picture - und, darüber hinaus, sogar noch ein richtig guter Film.
Ganz zu Recht hat dieses Debüt im letzten Jahr in China für Furore und auf internationalen Festivals für einiges Aufhebens gesorgt. Dass nun im Kontext mit diesem Geniestreich gerne auf Wong Kar-wai gewichtet wird, ist durchaus nachvollziehbar, jedoch in erster Linie natürlich Marketing.
Zhang Yibais Charaktere sind mitnichten Außenseiter, nicht übertrieben seltsam, skurril, nicht von einer faszinierenden Ambivalenz zwischen Melancholie und Aggressivität. Sie sind wunderbar transparent, sie wirken in ihrer Entwicklung (potenziell) überaus nachvollziehbar und integrativ.
Bereits bevor das modern treibende, von der Erhu melancholisch angestrichene Titelthema sich unter die Opening-Credits legt, führt sich die Protagonistin in die Handlung ein: „Alle nennen mich Xiao Hui. Und ich bin sehr zufrieden“ - schon klar, sie hat ein Problem. Aus der siebenjährigen Beziehung mit Jian Bin (Geng Le) ist die Magie verflogen. In der Küche tropft der Wasserhahn, tropft, tropft, und beide nehmen es zur Kenntnis, aber weder Xiao Hui (Xu Jinglei) noch Jian Bin bemühen sich, etwas zu unternehmen. Beide sind sich sicher, dass es innige Gefühle sind, die sie füreinander hegen - aber ob das noch Liebe ist?
Das verflixte siebte Jahr. Es ist die Gewohnheit, die sie entzweit hat. Hinzu addieren persönliche Schuldkomplexe. Jian Bin ist seit drei Monaten arbeitslos. Kein Wort darüber zu Xiao Hui, stoisch spielt er ihr die tägliche Routine vor. Niemand möchte es aussprechen, dass es ein erhebliches Problem gibt, niemand möchte sich darauf verlegen lassen, Schuld am Ende der Beziehung zu tragen - aber ist es denn schon so weit, nichts mehr zu retten?
Während des Abendessens in einem Restaurant nimmt Jian Bin einen Anruf auf Xiao Huis Mobiltelefon entgegen. „Ich wollte nur sagen, dass ich dich sehr mag“, sagt jemand, den Jian Bin per Display als Lao Hu - Tiger - identifiziert. Er schweigt gegenüber Xiao Hui, beschließt aber augenblicklich das Unausweichliche zu katalysieren: „Meine Firma wird mich nach Frankreich versetzen“, lügt er. Damit wird ein Stichtag gesetzt…
Neben den Subplots, die sich daraus entwickeln, dass beide Protagonisten versuchen, ihre Attitüde gegenüber ihrer gemeinsamen Zukunft über potenzielle Alternativen zu reflektieren, wird die titelgebende U-Bahn-Line zur Schnittstelle mit zwei weiteren Handlungsfäden, die sich der Thematik auf eine fast schon entmythologisierende Weise nähern. Da sind zum einen ein dicklicher Bäcker und eine Trine aus der Provinz, die in der U-Bahn an „ausgehungerte Yuppies“ „Iron-Rice“ verkauft -Tubennahrung mit absonderlich hohem Nährwert, so etwas wie modernes Lembas-Brot. Die einzige Gemeinsamkeit, die man zwischen Bäcker und Landpomeranze ausmachen kann - sie halten sich beide für schrecklich unglücklich. Nach dem verzweifelten Topf-Deckel-Prinzip kann das wohl genügen, ihre euphorisch angekündigte Hochzeit verspricht jedoch eher so eine Zweckgemeinschaft zu werden. Mag sein, dass ich das jetzt viel zu zynisch sehe, generell lasse ich mir Zynismus nicht gern unterstellen. Und gerne würde ich als Argument hier meine zunächst herrlich blauäugige Sicht auf den zweiten Nebenschauplatz anführen… aber nein, ich bringe es nicht fertig, diese doch sehr hartherzige, furztrockene und ganz gemein unkitschige Pointe zu verderben.
Dazzling
Hua Yan
VR China 2001
Regie: Xin Lee (Li Xin)
Drehbuch/Ausführende Produzentin: Sara Chen
Kamera: Huang Lian
Schnitt: Zhia Ru
Art Director: Li Shen
Musik: Zhu Xiaomin
Darsteller: Wu Lala, Xu Jinglei, Mei Ting, An Zi, Li Yuan, Wang Xuebing
Spring Subway
Kaiwang Chuntian de Ditie
VR China 2002
Regie: Zhang Yibai
Drehbuch/Produktion: Liu Fendou
Kamera: Zhao Xiaodong & Gao Fei
Schnitt: Liu Miaomiao
Musik: Zhang Yadong
Darsteller: Geng Le, Xu Jinglei, Zhang Yang, Wang Ning, Fan Wei
Billig Mobilabonnement wrote:
Billig Mobilabonnement…
Simply go to“ photos” for a nice collection of Jonah’ s first 2 weeks….
Posted on 14-Aug-09 at 1:46 pm | Permalink