Wie der Jammercore ins Musikfernsehen kam Kevin Devine
Eigentlich war es eher widerwillig, dass sie sich eine Eintrittskarte gekauft haben. Sie sind nicht als Fans hier, versprechen sich kein gutes Konzert, sie sind nur die Begleitung. Selbstverständlich trinken sie den ganzen Abend nur Cola und Apfelsaft und möchten die angebliche Faszination gar nicht nachvollziehen, die der sturzbetrunkene Kerl halb verständlich von der Bühne lallt. Für die elegischen Refrains haben sie sich auf einen Slogan geeinigt, der in den Foren zügig die Runde macht. „Jammercore“ nennen sie das. Kurzzeitig konnte man auf den einschlägigen Seiten auch etwas von „Mädchen-Core“ lesen, aber es wurde schnell beschlossen, dass dies nicht so wirklich korrekt wäre. Wie auch immer, auch über den in die Pausen zwischen den Songs geflüsterten „Jammercore“ runzeln die Freundinnen die Stirn. Auf solchen Konzerten gehen Beziehungen zu Brüche. „Yo Man, you go and try at MTV unplugged!“ Englisch, weil Kevin Devine es verstehen, weil es ihn treffen soll. Kevin Devine ignoriert das Pöbeln, vielleicht hat er es wegen des starken deutschen Akzentes auch nicht verstanden. Ein Kerl, dessen Freundin mit besonders glasigen Augen wie gebannt auf den gefährlich schwankenden Songwriter starrt, lässt sich jedoch auf den zynischen, und selbstverständlich männlichen Einwurf aus dem Dunkel des Saals zu einem gehässigen Kommentar hinreißen: „Ah, he certainly looks like a piece of shit compared to that Cabbarra fuck. And he howls like dog locked out in a snow storm.” „Carrabba, du dummes Arschloch”, schreit ihn sein Mädchen an, und wie es später aus dem Freundeskreis verlautet, waren dies die letzten Worte, die sie je mit ihrem Macker gewechselt hat. Es ist klar. Die Kerle haben Schiss vor Kevin Devine. Nur deshalb sind sie hier. Und zunächst genießen sie seine schrägen Töne, vergewissern sich, dass Devine gar nichts kann, aber immer verzweifelter unterdrücken sie schließlich ihre Wut, als sie feststellen wie wenig der Alkoholpegel und das Unvermögen des Songwriters hier irgendwas was zur Sache tun. Der Eklat um den Zwischenrufer und sein Mädchen gibt ihnen den Rest. Nach diesem Vorfall verdoppelt sich der Applaus. Auch die Begleiter klatschen, und es sind gar nicht die Stimmen der Mädchen, die man am lautesten hört, als die Zugaben eingefordert werden. Und ich schwöre, dies ist wahr – auch wenn einiges an dieser Schilderung meinem kreativen Umgang mit der Tatsächlichkeit geschuldet ist – nach dem Konzert schwänzeln gar einige der Kerle um den Musiker, lassen sich Shirts mit Widmungen beschreiben: „For Antje, please“, sagen sie. Und „please dedicate this to Kathleen“. Und dies “for Miriam”. Es ist nicht der Augenblick für falschen Stolz. Es steht zu viel auf dem Spiel. Nimrod
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