Die kleine Herberge am Rande der Zivilisation
„Gehen Sie nicht in den Süden, erst recht nicht nach irgendwo südlich der Wüste. Die Leute da sind Wilde. Die überfallen Busse und tragen immer Messer mit sich herum“, beschwört der ältere Herr. „Hier im Norden, Turfan, Hami und Urumuqi, das sind recht sichere Plätze. Aber der Süden… man hört es ständig.“ Seine Frau ruft. Schnell zerdrückt er seine Zigarette unter den Sohlen seiner Slipper. Steht auf, sich zu verabschieden und seiner Frau aus dem Hotelfoyer zu folgen. „Nach Yining“, sagt er „ An der Grenze zu Kasachstan, der ehemaligen Sowjetunion. Ich war dort mit meinem Regiment stationiert. Damals. Jetzt fahren wir zu Besuch.“ Und damit geht er. Und auch der etwas aufdringliche Geruch von Reiswein folgt ihm.
Die kleine Herberge am Rande der Zivilisation
von Nimrod
Alles ist etwas schmierig. Altes Öl hat sich tief in gesamte Einrichtung gefressen. Der Gastraum ist dunkel und stinkt nach Zigaretten, kalter Rauch, der billigsten Sorte. Das kleine sichuanesische Schnellrestaurant ist dennoch ein herzlicher Unterschlupf. Ein Stückchen Heimat. Mit Stammgästen. Und immer offen für die Passanten. Zuflucht vor dem unglaublichen Wind, der messerscharfen Sand durch die breiten Straßen der Oasenstadt Kuqa wirbelt, seit dem frühen Morgen schon.
„Sie sind ein Narr“, scherzt die Wirtin in breitem Heimatakzent mit dem durchreisenden Geologen, als sie aus der engen Küche ein Tablett mit einer aufgeschnittenen Wassermelone in den Gastraum trägt. Der Geologe blickt verwirrt. Er versteht nicht. „Die Melone, die Sie gekauft haben“, erklärt sie. „Man weiß sofort, Sie sind nicht von hier. Keine gute Qualität. Da muss man aufpassen.“ Der Geologe schaut verlegen und bedankt sich für den Hinweis. Er kostet. Vorsichtig. Aber auch nachdem er von der Melone gegessen hat, weiß er noch nicht, was damit nicht in Ordnung sein soll. Erleichtert bietet er den anderen Gästen von der kühlen Frucht an. Die anderen Gäste lehnen dankend ab. Mehre Male, nachdrücklich, so wie man das in China macht, damit sich der Gastgeber auch wirklich sicher sein kann, dass sie tatsächlich nicht mögen. Seine Sitten darf man auch in der Fremde nicht verfallen lassen …
„Sind Sie auch von hier?“, beginnt der Geologe ein Gespräch mit der jungen, ungewöhnlich großen Frau, die mit ihm am Tische sitzt. „Nein, ich wohne erst wenige Monate in Kuqa“, antwortet sie. “Ich bin aus Sichuan.“
„Ach was, Sie auch?!“, gibt sich der Durchreisende ehrlich erstaunt.
„Was ist ungewöhnlich daran?“, fragt die junge Frau kokett zurück. Ihr Augen glitzern belustigt. Sie fährt sich durchs kurzgeschnittene Haar. „Wir Sichuanesen, wir sind doch das bevölkerungsstärkste Volk der ganzen Republik. Sie sitzen in einem sichuanesischen Restaurant. In der Fremde. Was erwarten Sie?!“
Der Geologe lacht. Lacht aufgesetzt und schallend laut. Er möchte seine Verlegenheit überspielen, und er möchte das Gespräch neu dirigieren. „Ja, und was machen Sie hier?“, fragt er in einem Tonfall, der kaum ein Missverständnis darüber zulässt , dass er die Antwort – wie immer sie auch lauten mag – bereits für unangemessen hält. Für ihn gibt es keinen triftigen Grund, eine so junge, intelligente und auch offensichtlich hübsche Frau, hier in dieser Einöde am Rande der Zivilisation, anzutreffen.
Die Frau, das Fräulein, lächelt: „Ich?“ Sie schnalzt ihre Zunge. Dann grinst sie ihn herausfordernd an. „Ich bin auf der Suche nach einem Mann.“ Und der Geologe, der lacht. Wieder lacht er schallend laut. Doch nun möchte man es nicht mit Bestimmtheit sagen, ob er verlegen ist oder ob er sich wirklich köstlich amüsiert. „Das ist nicht Ihr Ernst?! Hier!?“ „Natürlich ist das mein Ernst“, bekräftigt sie. Und er fast dies als Signal auf, das Gespräch noch angeregter fortzuführen.
„Es ist ein verfluchtes Scheißland, hier“. Polternd tritt ein weiterer Gast in das kleine Restaurant. Alle nicken spontan. Er wirft ein Bund mit Autoschlüsseln auf einen der Tische und beginnt sich den Sand von der Kleidung zu klopfen. Die dicke Wirtin steckt ihren runden Kopf aus der Küche und begrüßt den Mann aufs Herzlichste. „Siji, du Dreckmaul!“ Und an den Geologen und die junge Frau gewandt verkündet sie: „Noch ein Landsmann! Aus Panzhihua.“
„Wirklich?!“, der Geologe springt auf und reicht dem Neuen die Hand. „Ich bin nämlich aus Chengdu.“
„Nicht wahr?“, betont der Neue gelassen und lässt sich die Hand schütteln. Er setzt sich zu einer alten Frau an den Tisch und ruft der Köchin eine Bestellung zu. „Ban Mian“, will er. Hausgemachte Nudeln mit einer scharfen Fleischgemüsesoße. Die Köchin ist begeistert: „Siji, du bist ein Bastard. Weißt doch ganz genau, dass ich selbst keine Nudeln hab’. Muss ich raus bei dem Sturm zum Ali Baba …“
Siji kontert: „Weißt doch ganz genau, Alte, dass ich immer Ban Mian esse.“
„Du bist selbst schon ein Ali Baba“, faucht sie, doch dann geht sie, um im uigurischen Restaurant gleich nebenan Nudeln zu bestellen.
„Siji ist übrigens Taxifahrer“, unterbricht die Wirtin das Gespräch des Geologen mit dem Fräulein, als sie dem Neuen keine zehn Minuten später seine Mahlzeit auf den Tisch stellt. „Taxifahrer, aha“, echot der Geologe. Als gäbe es tatsächlich noch jemandem in diesem Restaurant, der dies bis dahin nicht mitbekommen hat.
„Siji kennt die Gegend hier wie kein Zweiter. Er ist zwar ein Bastard, aber verlässlich, Herr Geologe. Wenn Sie irgendwo hin müssen, wenden Sie sich ruhig an ihn.“
„Das ist richtig!“, bestätigt Siji. Und er kaut beim Reden weiter. „Seit 11 Jahren fahre ich hier. Wohin wollen Sie denn?“
„Morgen muss ich nach Aksu, geschäftlich, aber ich denke, da nehme ich den Bus…“, antwortet der Geologe.
„Den Bus?“, brüllt Siji und spuckt dabei ein paar Nudeln auf seinen Teller zurück. „Sie müssen ja völlig verrückt geworden sein. Ihnen bekommt wohl die Sonne hier nicht? Mit dem Bus fahren doch nur Ali Baba. Also wenn Sie sich berauben und anstechen lassen wollen … na dann, bitte schön! Aber ich würde Ihnen raten, den Zug zu nehmen … Nur falls Sie es tatsächlich noch nicht gehört haben sollten, es gibt jetzt die neue Zugstrecke, seit zwei Jahren schon, den ganzen Weg bis nach Kashi. Der Zug hält auch hier. Und in Aksu. Kein normaler Mensch benutzt noch den Bus.“
Der Geologe holt einen Moment Luft, um dann zu erwidern. Diesen kurzen Moment passt die Wirtin ab, dem Taxifahrer beizupflichten. „Was Siji sagt, stimmt natürlich. Aber noch viel wahrscheinlicher ist, dass Sie sich irgend etwas wegholen, da im Bus. Ich kenne viele Leute, die mal mit dem Bus gefahren sind und danach sehr krank wurden. Sie müssen ja wissen, dass es die Ali Baba mit der Hygiene nicht so genau nehmen. Diese Käppies, die sie tragen, zum Beispiel. Die kaufen sich höchstens einmal im Jahr ein neues. Und dann tragen sie es ein Jahr. Ohne es zu wechseln. Ohne es zu waschen.“
„Das sind ja wirklich recht scheußliche Zustände“, stimmt der Geologe zu, nicht sehr nachdrücklich, eher aus Unsicherheit, weil er das Gefühl hat zustimmen zu müssen. „Und Sie meinen, ich könnte für morgen Vormittag noch ein ordentliches Liegewagenticket bekommen? Gibt es denn überhaupt einen Zug am Morgen?“
„Das ist alles gar kein Problem“, beruhigt der Taxifahrer. „Das Ticket bekommen Sie auch noch morgen im Zug. Wenn Sie ganz sicher sein wollen, dann kann ich Sie auch zum Bahnhof fahren, jetzt gleich.“
Der Geologe überlegt für einige Augenblicke. Jetzt zu fahren, hieße die nette Unterhaltung mit der jungen Frau aus Sichuan abzubrechen. „Nun gut“, beschließt er dann. „Lassen Sie uns fahren! Gleich!“
Nachdem er die Rechnung mit der Wirtin beglichen hat, nestelt er eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche. „Sie müssen mich unbedingt anrufen, wenn Sie wieder in Sichuan sind. Und auch sonst, wenn Sie irgendein Problem haben. Ich bestehe darauf“, beschwört er die junge Frau. Lächelnd reicht er ihr die Karte. Sie fasst sie mit Daumen und Zeigefinger. Der lange Ärmel ihrer Bluse rutscht nach oben. Dem Geologen gefriert das Lächeln. Kurz überlegt er, ihr die Karte sofort wieder zu entreißen. Warum hat er nur nicht genauer hingeschaut, flucht er still. Tölpel. Idiot. Eine Frau allein hier draußen, die einen Mann sucht. Natürlich. Wo sonst? Nur hier. Nirgendwo sonst. So eine wie die. Er zwingt sich, nicht länger auf die Tätowierung in ihrer Hand zu starren. Er ist sich sicher. Solche Tätowierungen sind ein Stigma, das aus Kriminellen für immer Kriminelle macht. Und auch in ihrem Unterarm bemerkt er nun die blassblauen Umrisse einer Tätowierung. Vielleicht hat sie sich die gar selbst zugefügt. Eine Frau wie die.
Als sie die Visitenkarte in ihre Tasche gesteckt hat und wieder zu ihm aufschaut, hat er seine Fassung und ein Lächeln längst wiedergefunden.
Was soll’s, denkt er. Nach Sichuan kommt die wahrscheinlich nie zurück.
Dieser Artikel erschien im Rahmen des Themen-Special “Identitäten” in PNG 61.
Post a Comment