Noir Noir Elizabeth Anka Vajagic
Seien Sie herzlich willkommen, in einem dieser raren Momente, in dem zwei (vermeintlich) auseinander strebende Welten ganz plötzlich auf eine ähnliche Umlaufbahn geraten und heftig kollidieren! Solche Momente sind selten vorhersehbar, die Ursachen konspirativ ausgeheckt. Die Konsequenzen bleiben in der Regel eher kurzfristig (oder gar auf diesen einen Moment beschränkt). Constellation haben das Debüt der Kroatin Elizabeth Anka Vajagic … gelauncht: „Stand with the Stillness of this Day“. Das Momentum dieser elegischen Eskapade ist erheblich, der Rückstoß ist sicherlich kein Rückstoß, und dennoch findet man sich plötzlich in der Nähe einer Dimension, von der aus man sich die ehrliche Frage stellen muss, wie viel der verdienten Aufmerksamkeit man diesem Album geschenkt hätte, wäre es in einem anderen Kontext erschienen.
von Nimrod
Zugegeben. Wahrscheinlich wäre ein Versuch an dieser Stelle nie unternommen worden, die dunkle Brillanz von „Stand with the Stillness of this Day“ in adäquater Form zu würdigen, wäre das Album nicht auf Constellation Records erschienen. Auf Constellation oder einem anderen dieser Labels, deren Rosterentwicklungen wir sehr genau beobachten, auf einem unser Lieblingslabels. Und eigentlich ist das gar nicht so schändlich ignorant … wenn man es sich selbst erst einmal eingestanden hat. Denn genau dies sind uns unsere Lieblingslabels ja wert, dafür kratzen wir in ihren Fußspuren … weil sie uns immer wieder überraschen können, uns die Türen in (wieder)entdeckenswerte Dimensionen aufstoßen, die wir selbst nicht so ohne weiteres gefunden hätten … genau damit werden sie unseren Erwartungen an sie gerecht, damit, dass sie unsere Erwartungen immer und immer wieder betrügen … dafür lieben wir sie, deshalb liebt man … weil man nicht versteht. Der Erkenntnis, dem Verständnis, folgt die Langeweile.
Das Debüt der Elizabeth Anka Vajagic „markiert den Anfang eines neuen Kapitels in der Geschichte von Constellation“, verkündet das Label. „Es ist eine Bewegung weg vom epischen, instrumentalen Post-Rock, wie er so eng mit dem Label in Verbindung gebracht wird, es ist eine Bewegung in ein Territorium viel, viel näher an der Welt dunkler östlicher Folktraditionen.“
Natürlich mag es dem Eingeweihten sofort schwanen, es wolle das Label mit dieser Tendenzierung des Albums als eine just motivierte Bewegung die drei Veröffentlichungen des Frankie Sparo irgendwie unter den Tisch kehren … aber in den Songs von Frau Vajagic atmet doch tatsächlich ein dezidiert andersartiges Geschwür, als jenes, das Frankie Sparo fast jeglicher Emotion beraubt. Elizabeth Anka Vajagic spürt noch nicht die Kälte, die zum eigenwilligen Trademark in Sparos Schaffen geworden ist, sie ringt mit Pathos und schämt sich der hemmungslos artikulierten Elegie ihres bitteren Kampfes in keiner Note. Bringen wir das Bedeutelte schließlich auf den überraschenden Punkt: „Stand with the Stillness of this Day“ ist ganz schön Gothic. Irgendwie. In allen positiven Konnotationen, die dieser Begriff erlaubt.
Im Grunde ist aber diese Kategorisierung lediglich ein Akt der Verzweiflung. Der Sound der Vajagic, für den neben der Songwriterin auch eine enorme Zahl von Gastmusikern aus dem Umfeld des Labels verantwortlich zeichnet, ist natürlich zwingend originell und in seinen diversen Einflüssen und mit dem multiinstrumentalen, bis tief unter das Songgerüst reichenden Score durch solch banale Genrezuweisungen kaum zu greifen. Und wenn sich das Label hierzu gleich selbst bemüht und neben der frühen P.J. Harvey und neben Lisa Germano auch Diamanda Galas in den Referenzkosmos einführt, dann weist das meines Erachtens weniger auf überdeutliche musikalische Affinitäten, als auf den bohemen Gestus, das unleugbar Artsige, welches das Debüt der Vajagic mit dem Werk der Galas und natürlich mit dem Backkatalog ihres Labels sicher verlinkt.
Post a Comment