Bist du mit mir, bin ich nicht mit dir Black Ox Orkestar
Lebhafte Traditionen sind der natürliche Feind von Konservativismus und Orthodoxie. In der Diaspora, selbstverständlich, mag dieser Konflikt heftiger toben als irgendwo. Dort, wo die Grenzen zwischen Geschichte und Kultur enger fallen oder sich gar aufzulösen beginnen. Kein offensichtlicheres Beispiel gibt es wohl als Nordamerika. Die nordamerikanische Kultur ist eine Kultur des Konsens, der Schmelztiegel, der sogenannte. Aus jeder Immigrantentradition wird ein Stück adaptiert, mit dem Signal, die extremeren Eigenartigen doch schlimmstenfalls noch im Hinterzimmerchen zu praktizieren. Das ist die Essenz des Amerikanischen Traums – Assimilation unter einem neuen, doch noch immer dominant angelsächsischen Wertekanon. Selbstverständlich – so sehr sich die Kanadier auch stets dagegen verwehren – ist dieses Abwägen zwischen Deszendenz und Konsens – zwischen Abstammung und Zustimmung – auch für die Immigrantennation nördlich der Vereinigten Staaten verbindlich.
„Ver Tanzt?“ ist das Debüt des Black Ox Orkestar aus Montreal. Black Star Orkestar sind im besprochenen Kontext absolut exotisch, extrem, und dennoch unmissverständlich vor allem dessen Konsequenz. Es ist eine dunkel brütende Fusion, die sich hier zusammengebraut hat. In einem mürrischen Aufbegehren – gleichsam gegen die Diktaturen der Orthodoxie und des Konsens – verschmilzt jiddische Klezmer-Musik stärker noch mit osteuropäischer sowie kleinasiatischer Folklore, und wird über Jazz- und Indierock gefilterte Sensibilitäten zu einem unbequem eigenartigen Entwurf für den individuellen Weg arrangiert.
„Wir vier, die Initiatoren des Black Ox Orkestar, wir haben alle haben unsere Jugend in diversen Punkrockbands sowie Jazz- und Experimentalgruppen durchgebracht und spielen nach wie vor in Bands wie Silver Mt. Zion, Godspeed! You Black Emperor und Sackville. [Unser Sänger] Scott Levine-Gilmore kam über sein Interesse an der Geschichte jüdischer Anarchisten- und Arbeiterbewegungen dazu, Jiddisch zu studieren. Außerdem spielte er bereits in einer Montrealer Klezmerformation – Luftmensch Farayn – dem Verein der Träumer. […] Unser Ziel als Black Ox Orkestar aber ist es, eine neue jüdische Musik zu erschaffen und nicht lediglich Teil des gegenwärtigen Klezmer-Revivals zu sein: eine Musik, welche die Energie der Folk Traditionen in sich aufsaugt, die jedoch durch unsere idiosynkratischen Vorlieben transformiert wird und so die Traditionen lebt und gleichsam subversiert.“
Über das hiermit Bedeutete hinaus – also, dass das Projekt bereits einzig dadurch, dass es existiert, eine politische Signifikanz entfaltet – legen Black Ox Orkestar außerordentlichen Wert darauf, diesen Anspruch noch dezidierter zu artikulieren. „Wir denken, dass es in der Klezmer-Revival-Szene generell an politischem Bewusstsein mangelt, womöglich aus der Angst heraus, Unterstützer zu verprellen.“ Für Black Ox Orkestar aber ist Jiddisch – die Sprache der Diaspora – mitnichten nur die liebäugelnde Konzession an die Traditionen, diese Sprache wird zum Instrument, einen individuell gen eine offene Zukunft progressierenden Weg zu beschreiben, einen Weg, dessen Ziel nicht die Rückkehr sein soll. „Das Revival der jiddischen Sprache und Musik schafft Projektionsflächen für einen neuen jüdischen Radikalismus, der die Dominanz des Staates Israel und des Hebräischen in der jüdischen Kultur umgeht. Wir inszenieren jiddische Kultur als eine immer noch lebendige Alternative zu jeder Form von verstaatlichter Kultur.“
Selbstverständlich ist also dieser partikular geprägte Impetus von weitaus allgemeinerer Bedeutung. Es legt sich denn einmal mehr unter die dunklen Noten einer Veröffentlichung des Constellation-Labels der Abgesang auf eine im freundlichen Kapitalismus delirierende Generation. Artwork und Lyrics spiegeln den Dissens mit den schönen neuen und den alten selbstgerechten Welten, deren beklemmende Konklusionen sich auf ernüchternde Weise immer wieder ähnlich lesen lassen. Der Krieg sind wir. Der Tod sind wir. Der Teufel, auch der sind wir. Bittere Melancholie, reißende Verzweiflung, reflektiert in einer Atmosphäre, die so alt klingt, dass ihre Leibhaftigkeit beinahe eine fatalistische Ahnung von einer Kontinuität und Unabänderlichkeit des Leids heraufbeschwört, und der dennoch der Gestus ihres Vortrags entgegensteht. Die Behauptung, nicht Teil eines Revivals zu sein, nicht Teil einer amorphen, gesichtslosen und in den wechselhaften Stimmungen der Umwelt unausweichlich form- und denunzierbaren Masse, formulieren Black Ox Orkestar von der einzig individuellen, der einzig glaubwürdigen Warte – der unbequemen Position zwischen allen Stühlen.
Nimrod
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