Sonnenuntergangsseufzer Syd Matters

Franzosen neigen zu der Unart anzunehmen, dass alle Welt sie verstehen können muss. Ein postkoloniales Dilemma, also irgendwie Ausgeburt eines Minderwertigkeitskomplexes, der aus dem Bewusstsein herzurühren scheint, dass Frankreich schon mal größer war. Und dies eben nicht nur flächenmäßig. Nun aber wird Frankreich immer enger, voller – eng wie ein Boot. Man wählt Front und versteift sich auf Quoten, die das Eindringen des Fremden limitieren sollen. Ein putzig-trotziger Anachronismus, der auch diesseits des Rheins momentan so emsig diskutiert wird, dass Ihnen an dieser Stelle eine ausführliche Stellungnahme erspart bleiben soll. Aber ein kleiner Einschweif musste einfach her, um zum eigentlichen Thema zu kommen: Syd Matters, 23jähriger Songwriter aus Paris. Sein sensationelles Langspiel-Debüt „A Whisper and a Sigh“ versteift sich nicht nur im Albumtitel auf das Englische. In seinem Heimatland wird er entgegen aller vermeintlichen Protektionismushysterie dennoch als einer der heißesten Newcomer gehandelt.
 

von Nimrod 
„A Whisper and a Sigh“ scheint den jungen Songwriter Syd Matters zunächst unmissverständlich in ein internationales Geflecht zu stellen, eine weltweite Traditionale, meinetwegen, die die Visionen von Neil Young und dem bekanntlich viel zu früh verschiedenen Nick Drake mit eigenen Impressionen austupft. Melancholie wiegt schwer auf seinen Songs. Dennoch lässt der Künstler einen Silberstreif stets glimmen, schmückt die brütend heranschwebende Nacht mit surrealen Bildern, die ihn selbst wie ein sicherndes Tau vor dem Totalabsturz in endlos tiefe Depression bewahren. Der gierige Abgrund Elegie starrt aus der nötigen Distanz, ist weit genug, um ihn zu einem nicht wirklich gefährlichen Spektakel zu stilisieren; ein Spektakel, das zwar im ganzen Körper gespürt werden, aber den Geist nicht übermannen kann. So wirkt ein weitreichender Appeal. Und wahrhaftig: spätestens seit Syd Matters im Frühjahr 2003 mit seiner Debüt-CD – der Mini „Shiver in Winter, Fever in June“ herausgekommen ist, stellt sich Frankreich für den jungen Künstler durchaus ein wenig auf den Kopf. Er wird auf die heißesten Indie-Touren gebucht – u.a. mit Hot Hot Heat und Yeah Yeah Yeahs – und vielerorts als einer der wichtigsten Newcomer des Jahres bejubelt. Er ist ein neuer Liebling. Im Land des gepflegten Selbstbewusstseins. Denn immerhin schwebt durch den atmosphärisch auf seine Songstrukturen gepinselten Sound auch etwas von der Aura einer Band, auf die viele Franzosen ganz besonders stolz sind, weil sie zum international respektierten Synonym für unkonventionelle und gleichsam doch interkulturell vereinnahmende Popentwürfe aus Frankreich geworden ist: natürlich kämen da gleich mehrere Kandidaten in den Sinn, meine Rede hier jedoch ist von Air. Insbesondere die leichte, um nicht zu sagen luftige Atmo, die um die Klassiker des „Moon Safari“-Albums schwebte – sprich: „All I Need“ und „Sexy Boy“ – verhing ihr Sonnenuntergangs-Pathos mit einem traumhaften Schleier, und genau das scheint der glückliche Umstand, der nun ebenso Syd Matters Songs in der Produktion widerfahren ist. „A Whisper and a Sigh“ ist Pop für die einsamen Schlafzimmer – eine Assoziation, zu der nicht zuletzt Songtitel wie „Morpheus“, „Tired Young Man“ oder „Love & Sleep“ verleiten. Kein verlauteter Albdruck jedoch, der die Desolation noch unerträglicher werden lässt, sondern wie eben auch „Moon Safari“ eine unwiderstehliche Einladung, auf einem Traummoment zu einer neuen Vision zu spazieren.
„A Whisper and a Sigh“ ist in Deutschland über V2 Records erschienen 

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