Erlöser auf Probe für die Sache - Stephen Chows KUNG FU HUSTLE

In dunklen Zeiten ohne Hoffnung …
Hongkongs Filmindustrie steckt in der Krise. Nichts neues, schon klar. Same Shit Different Year. Langsam wird es aussichtslos. Keine neuen Superstars. Keine Ideen. Kein Plan, was dem Konkurrenzdruck aus Korea entgegengesetzt werden soll. Auch das Fernsehen, letzter Playground für die von den Leinwänden geboxten Lokalgrößen, setzt längst koreanische Soaps auf die besten Programmplätze. Das Publikum scheint dankbar, muss es so doch nicht mit ansehen, wie schlimm alles geworden ist. Doch die Abwärtspirale dreht sich weiter.

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kunf fu hustle.jpgLang etablierte DVD-Läden verschwinden. Andere bauen ihr Sortiment auf VCDs zurück. Dass dieses längst überholte Format immer noch so attraktiv ist, funktioniert einzig über den Preis. Der liegt zwischen der Hälfte und zwei Dritteln der Kosten für eine Neuveröffentlichung auf DVD. Es wird auf jeden Cent geschaut. Denn immer teurer wird Hongkong. Die Real Estate Preise erklimmen völlig bekloppte Dimensionen. Blasen nennt man das. Von einem Boom, durch tagtäglich massenhaft in die Sonderverwaltungs-Zone strömenden Festlandschinesen, bekommt die Filmindustrie wenig zu spüren. Für den Preis eines Kinotickets wirft man those Mainlanders daheim 10 raubkopierte DVDs nach. Wen wundert’s, dass sich da Kino selbst mit heftigen ästhetischen, rechtlichen und moralischen Appellen einfach nicht schön rechnen lassen kann. Kurz, längst buddelt man im Schlamm der Talsohle.

Perfektes Timing für einen Erlöser. Einen Messias. The One. Dieser eine welche ist nun auf keinen Fall Jet Li. Um Gottes Willen, es sind auch nicht die Twins und mit Bestimmtheit können wir den drolligen Chief Executive Donald Tsang abhaken. Selbstverständlich empfiehlt es sich auch skeptisch zu bleiben, wenn sich Stephen Chow mit „Kung Fu Hustle“ so nachdrücklich selbst zum Auserkorenen empfiehlt. Bisher durfte man diesem Kerl ja absolut nicht ernst nehmen.

… wird einem Tunichtgut der blockierte Qi-Fluss freigesetzt …
Stephen Chow ist Sing, ein ganz und gar nicht sympathischer Loser. Mit dreisten Gaunereien hält er sich über Wasser, beklaut hübsche blinde Mädchen und tritt armen Kindern den Fußball platt: „No more Soccer!“ Mit einem superfetten Kumpel haust er auf einer Verkehrsinsel, inmitten der belebtesten Straße einer Metropole des kolonialen China. Von dort macht er Ausflüge in die Elendsviertel und erpresst Geld von denen, die so beschissen dran sind, dass sie nicht einmal das allgegenwärtige Organisierte Verbrechen interessieren. Sing, dessen dreiste Nummer in einem dieser Ghettos – der Pigsty Alley! – nicht zieht, gelingt es rachesinnend aber, den Bewohnern die berüchtigte Axt-Gang an den Hals zu hetzen. Dass mit dieser Bande nicht zu Spaßen ist, machte bereits der Prolog mehr als deutlich. Der widmete sich hübsch drastisch dem Zerhacken eines aufgeblasenen nordchinesischen Gangsters (widerlich genial: der Mainland-Regisseur Feng Xiaogang). Auch dessen Geliebte wurde hinterrücks mit Schrot durchsiebt. Anschließend dann, immer noch im Prolog, legte die Gang zu gegengeschnittenen, sehr gorigen Polizeifotografien ihrer Opfer mit einer ins Debile übersteigerten Coolness den Lord of the Axe-Dance aufs Parkett. Sie sind die Chefs. Bisher. Dummerweise haben in dem heruntergekommenen Viertel auch einige mit allen Wassern gewaschene Kung Fu Meister Unterschlupf gefunden. Als es für eine Mutter mit plärrendem Kleinkind inmitten einer Benzinpfütze ausgesprochen brenzlig wird, entledigen sie sich ihrer falsch bescheidenen Identitäten und zerlegen die Bande nach Strich und Faden. Vize-Boss Lam Suet steckt mit gebrochenem Rücken und Erbrochenem auf dem Latz in einer Tonne … Natürlich kann die Axt-Gang das nicht auf sich sitzen lassen. Sing muss als Wiedergutmachung für die Bande das hochgradig wahnsinnige Beast, den mächtigsten aller Kungfu-Kämpfer aus seiner Irrenanstalt befreien.

Immer wieder wird Sing aus der vermeintlichen Rolle des Protagonisten durch die wahren Kung-Fu Meister in den Hintergrund der Geschichte gedrängt, bis ihm nach einer entscheidenden Sinneswandlung das Beast die Visage zu Brei haut – alle Umschreibungen zu diesem Film bitte wortwörtlich nehmen – dabei jedoch vor allem den magischen Qi-Fluss, ergo die alles durchströmende Lebensenergie, freisetzt, die in dem Auserwählten ganz besonders fließt und bisher nur blockiert war. Aus den blutigen Bandagen steigt umspielt von sublimem Glanz, ganz neu, der wahre Stephen Chow … wie der Phönix aus der Asche, wie Jesus aus der Höhle, wie Neo, wie Bruce Lee, Bruce Leung und der vormals so volltrottelige Cop in „Arahan“. All diese Ikonen schluckend glaubt sich Stephen Chow bestens positioniert, den internationalen Erfolg seines schon bombigen Comebacks „Shaolin Soccer“ nur mehr Steigbügel zu benutzen, um nach den Sternen zu treten.

… und er etabliert eine gutgehende Lollipop-Franchise.
Die finalen Wochen des letzten Jahres. Längst schon hat Hongkongs Filmindustrie die zurückliegenden zwölft Monate als einen weiteren relevanzreduzierenden Schritt in Richtung Totaldesaster verbucht. Nur unwesentlich würde der just gestartete „Kung Fu Hustle“ die eklatante Tendenz korrigieren können, glaubte man, doch dann entwickelte sich dieser neue Film des Komödianten Stephen Chow zu einer echten, augenwischenden Sensation. Binnen weniger Wochen katapultierte sich „Kung Fu Hustle“ nicht lediglich auf den Rang des meistgesehensten Films des Jahres – was für eine herausragende Leistung hätte dies auch gewesen sein sollen? – sondern schnell war es klar: „Kung Fu Hustle“ ist der erfolgreichste Film in der Geschichte Hongkonger Lichtspielsäle. So muss man den Erfolg benennen, so muss man den Superlativ relativieren, denn „Kung Fu Hustle“ ist trotz seiner Parade zügellosen kantonesischen Humors und zweifellos über das Hongkong Kino profilierter Martial Arts natürlich kein wirklich genuiner Hongkong-Film. Die vielen Millionen, die die transnationalen Columbia Pictures so augenscheinlich in das Werk investiert haben, eine internationale Vermarktbarkeit prädestinierend, die Produktion durch die Beijing Filmstudios und nicht zuletzt der gesamtchinesische Cast, machen „Kung Fu Hustle“ ein paar Nummern zu groß, um ihn ungeniert als eine Renovation des Hongkong-Kinos feiern zu können.

Sei dies wie es wolle. Hinter dem gegenwärtig auch längst nach Deutschland geschwappten Hype – man beschaue nur mal die astronomischen Preise, die das limitierte Collectors Gift Box Set bei ebay erzielt – steht ein wahrhaftig absolut begeisternder, an erheblichen Schauwerten und skrupellosen, aus genuinen Moleitau-Untiefen exhumierten Humorattacken ganz gewaltig auffahrender Geniestreich Ja, gewaltig. Treffender kann man „Kung Fu Hustle“ wohl nicht attribuieren. Effekte, die die hemmungslos persiflierten „Matrix“-Sequels noch kläglicher aussehen lassen, perfektes, von Yuen Woo Ping hart und bodenlos, aber immer mit einem Augenzwinkern choreographiertes Wire-Fu, und die Kamera von Poon Hang Sang, der selbstverständliche die wunderbare Essenz der fotografierten Bilder in keiner Szene entgeht. Man muss “Kung Fu Hustle“ natürlich für das nehmen, was er ist – eine via vorhersehbare Level dramaturgisierte, nicht nur wegen der kreuz und quer gestreuten Referenzen betont chaotische Martial Arts Komödie. Und dennoch hat der Film durchaus ein ausgezeichnetes Potenzial auf ein eigenes Kapitel in der Filmgeschichte: als erster, konsequenter Live Action Cartoon. So hemmungslos und handlungsfüllend wird das Ensemble in einem stellenweise außerordentlich brutalen Pinball Dream durch die auseinanderfliegenden Kulissen geschrotet. It’s only entertaiment, but a helluva lot of it.

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