Barocke Gefühle

Zum Valentinstag werden Chinas Leinwände von einer ungesehenen Welle hausgemachten Liebeskitsches überrollt - die Filme WEST LAKE MOMENT von Yim Ho und A TIME TO LOVE von Huo Jianqi sind nur der Schaum auf der imposant hochgeschaukelten Krone dieser Tränenbrecher.

 

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China wandelt sich. Auf den Kommunismus folgt der Barock. Die kulturelle, ästhetische und emotionale Leere, die auch nach weit mehr als zwanzig Jahren Reform und sozialistisch apostrophierter Marktwirtschaft noch nicht völlig ausgeheilt ist, wird nun immer emsiger zuziseliert. Das Selbstbild des neuen China – es ist häufig bis zur Hässlichkeit überladen. Aufwendig, verschnörkelt und übertrieben, so dass man geblendet, nicht nach den vielen, vielen Schludereien und Mängeln in den Details suchen mag. Pompöse Fassaden hat das neue China. Ungeniert drängt der aus gigantischen Kronenleuchtern blitzende Reichtum die eigenen Schatten hinter die Kulissen zurück. Noch funktioniert die Charade. Aber bekanntlich hält nichts sehr lange, was China gegenwärtig produziert. Nichts hat wirklich Wert. Dies ist ein Trend, der in der Architektur der Metropolen nur allzu augenscheinlich ist. Aber auch auf das Filmschaffen hat dieser barocke Zeitgeist einen alles andere als unerheblichen Einfluss. Es ist das Pathos, die Kulisse und das wogende Meer der Statisten eines unerträglichen Machwerks wie „Hero“, es ist aber auch die Romantik, die anlässlich das Valentinstages in einer beispiellosen Welle die Leinwände Chinas in den kitschigsten Nuancen widerscheinen ließ.
 
Mit dem Valentinstag hat die Industrie eine zu lange versagte Stelle im Herzen der Chinesen getroffen. Heftige Werbekampagnen und gigantische Plakate schaffen eine Atmosphäre, in der es unverfänglicher ist, für diesen einen Tag wenigstens, sich zu seinen Gefühlen, seiner Liebe und romantischen Neigungen öffentlich zu bekennen – in einem Rahmen, wohlgemerkt, der durch die Werbung aufgezogen worden ist – Schokoladen, riesige Blumenbouquets, Schmuck … Kitsch in barocker Dimension. Die Frage – Was haben Sie ihrer Liebsten zum Valentinstage geschenkt? – ist so beklemmend allgegenwärtig und mit so einer Vehemenz vorgebracht, beinahe so wie ehedem eine Inquisition der Textsicherheit in den gesammelten Bauernweißheiten Mao Zedongs. Es ist nicht verwunderlich, dass auch das Kino diesem neuen und heftigen Bedürfnis der publiken Gefühlsduselei entgegenkommt. Nachdem sich im letzten Jahr zum Valentinstag die überdreht fantastische Romanze „Baober in Love“ zu einem echten Publikumshit entwickelt hatte, wurde nicht nur das Traumpaar Zhou Xun und Chen Kun für ein weiteres Liebesdrama gecastet. Der Erfolg führte in diesem Jahr zu einer ganz absonderlichen Konkurrenz romantikdurchtränkter Rührdramen auf den Leinwänden des Festlandes. Darunter – neben dem mit den „Baober“-Stars in den Hauptrollen von Yim Ho inszenierten „West Lake Moment“ –  „Lover’s Knot“ und „The Beauty Remains“ (eine Koproduktion zwischen China und den USA, ebenfalls mit der vielbeschäftigten Zhou Xun). Auch Xu Jingleis Stefan Zweig Adaption „Letter from an Unknown Woman“ kann man noch zu dieser Welle zählen und ganz bestimmt „A Time to Love“ von  Huo Jianqi, der sogar in seinem chinesischen Titel – Qingren Jie – mit einer Homophonie auf den Tag der Liebenden anspielt.
 
 
Die Gasse der Liebenden
 
Huo Jianqi, dem für sein Debüt „Nuan“ bereits die Ehre des großen Preis des 16. Tokioter Filmfestivals zu Teil wurde, balanciert mit „A Time To Love“ dezente Aufwartung an die Vergangenheitsbewältigung der sogenannten Narbenliteratur mit just einer weiteren Dramaturgisierung des klassischen Romeo und Julia Themas aus. Die junge Liebe seiner Protagonisten – erfolgsgarantierend verkörpert durch die populären Vicky Zhao und Lu Yi – gerät an dem tiefen und unergründlichen Hass der Eltern an ein schier unüberwindliches Hindernis. Der Weg zu einer Lösung des Konflikts ist durch das verbissene Schweigen der Familien verbaut. Hinter den Behauptungen der verwitweten und krankhaft verbitterten Mutter Lu Yis – der Vater seiner Freundin hätte ihren Mann verleumdet und ruiniert – scheint kein Weg zur Wahrheit zu führen. Allein kämpft sie ihren Kampf mit den Behörden um die Wiederherstellung der Familienehre. Das hat sie in den Rollstuhl und an den Rand des Wahnsinns gebracht. Ihre hasserfüllte Attitüde gegenüber der ahnungslosen Freundin ihres Sohnes ist natürlich irrational und macht ihren Charakter zu einer Hürde, die man sich aus dem Weg wünscht. Vor allem mit ihrem Hass jedoch feuert Huo Jianqi seinen dramaturgischen Konflikt. Die Schuldkomplexe in der Familie Vicky Zhaos bleiben unausgesprochen, mit störrischer Passivität verweigert sich der Vater den Fragen der Kinder, nur einmal antwortet er mit Schlägen – was freilich ausreicht um zu affirmieren, dass seine Verstrickung in den Todesfall mehr als nur ein Spuk in den Hirngespinsten von Lu Yis Mutter ist. Beide Familien verbieten den Kindern den Umgang miteinander. Über die enigmatische Vergangenheit wird die Spannung der ebenbürtigen Irrationalitäten filialer Hörigkeit und der Obsession der Liebe katalysiert. Der Klimax dieser Entwicklung folgt der physischen Vereinigung der Protagonisten in einer heimlichen Liebesnacht. Als die beiden von ihren Eltern herausgefunden werden und gar die Anklage einer Vergewaltigung vorgebracht wird, platzen die unverheilten Wunden zwischen den Eltern auf und ergießen sich geifernd zu einem Spiegel der Vergangenheit. Hiernach, so scheint es beinahe, verliert der Regisseur das ehrliche Interesse an seinen Figuren und inszeniert die fortschreitende Handlung als einen langen Epilog – wie eine Konzession an eine über ein schlussendliches Happy End erfüllte Romantik. Wahrscheinlich beinahe 10 Jahre leben die Protagonisten nach dieser Nacht ihre Leben parallel, uninteressant und ohne Kontakt, bis dass der sterbende Vater beide an sein Bett bestellt, weil er endlich die Seele reinreden will. Wie ein letztes Strohfeuer flammt der zentrale Konflikt noch einmal auf, als sich Vicky Zhao Vorwürfe macht, sie hätte die Gesundheit des Vaters mit ihrem Ungehorsam zerstört. Dann posiert das so hart geprüfte Paar in Hochzeitskleidern vor kitschiger Fototapete, zieht die Mundwinkel auf Anweisung des Fotografen aus der angewöhnten Jammerstellung und grinst ein deutliches „Cheese!“.  Liebe, das ist die frohe Botschaft, die „A Time to Love“ auf seinen verwirrenden Wegen dann schließlich doch noch zu finden sucht, Liebe ist eben ewig.
 

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