Die Hoheteacherin Peaches

“The Teaches of Peaches” waren, vorgetragen in einem unbedingt plakativem Spiel mit Sexualität, anstößig und vulgär genug, um eine Kontroverse auf die naheliegendsten, aber gleichsam irrigen und völlig belanglosen Positionen einzufahren. Dass Sex hier nur verkaufen soll, war eine Annahme, die man nach einem kurzen Blick auf den in knappen Pink verhüllten Arsch der Künstlerin noch gerne nachvollziehen und nachsehen mochte. Schier unglaublich jedoch, dass es selbst nach den irritierenden Performances dieser Peaches sowohl auf der Bühne als auch in ihren Videos noch Kritiker gab, die auf dieser Position beharrten, und zänkisch dafür argumentierten, die Künstlerin auf ihr eigenes, erschreckend beschränktes Rollenbild zu reduzieren. Wahrscheinlich war das nur einfacher, einfacher als einzusehen, dass Haare nicht nur Peaches Scham bedecken. Immerhin, muss man zugestehen, ließ nicht zuletzt diese hirnrissige Kontroverse bei Kitty-Yo die Verkaufszahlen durch die Decke gehen.
 

von Nimrod
 
 
Die kleine, sehnige Frau in der engen, kurzen und so eher unvorteilhaft sitzenden Bühnenwäsche, wirkte – wie sie mit dem Hals ihrer Bierflasche über die Saiten ihrer (vom Clubbesitzer geborgten) Flying V ritt – mindestens genau so echt wie inszeniert. Eine Ambivalenz, die natürlich eine neue Kontroverse aufwarf, zu der sich jedoch schnell wenigstens ein gemeinsamer Nenner fand: Respekt für diese Künstlerin, die sich so ganz allein vor die Meute stellte, und tat, was sie meinte tun zu müssen. Ihre augenscheinliche und bereits freiwillig dargebrachte (Beinahe-)Entblößtheit reflektierte wie ein Schild, und machte es unmöglich, sie ohne Gesichtsverlust zu attackieren. Und nur dieses Image, so muss Peaches damals geglaubt haben, machte sie der Situation überlegen, nicht nur während an ihrer Bühne Erwartungen zerschellten, böse düpiert oder grandios übertroffen, sondern auch backstage, wo sie sich stur weigerte, aus ihrer Rolle zu schlüpfen und auch darauf beharrte, ihren zivilen Namen für sich zu behalten. Nicht wesentlich, begannen viele Gäste damals zu verstehen, denn mehr noch als eine reale Person, steckt hinter Peaches ein ehrliches Anliegen.
 
Als Merrill Nisker von Toronto nach Berlin verzog, gab ihr die Fremde die Möglichkeit, sich zeitweilig völlig neu zu erfinden. In ihrer Stadt kannten sie bereits zu viele Leute als eine Sängerin und Songwriterin, die sich und ihrem Publikum die eigene Fragilität in leisen Songs eingestand. In ihrer neuen Wahlheimat, von ihrer Geschichte unbelastet, entwarf sie Peaches, eine Persona, mit einem ganz außerordentlichen selbst- und körperbewussten Ego. Einem stolzen Ego, das wenig Angriffsfläche bot, auf die Brüche, die sie bereits in Songs wie „Fuck the Pain Away“ (von ihrem Kitty-Yo Debüt, 2001) dem Image einschrieb. Aber selbstverständlich hatte das Selbstbewusstsein Narben, und auf diese salbte Peaches ihre nun so dezidierte Ignoranz manngemachter, ästhetischer Konventionen, dass sich viele nicht anders zu halfen wussten, als die Künstlerin auf den oberflächlichen Gestus der Provokation zu beschränken. Die Punkrock-Tradition, die ihr schnell nachgesagt wurde, bot die Sicherheit, zu einem nihilistischen Abgesang zu erklären, was doch tatsächlich eine Neuorientierung, ein Bewusstsein für den eigenen Körper und das ungeniert individuelle Ausleben von Sexualität jenseits glanzlackierter Normalität befördern konnte.
 
Glücklicherweise nahm Viva 2, damals, mit „Lovertits“ und „Set it off“ sukzessive zwei ihrer Videos auf Rotation, die in ihrer hemmungslos sprießenden Haarigkeit, der Mission ein weicheres Bett über die splittrigen Holzwege von Präjudiz und Angst und Doofheit legten. Endlich kam an, was vor allem die Nisker seit ihren ersten Shows als Peaches teachte: Selbstrespekt.

Dieser Text ist Teil des Kitty Yo Labelspecials in PNG 64. Letzte Exemplare mit der exklusiven CD sollten noch im PNG Store erhältlich sein.

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