Die Schatten des Wunderlandes Li Yang

Li Yang

Ein Gespräch mit dem Regisseur Li Yang über sein preisgekröntes Debüt „Blinder Schacht“ und dessen nicht nur angenehme Konsequenzen

 

 

Mit seinem Spielfilmdebüt „Blinder Schacht“ (Mang Jing) penetrierte Regisseur Li Yang tief in die Schatten, die Glanz und Glitzer der fotogenen Boomstädte im Osten des Landes werfen. Hier ist kein Platz für die Euphemismen, mit denen die Titelgeschichten der großen Magazine den Trend füttern. Aber immerhin die Berlinale Jury zeigte sich so beeindruckt, dass sie die Arbeit des Chinesen anlässlich des Festivals 2003 mit dem Silbernen Bären würdigte. „Blinder Schacht“ hat diese Ehrung zweifellos verdient.

So einen Film - so ehrlich, so beklemmend, so bitter ironisch, so knallhart an den erschütternden Tatsachen und gleichsam fesselnd und unterhaltend - wie dieses Meisterwerk hat es aus China noch nicht gegeben. Der Regisseur erzählt in diesem Debüt, für das er fast ausschließlich auf Laiendarsteller zurückgriff, die Geschichte eines gerissenen Verbrecherduos, das die katastrophalen Zustände in den Kohlenminen Nordchinas dazu ausnutzt, ihre eigenen Leichen zu verschütten. Von den korrupten Betreibern erpressen sie erkleckliche Schmerzens- und Schweigegelder für die “verunglückten” Verwandten. Die Masche funktioniert schon lange. Einen nicht unwesentlichen Teil des Geldes bringen sie in den abgefuckten Bordellen durch, die man hinter der Fassaden von Friseurläden an jeder Straßenecke der Region findet. Der Rest, geht an die zurückgebelieben Familien daheim, so dass die horrenden Schulgelder für die Gören bezahlt werden können.
“Blinder Schacht” zeichnet die Realität in den desolaten Städten des zentralen Nordens (Shanxi, Henan, Hebei) mit all ihren tiefen Schatten schonungslos, so wie es dort wirklich ist, und nie wirkt sein Sarkasmus deplaziert. Sein Humor ist schwarz wie der allgegenwärtige Kohlenstaub, der hier über allem liegt und in jede Nische dringt. Ein Film, wie ihn die Offiziellen in China ganz und gar nicht gerne sehen. Selbstverständlich ist “Blinder Schacht” auf dem Festland verboten, und Li Yang darf dort nicht mehr drehen.

Auf dem Internationalen Filmmarkt, der in diesem Jahr erstmals zeitgleich mit dem Internationalen Hongkonger Filmfestival abgehalten wurde (und sich auch als die interessantere Veranstaltung entpuppte), trafen wir Li Yang, dessen ausgezeichnetes Deutsch das Interview noch erheblich leichter machte.
 

Warum hab ich in Deutschland Film studiert? Da brauch ich gar nicht lange überlegen: Ich hatte damals eine Freundin in Deutschland. Darüber hinaus war meine Sichtweise auf Film auch damals schon sehr europäisch. Das italienische Kino, das französische Kino und natürlich auch das deutsche Kino, unter anderen ein Regisseur wie Volker Schlöndorff, hatten einen Einfluss auf mich, lange bevor ich begann zu studieren oder selbst Film zu machen. Aber nicht nur Film, auch die Kultur in Deutschland, ja selbst die Architektur, haben eine Einfluss auf mich und meine Arbeit gehabt. Vielleicht geht das auch in die Richtung einer Antwort auf Ihre Anmerkung, dass „Blinder Schacht“ so ein trockener und bitterer Film ist. (Grinst!). So bin ich.

Die internationalen Verkäufe von „Blinder Schacht“ laufen für so einen kleinen und nicht wirklich leicht zugänglichen Film gut. Da hat die Anerkennung auf den Filmfestivals natürlich ganz entscheidend zu beigetragen. Es gibt Lizenznehmer in den USA, Japan, Hong Kong und Taiwan. Auf dem Festland sieht es natürlich anders aus: hier passt so ein Film nur wenigen ins Konzept. Das Publikum interessiert sich vor allem für seichte Unterhaltung der Genre Komödie und Romanze und die Staatsführung mag Propaganda-Epen vom Schlage eines „Hero“, und ich habe das sehr deutlich durch ihre Zensurmaßnahmen zu spüren bekommen. Ich will mir nicht anmaßen die Entwicklung eines Zhang Yimou oder eines Chen Kaige zu kritisieren und ich möchte mich auch nicht über das Publikum stellen. Ich finde es auch nicht ausgesprochen schlimm, dass es solche Filme gibt, aber wichtig ist natürlich die Vielfalt der Meinungen, der Perspektiven und auch die Vielfalt in der Kinokunst. Und das muss man auch fördern, nicht einschränken, und man kann die Entwicklung nicht nur dem Markt überlassen. Sonst ist es doch schnell langweilig.
 

China ist zur Zeit in einer Übergangszeit. Es gibt große Widersprüche zwischen Zentralregierung und den Provinzregierungen. Es werden so viele neue, oft widersprüchliche Regeln aufgestellt, dass die Konsequenz ein erhebliches Durcheinander ist. Am Ende entscheiden dann Willkür und Dreistigkeit. Es ist mir bekannt, dass „Blinder Schacht“ – mehrmals sogar – auf einem Provinzkanal ausgestrahlt wurde, es gibt sogar eine „offiziell genehmigte“ DVD eines Anbieters in den großen Medien-Handelsketten „Xin Hua“ und „Wen Hua“. Von der unüberschaubaren Anzahl Raubkopien abgesehen, ist der Film also auch in behördlich genehmigungspflichtigen Kontexten zugänglich gemacht worden. Und das, obwohl er von staatlicher Seite verboten ist. Selbstredend bin ich nie gefragt worden und ich habe auch nie Geld, für keine dieser Veröffentlichungen, bekommen.
 

Natürlich hat man keine Möglichkeiten, als Filmemacher gegen diese Praktiken vorzugehen. Film und Fernsehen sind nach offizieller Lesart nicht Kunst, sondern eine Propagandamaschine. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Schlüsselpositionen sind mit Parteikadern besetzt und selbst unter dem Eindruck, dass unter deren mangelnder Aufsicht ein verbotener Film ausgestrahlt wurde, hätte man keine Möglichkeit, ein Verfahren wegen Urheberechtsverletzung anzustreben. Am Ende muss man, da haben Sie nicht Unrecht, sogar noch irgendwie froh sein, dass der Film auf diese Art und Weise wenigstens zu einem Publikum kommt.
 
Ich treffe mich hier mit Vertretern des British Film Council, um ein gemeinsames Projekt zu besprechen und mit einem Produzenten, mit dem es um das übernächste Projekt gehen wird. Es ist aber im Augenblick noch zu früh darüber zu sprechen.
Nimrod
 

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