Offene Fenster Lou Barlow
Die Nacht ist ein angenehmer Ort. Heimeliges Licht wirft ihrer dunklen Kälte einen wärmenden Mantel über. Keine Gardinen verklären seine klärende, seelenöffnende Kraft, als es fächert, aus den großen, glasigen Augen von „Emoh“. So unverhüllt offenbaren sich im Herzen des Scheins Geschichten, die mehr als nur ihre Schatten sind; bis ins Detail ausgeschmückt und dadurch mitnichten zu staksig, zu artifiziell und zu fragil, sondern in dramatischer Bewegung, hin zu ihren Pointen. „Emoh“ ist eine dezidiert eigenwillige und gleichsam wunderbare Vorstellung von Heimat. Es ist mehr als nur ein Anagram. Behutsam öffnet Lou Barlow die Türen zu seiner ganz privaten Welt. Viel mehr noch gibt es zu besehen, als das wärmende Licht bereits versprach. Und nicht zuletzt ist das geräumige Heim mit Geschichte voll bis unter die Decke.
von Nimrod
Mehr als eine Dekade nachdem Barlow mit der Compilation “Winning Loser” (Untertitel: A Collection of Home Recordings) sich zum ersten mal Soloaufnahmen vor die Haustür stellte, präsentiert er mit „Emoh“ nun sein erstes als solches konzipiertes und – es ist nicht zu aufdringlich, das zu behaupten – gereiftes Solo-Album. Es sind Geschichten aus der Zurückgezogenheit, gezeichnet von Erfahrung. Die Welt zwischen den eigenen vier Wänden ist ein wunderbares, faszinierendes, seine Kodes täglich variierendes Enigma. Die ungestüme Passion, mit der die Jugend unter seinen Fenstern die eigene Logik einer unfassbaren Welt überstülpen möchte, investiert Barlow nun in eine bluesige Selbstsuche im Detail. Es ist ein veränderter Focus. Leidenschaft ist noch immer das Moment seiner Songs. Und genau so liest sich denn auch zuvorderst seine Individualisierung des schlichten Titels: „Emoh“ – sein Synonym für einen Platz, an dem die Gefühle am unmittelbarsten, am ungekünsteltsten sind.
Lou Barlow gewährt intime Einsichten in eine Sphäre, die der Privatmensch in der Regel als sein Sanctum Sanctorum verriegelt – eine Sphäre von Heim also, die noch viel wesentlicher durch Zeit als durch den Ort bestimmt ist. Der Exhibitionismus, den sich viele gute Songwriter anhören lassen – nicht zuletzt ist das wohl die Essenz des Genres – wird bei Barlow zu einer Einladung auf ein Glas Wein am wohlig wärmenden Kamin. Und auch wenn die eigentliche Geschichte zu Ende ist, bitte er seine Gäste nicht zu gehen. Dann verwandelt sich der Erzähler Barlow in den stinknormalen Lou, mit all seinen ganz gewöhnlichen Problemen aus Liebe und Leben, seinem Katzen-Faible – und dennoch verliert er in diesen Momenten, an dem ihm seine Gäste nur mehr Fliege an der Wand sind, niemals die Eleganz, niemals die rare Aura der Indie-Ikone, die ihm in den zurückliegenden Jahrzehnten auf das Haupt gesetzt wurde. Er hat sie zweifellos, die distinguierende Erhabenheit des „elder-statesman“ des Indie-Rock, die uns die Plattenfirma so ungeniert und doch so treffend vordichtet.
Seine Band Sebadoh war eines der Essentials, das uns verhärmte, jedoch bierbäuchige und auf Lebenszeit pubertätspicklige Plattenladenbesitzer – unglaublich nerdige Menschen, denen wir dennoch, aufgrund ihres enzyklopädischen Bescheidwissens über die schönste Nebensache der Welt, abgöttische Bewunderung zollten – in unsere Einkaufsbeutel schoben. Einkaufsbeutel, die wir gerade schon mit Nirvana, Sonic Youth, Pavement und Mudhoney (oder für was auch immer unser Zeitungsjungen-Geld gerade draufging) ordentlich prallgefüllt hatten. Und von 1987, von diesen legendären Sebadoh angefangen, war es nicht allzu schwer, den Weg des Lou Barlow weiter zu verfolgen, denn Bands wie Sentridoh, The Folk Implosion und Dinosaur Jr. standen bis lange nach dem Release ihrer aktuellen Alben stets ganz vorne in den gut sortierten Regalen der gut sortierten Geschäfte, damals in der Goldenen Zeit lange vor Saturn und Media Markt.
Es ist also gar nicht verwunderlich, woher das gesetzte Selbstbewusstsein rührt, die Abgeklärtheit, die noch bedeutsamer ist, ein so intimes Album wie „Emoh“ zu veröffentlichen, so viel bedeutsamer als … Mut. Nichts hört man hier von der Verzweiflung jüngerer Barden, aus der heraus sie nach Anteilnahme heischend die Halbwahrheiten, ihre betont subjektive Sicht auf ihr psychisches Desaster, sich immer wieder selbst vergewissernd, in Songs durchleben. Lou Barlow legt sich auffällig uneigennützig dar. Er ist kein Lehrer, auch wenn dies ihm zustehen würde. Er macht Emotionen fühlbar, die viele seiner Zuhörer noch nicht in ihrer Konsequenz erfahren haben, ohne sich selbst zu einem Beispiel zu ereifern, an dem man voreilige Schlüsse für den eigenen Weg ableiten könnte. Jeder setzt sich seine eigenen vier Wände in die Welt, könnte man sich anmaßen, die Essenz dieses wunderbaren Albums zu deuten. Barlow wird das nicht abnicken, weil Barlow es nicht nötig hat, verstanden zu werden. In einem individuellen und immens dimensionierten Kosmos, genießt er bereits die relative, ihn niemals beklemmende Sicherheit. Er ist dort, wo er die Unterschiede zwischen dem Alltäglichen und dem Außergewöhnlichen langsam zu durchschauen beginnt. Daheim.
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