Shiny Shaggin’ People Andrew Blake, Michael Ninn, Philip Mond und der sogenannte Hochglanz-Porn

Einleitung – Der verschwiegene Mainstream der Pornografie

Auf Ewig beschämt folgt der verschwiegene Mainstream der Pornografie seinem steten Rhythmus, still aber unaufhaltsam, kreuz und quer durch das Menschengedenken, von hier bis dort. Immer frisst sein Fluss an den Rändern unserer Wahrnehmung, verschiebt die Ufer mit der Zeit, beugt sich mitunter gar aus der eigenen Definition, schafft es jedoch nie ganz in das Bewusstsein eines öffentlichen Diskurses vorzudringen. Nur retrospektiv wird es Kunst, manchmal, zum Teil einer Kultur.
Dieser verschwiegene Mainstream nährt einen gigantischen Zweig der Kulturindustrie, der in seinem schattigen Imperium nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins „60 Minutes“ allein in den USA pro Jahr 10 Milliarden US-Dollar umsetzt (und damit in etwa genau so viel wie die Musikindustrie). Pornografie, Hardcore-Pornografie, ist eine Industrie, die vor allem seit Internet und individualisiertem internationalem Warenhandel boomt wie nie zuvor, und so kommt es – das ist der Weg, den das Geld schließlich immer geht – dass vielen Protagonisten dieser Industrie die bigotten Klemme zwischen Tabu und stiller Duldung immer unerträglicher wird, und sie dezidierter streben, hin zu größerer künstlerischer und gesellschaftlicher Anerkennung, für sich und ihr geleistetes Werk. 
Selbstverständlich haben sich, wie angedeutet, die Grenzen der öffentlichen Duldung von grafischer Sexualität in den letzten Jahrzehnten (wieder?) erheblich geöffnet und sich neuen Medien angepasst, so dass Hinz und Kunz heute zumindest oberflächlich über alternative sexuelle Passionen bis hin zu verschrobenster Kinkyness informiert sind, respektive informiert sein können. Viele Pornografen jedoch, stehen noch immer im Schatten dieser Entwicklung, die sie selbst so erheblich befördert haben (sei es, weil ihre Werke unbekannte Spielarten Sexualität in den verschwiegenen Mainstream – und gar in den öffentlichen Diskurs – transferiert haben oder weil ihre grafische Anteilnahme das Selbstbewusstsein innerhalb der dargestellten Randgruppen stärken und das Gefühl einer Gemeinschaft zu schaffen half, Gemeinschafen, die sich nachfolgend stärker extrovertierten). Pornografie ist immer noch ein kurioses, auf seltsame Weise wie unsichtbar machendes und extrem anhängliches Stigma. So sehr sich Zeitgeist, Mode und Film, auch ab Ende der Neunziger, mehr oder minder bewusst, von einem nun auffällig gewordenen Trend in der Pornografie haben beeinflussen lassen, so natürlich werden den wesentlichen Schöpfern dieser glänzend aus den heimlichen Schatten getretenen Visualität ihre Kredits verschämt verweigert.

 Text: Nimrod
Der Körper als Schrein – Andrew Blake


Als der Mode-Fotograf Paul Nevitt im Jahre 1989, gleichsam seinem Vorbild Helmut Newton und den endlos langen Beinen seiner Modells huldigend, mit dem surrealen „Night Trips“ debütierte, war dieses Werk im Hardcore noch ein ganz und gar singuläres Unterfangen, so dass man sich noch nicht anschickte, sofort einen neuen Trend oder ein eigenes Genre zu proklamieren. Der Künstlername des Regisseurs jedoch prägte sich ein, mehr noch, er etablierte sich in den folgenden Jahren, über weitere erfolgreiche, die Stilmittel des Debüts aufgreifende und verfeinernde Produktionen zu einem sicheren Trademark – man begann zu verstehen, was man von einem Andrew-Blake-Film zu erwarten hatte.
In sorgfältig ausgeleuchteten und phantasievoll arrangierten Sets, vergottet Blake seine perfekt gestylten Darstellerinnen, und macht sich hinter der Kamera zu ihrem devotesten Priester. Seine Filme sind ihr Altar. Er scheint eifersüchtig, gar von seinen Darstellerinnen besessen, denn nicht nur choreographiert, fotografiert und edited er seine Werke selbst, auch heterosexuelle Akte sind bei Blake auf keinen Fall die Regel. Nicht den Koitus, den Körper selbst inszeniert er im Zentrum dieses Schreins. Er fesselt die Blicke auf das makelloses Fleisch, zwängt sie zwischen die beeindruckende Brüste, lässt sie im langsam und hingebungsvoll gepeitschten Rhythmus über pfirsichrunde Ärsche tanzen und erlaubt ihnen die unendlichen Schenkel hinauf das Wunder der Vagina zu begehren, mit dem er viel ausgiebiger teast, als dass er die Penetration dieses Heiligtums zulässt.
Blakes Filme erleben die Oberfläche und polieren sie zu ungesehenem Glanz. Sie sehen blendend aus, das Zusammenspiel von Score (Jazz, Ambient bis hin zu Breakbeats und Clicks’n’Cuts) – der in der Regel so prominent über den Bildern liegt, dass andere Geräusche nicht zu vernehmen sind – und der Dramaturgisierung von Bild, Szenen und Sequenzen via hervorragendes Editing und visuelles Konzept, geben vielen seiner Werke die Ästhetik eines langen Videoclips, mitunter gar eine narrative Qualität, ohne das ein Wort ergänzt werden muss. Versuchungen, diese für sich wunderbaren, überaus ästhetischen Clips über ein rahmendes Handlungskorsett zu erklären, ergibt sich Blake nur sehr selten, und man findet solche konventionellen Narrationen vor allem in einer Schaffensphase von 1993 bis 1996, in der mit Avancen an eine breitere Öffentlichkeit weniger explizit agierte – und natürlich sind solche Spiel-Handlungen immer nur eine Farce.
Blakes Konzept ging auf. Die softeren Produktionen der Jahre zwischen 1993 und 1996 konnten erheblich leichter vertrieben und zugänglich gemacht werden. Sie offenbarten sein Werk (und seinen Backkatalog) einem viel größeren Publikum, ohne ihn bei seiner alten Gefolgschaft völlig zu diskreditieren. Auch diese Filme trugen zweifellos viele wesentliche Insignien seines zurückliegenden Schaffens: die Verspieltheit, der einschüchternde Ästhetizismus, die dezenten, schon immer sehr stilisierten Referenzen an den (nicht zuletzt mit diesen Werken wachsenden und öffentlicherer werdenden) Bondage- und SM-Kult, die in der edlen Fotografie beinahe religiös verklärten Fetische für Korsagen, schwarz glänzendes Latex und natürlich immer wieder diese Beine, die von den messerspitzen High Heels, von makellos pedikürten Füßen, unter dunklem Nylon bis in den unverhüllten Schritt wachsen. Mit „Unleashed“, den viele, selbst viele Kritiker, die seinen Stil als steril und saftlos schmähen, für seinen besten Film halten, wandte sich Andrew Blake wieder dem Hardcore zu, näher am Geschlecht seiner Darstellerinnen, tiefer als je zuvor.
Zwischenzeitlich aber war er längst nicht mehr der einzige Exponent des von ihm initiierten Hochglanz-Stils. Cameron Grant hatte mit seinen „Erotic Visions“ und „The Dinner Party“ für Furore gesorgt, und gleich mehrere Adult Movie Awards abgeräumt. Vor allem Michael Ninns vielfach preisgekrönter „Latex“ und dessen Nachfolger „Shock“ veränderten die Wahrnehmung von pornografischer Erwachsenenunterhaltung so nachhaltig, dass man nun nicht länger umhin zu kommen schien, ein neues Genre zu apostrophieren. Man begann vom High Gloss Porn zu sprechen, vom Arthouse Porn, vom Designer Porn, von den „shiny films“. 
 

Ficken gegen die Repression – Michael Ninn


“ … are you familiar with any works by Michael Ninn then?”

“Are you kiddin’? Getting closer to Michael Ninn was the reason I moved to L.A.”

(aus einem Gespräch des Autors mit Lydia Lunch, ca. 1999)
Der Staat, so ähnlich hat ein sehr angesehner Gelehrter im Nachkriegsdeutschland mal philosophiert, fürchtet wenig mehr als die Sexualität, die wilde Kraft des Verlangens, und deshalb versuche er, der Staat, diese ihm so ungeheure Sexualität in die Institution der Ehe zu kanalisieren. Die dunkle Utopie, mit der Michael Ninn in Meisterwerken wie „Latex“ und „Ritual“ im Jahre 1995 (resp. 1998) die Hardcore-Pornografie aus ihrer Vergangenheit fegte, scheint wie gemacht, um just diesen Gedanken trefflich zu illustrieren. So versuchen in „Latex“ die Agenten eines retro-futuristischen, sprich durch allerlei ästhetische Drittreichs-Referenzen erklärten Regimes der realitätsverändernden Kraft in den immens potenten sexuellen Phantasien des Protagonisten beizukommen, verlieren aber den Kampf gegen die eigene, unterdrückte Lust.
Ein durch sehr ähnliche Insignien charakterisiertes System ist die Kulisse für „Ritual“. Auch hier bietet der narrative Rahmen, der zwar hauchdünn und elliptisch ist, aber dennoch subversive Attitüde und Botschaft transportieren kann, häufig Anlass für heftiges Geficke, SM-Imagery und die für Ninn in dieser Schaffensphase so charakteristische Inszenierung des Spiels mit Latex (der aus flüssigem Aggregat zu einem klebrigen Spinnennetz über dem Körper der Darstellerin gerinnt, aber vor allem natürlich zweite Haut ist, die sich glänzend in die sorgfältige justierte Ausleuchtung schmiegt). „Ritual“ beginnt seinen Ritt durch mitunter außerordentlich seltsame, gar freakige Visionen in den Kerkern einer buchstäblich grauen Herrscherclique – Ninns erklärte Inspiration durch die oft unglaublich weirden Pornos von Gregory Dark (u.a. die „New Wave Hookers“ Reihe, der Ninn mit seinem eigenen, dem fünften Teil, dann später auch Tribut zollte) wird nachfolgend immer wieder offensichtlich. Hier, in diesen Verließen, erpresst ein fahler Geheimpolizist eine heruntergekommene Pornodarstellerin zu Geständnissen über ihr Gewerbe, das ihm und seinen Vorgesetzten zwar weiterhin ein verhasstes Mysterium bleibt, jedoch wird das repressive System im Verlauf der grafischen Schilderung dazu verführt, die bigotte Maske fallen zu lassen und sich selbst der Hypokrisie zu überführen.
So sehr die Arbeiten Michael Ninns unter diesen inhaltlichen Aspekten für die Hardcore-Pornografie wegweisend waren, es sind vor allem die technischen Innovationen die ihm zuerkannt werden. Die Inszenierung seiner futuresken, gar virtuellen Handlungsräume setzte neue Maßstäbe an Ausstattung und Design, Kostüme und Make-Up, vor allem aber an die Verwendung von CGI – der Computer Generated Imagery – die so exzessiv und state of the art vor „Latex“ im Porno ungesehen war, und die von Ninn selbst in den surrealen Dreamscapes der Fortsetzung „Shock“ auf ein neues, noch höheres Niveau gebracht wurde. Gerne wird ihm das Zitat nachgetragen: „I’m a priest of the digital age. I’m here to juice up your dreams“ – das, zugegeben, auch unübersehbar den Weg auf die Homepage des Regisseurs navigiert.
Der aber tatsächlich extrem öffentlichkeitsscheue Michael Ninn, dessen Name selbstverständlich ein von der skandalumwitterten, viktorianischen Erotikautorin Anais Ninn entlehntes Pseudonym ist, scheint sich seit der Gründung seiner eigenen Produktions-Firma Ninn Worx im Jahre 2002 von diesem selbstinduzierten Druck, sich immer an sich selbst zu messen oder sich messen lassen zu müssen, frei machen zu wollen. Nicht zuletzt sind dies auch ökonomische Erwartungen – mit Werken wie „Latex“ und „Shock“ ist der Mann in den Top Ten der bestverkauften Hardcore-Pornos aller Zeiten – die über einen Zwang stetig aufwendigerer Ausstattungen und Effekte zu schnell in eine künstlerische Sackgasse führen. In jüngeren Ninn Worx Produktionen wie der „Euroglam“-Serie drosselt der Regisseur das Tempo der Schnitte deutlich, verzichtet weitgehend auf Computereffekte und all zu bizarre Kostüme. Viel mehr konzentriert er sich ganz auf die hinreißend ästhetische Inszenierung seiner Darstellerinnen und Darsteller beim Durchspielen wahrscheinlich sämtlicher Lust und Verlangen suggerierender Stellungen.

Das Wiegenlied des Opium-Himmels - Philip Mond

Nicht jedes Set für “Zazel” mag wirklich so originell sein, wie es das Selbstbewusstsein suggeriert, mit dem Regisseur Philip Mond im Jahre 1997 die Produktionsmaßstäbe in der Hardcore-Pornografie erneut verschob. Nichtsdestoweniger führt Mond in zwei Stunden durch eine mindestens genauso entrückt seltsame wie geile Traumwelt, in der einfach alles möglich ist, was das Genre sehenswert macht. Mit „Zazel“ – der unter dem Titel „Der Duft der Liebe“ auch einen deutschen Verleih hat – setzte er dem Genre einen Meilenstein, den man selbst den unerbittlichen Skeptikern empfehlen möchte, die an ästhetisches Empfinden und künstlerisches Sendungsbewusstsein in der Pornografie partout nicht glauben wollen.
 

Erheblich mehr als 200.000 US-Dollar soll die Produktion von „Zazel“ gekostet haben, für einen Hardcore-Porno ein bis dato unerhörter Betrag, den man glücklicherweise jedem perfekt auf 35 Millimeter fotografierten Frame dieses unglaublich schicken Werkes ansehen kann. Wie Blake hat auch Philip Mond seine künstlerische Profession in der Modefotografie aufgenommen, wurde jedoch schon bald für „Penthouse“ entdeckt. Die Ästhetik, mit der er „Zazel“, seinen zweiten Film, durchtränkt, lässt sich aber nicht nur vage auf diese Erfahrungen zurückführen, sondern auch sehr konkret an direkten Referenzen auf Protagonisten der Hochglanz-Pornografie festmachen. So inszeniert er das als Zazel handlungsführende russische „Penthouse-Pet“ Sasha Vinni in einer Sequenz, wie sie zur Tigerin geschminkt über grünen Dschungelboden schleicht und ihre lange Zunge an dickblättrigen Gewächsen reibt – genau wie vor ihm bereits Andrew Blake für einen „Penthouse“-Clip. Und auch aus dem Finale, in dem zwei Gargoyles lebendig werden und sich von ihrem Kaminsims lösen, um sich einer einsamen Teufelin anzunehmen, die just des Kopfes (bzw. der Zunge) der von ihr enthaupteten Zazel überdrüssig geworden ist, lässt sich die Inspiration durch die ähnliche Szene in Michael Ninns „Shock“ beinahe unmöglich herausreden – wie auch immer, Philip Mond liefert diese Images noch schöner, noch stylischer. Er hat die eingeflüsterten Phantasien so perfekt durcharrangiert, dass kein Schweiß perlt, wo er nicht perlen soll und dass keine Haarsträhne in die grünen Augen fällt, von denen sich die Kamera hypnotisieren lassen will.
 

„Zazel“ ist in der Tat ein fesselnder Film, ein Sog aus Farben, Klang und den darob audiovisuell goutierbaren Aromen, die die Protagonistin auf der Suche nach dem betörendsten Parfüm durch die skurrilsten und anregendsten Traumwelten eines Opium-Himmels führen. Mal trinkt sie als blauschimmernde Mythologie aus dem rosa Kelch einer an ihrem See badenden Nixe, dann reitet sie auf den zu Dildos manipulierten Sporen an den Stiefeln ihrer Kameradinnen, schließlich fällt sie im Himmel aus der erschlaffenden Umarmung eines Engels und verliert daraufhin in einer nicht minder von Erotik dampfenden Höllenvision ihren Kopf buchstäblich und auf sehr explizite (italienische) Weise an besagte Teufelin. Nachdem sie sich von diesem Albdruck löst, wird sie feststellen, dass es ihr unmöglich ist, denen einen Duft der Liebe zu finden, weil sie keine der Impressionen missen möchte, die betörende Vielfalt, die sie während ihrer der Suche überwältigt hat.  
 
 

 

Genau genommen ist dieser Überblick eigentlich eine Retrospektive. Philip Mond hat nach „Zazel“ lediglich ein paar Clips für „Penthouse“ gedreht, die hübsch und glänzend, aber nicht viel mehr sind. Blake reproduziert sich selbst, so wie er es im Grunde schon seine ganze Karriere lang macht, aber immer bleibt er ansehnlich und über Ninn könnte man sich eventuell einreden, dass er sich neu zu entdecken versucht. Eigentlich weiss man es besser. Die bis heute wichtigsten Exponenten des sogenannten Hochglanz-Genres haben ihre Zeichen gesetzt. Sie haben nicht nur das Selbstverständnis im Pornofilm verändert, sie haben auch seine Perzeption als Filmkunst ein Stück weit aufgebrochen und darüber hinaus auch nachhaltig auf das Mainstream-Kino eingewirkt. Ich möchte behaupten, „The Matrix“ und „Underworld“ (ganz zu schweigen von den ganzen Epigonen) hätten nicht so ausgesehen, wie sie aussehen, ohne Michael Ninn, ohne Andrew Blake. Aus der eigenen, innovativen Nische, die sie sich mit ihren Klassikern geschaffen haben, sind sie jedoch längst zum Gemeingut, zum guten Leumund des verschwiegenen Mainstream geworden. Ikonosierte Namen, immer wieder herbeizitiert von Leuten, die eventuell vorbehaltloser sehen, aber noch nicht erkennen, das auch unter der gelackten Oberfläche ein enormes Potenzial schlummert.

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