Der Weg über die Dinge Damien Jurado

Wahrscheinlich gibt es keine Saite, die Herr Jurado noch nicht angeschlagen hat. Keines seiner Alben klingt wie eines seiner Alben. Mit jedem Moment jedoch ist jedes wunderbar. Trotzdem das Genie dieses Songwriters immer wie greifbar bleibt, hat er sich nie in die Falle der Repetition begeben. Unabhängig davon wie sich die Kritik begeisterte, unberührt von denen, die ein neues seiner Werke als ihren Zutritt zu seiner Welt begriffen und nun erwarteten, der Künstler würde seinen Lebtag nichts besseres zu tun haben als ihnen just dieses Pforte aufzustemmen. “On my Way to Absence”, das aktuelle Album, klingt nun vom Gipfel seines Schaffens, den sich Jurado zeitweilig bereits mit dem Vorgänger „Where Shall You Take Me?“ erklommen hatte. In einer kontemplativen Geschlossenheit, seine Perspektive über die Erfahrungen vorgezeichnet, scheint sich der Songwriter dauerhaft auf diese melancholische Distanz zu erheben.  
 

von Nimrod 
 
Die Seele einer Geschichte ist im Atem ihres Erzählers, aber ohne die Geschichte ist dieser Atem nur feuchte Luft. Storytelling ist eine absolute Vereinigung. Eine wie magische Ganzheit erwächst aus zwei Komponenten, die ohne ihre symbiotische Beziehung gar nicht wären. Geschichten zu erzählen, ist eine zwangsläufig innige, sehr emotional geprägte Liaison.  
Der sensationelle Erfolg des Songwriters Damien Jurado, von dem man nun längst auch schon in der Alten Welt gehört hat, ließe sich durch so eine Behauptung wie mit einem roten Faden durchwirken. Immer war es diese Unmittelbarkeit, seine deutliche Ergriffenheit und seine emotionale Anteilnahme an den erzählten Geschichten, die das unbedingt berührende Moment seiner großartigen Werke ausmachte. Ein ganzes Album hat er gar veröffentlicht – ein Experiment, für das er seinen Namen herreichte – um eine Kollage vielfältiger Geschichten und Botschaften zu vermitteln, die ihm Bekannte und Unbekannte auf den Anrufbeantworter gesprochen hatten. Selbstverständlich war die Auflage dieses Werkes limitiert und der Vertrieb arg beschränkt, nichtsdestoweniger kann es exemplifizieren: Niemals blickte Jurado auf seine Geschichten. Das war unmöglich. Denn immer waren sie ein Teil von ihm. Nach dem noch poppigen Debüt „Waters Ave“ über das schon viel subjektivere „Rehearsals for Departure“ durfte dies spätestens mit dem Album „Ghost of David“ als Gewissheit gelten.
„ … pictures of graveyards and mine was underneath“
 
Ein dunkles Kleinstadt-Panorama ließ Damien Jurado auf diesem Klassiker erstehen – beklemmend und morbide – in der selbst die Blues in einer sternenlosen Nacht erloschen waren. Und dennoch, inmitten dieses so unheilvoll akzentuierten Szenarios, grub der Songwriter in Geschichten, von denen man sich sicher sein darf, dass er ihren Schmerz selbst empfunden hatte. Er grub natürlich nach den eigenen Dämonen. Eine fragil anklingende, aber dennoch kraftvolle Katharsis unter dem Albruck tosend heranrollernder Apokalypse – so verzweifelt, alles Fleisch zu opfern, in der Hoffnung die Seele zu retten.
„Tell me when tomorrow comes, I’ll be first to rise.“
 
 
So bestimmt sich der Weg Jurados auch bisher gewunden hatte, ein besonders drastischer Bruch war hiernach vorgezeichnet. Für „I Break Chairs“ fügte er sich in eine Band, um nun gemeinsam gegen die zuvor noch so heilsam empfunden Leere anzulärmen. Ein trotziges Ringen um eine Rückkehr aus der Entkörperlichung – kein Genre ist dafür wohl besser geeignet, als der heftige, hier als Instrument ergriffene Rock. Leere durch eine Betonung physischen und emotionsdurchrittenen Verfalls wie reversiert, und Damien Jurado in diesen Prozess so unmittelbar involviert wie ehedem – mit einem künstlerischen Ich, das beileibe nicht künstlich ist.
„Some say, Jeanie is my downfall. With the drugs and alcohol.”
 
Bis ins hohle Herz der Hölle und zurück, durch die Agonie des Vergänglichen. Damien Jurado ist jemand, dem man es problemlos abnehmen kann, wenn er ein lakonisches been there done that anstimmt. Besieht man diesen Songwriter und sein Werk nur in einem zeitlichen Rahmen, wäre es vermessen, von den letzten beiden Alben „Where Shall You Take Me?“ und „On My Way to Absence“ bereits von einem Alterswerk zu sprechen – aber schon die Titel scheinen Gestus der Konklusion, zeugen von den Gedanken eines Künstlers, der sich bereits so vielseitig ausgelebt hat, dass er in der Zukunft nur das Vergangene zu sehen vermag. Vielleicht bleibt wirklich nur die Melancholie als letzte Dimension, als die letzte Herausforderung.
Melancholie ist das ruhige Meer des Vollendeten, das in erhabener Schönheit wiegt. Aber sie ist nicht ohne Tücke, denn nur zu leicht ist es ihr, Gedanken einfach in Kitsch zu ersäufen. Hinauf zu dieser Herausforderung erhebt sich Jurados Weg in die Absenz, erhebt den Erzähler über die Dinge. Bereits der verzweifelten Frage des vorletzten Albums folgte der erste Schritt in die Vertikale. Der Weg zu melancholischer Distanz ist eine Selbsterhöhung, wie sie nur wenige Songwriter überleben. Nur die ganz großen. Die Über-Erzähler.
„You are nothing to me now …“
 
Damien Jurado beschwört eine aus perfekter Abgeklärtheit gewonnene Magie. Kein Seelensturm tobt und schlägt Wellen in die ewige Ebene des Ozeans. Nur Jurados Worte sind es, getragen von seiner sanfter Stimme, die die Oberfläche der unendlichen Melancholie leicht kräuseln lassen, wenn sie den Wassern Songs von unfassbarer Schönheit entlocken. Ohne sie wirklich zu berühren oder sich gar von ihnen berühren zu lassen, gedeihen sie ihm gar wunderbarer noch, unter der jede seiner Melodien umspielenden Aura der Kontemplation.
 
 
 
 
„On My Way To Absence“ erschien auf Secretly Canadian.

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