Pimp My Riot Black Rebel Motorcycle Club

Hart sind die Zeiten zweifelsohne für jene, die nach der großen Blaupause für das neue Gesicht des Rock’n‘Roll suchen. Hart sind die Zeiten auch für alle jenen Schreiber, die in ihren Artikeln und Rezensionen zunächst abwehrend bis distanziert klarstellen, das wir sowieso kein Retrogeseiere mehr brauchen, um die Band dann doch entschuldigend mit leichten Magenkrämpfen auf den nächsten Zeilen schön zu malen. Hart sind die Zeiten ohnehin für alle jene Bands, die sich unentwegt gegen den Vorwurf des Plagiats und der Dauerleihgabe von Ideen anderer wehren müssen. Bedauerlich ist es auch lesen zu müssen, dass musikalische Weiterentwicklung bedeuten soll, dass der Künstler erwachsen wird und jetzt im Sitzen pinkelt. Dazu später mehr. Zunächst Zwei Weisheiten an dieser Stelle: Musiker werden nie erwachsen – older not wiser – oder unsterblich, und Rock’n‘Roll braucht keine neuen Gesichter, sondern nur ein paar Krücken bis er wieder laufen kann. Die Jungs von Black Rebel Motorcycle Club muss man wohl nicht mehr an die Hand nehmen. Auch wenn ihr Vater damals noch als Manager zur Tour der ersten Platte in der Nähe war und ich es mir nicht nehmen ließ ihn mit meiner Naivität aufs Schwerste zu beeindrucken: „Are those guys really like that at all… I mean the leather jackets and stuff?“ Meine Güte, was hat mich da geritten? Schallendes Gelächter war mein Lohn. An jenem Abend war ich – und jetzt kommt meine „Al Bundy-vier Touchdowns-in-einem-Spiel“-Geschichte – geladen, um mit meiner Band für die Jungs im Schlachthof zu eröffnen. Nicht weniger als unsagbare Ehrfurcht begleitete mich den ganzen Tag bis auf den Weg zur Bühne. Diese Band hat mir etwas geschenkt, ein Erbe, eine Wiedergeburt eines Sounds, den ich so seit „Storm in Heaven“ von Verve nicht mehr gehört habe und den es auch nach dem Debut von BRMC so nicht wieder gab. Der Wunsch, diese gespreizte, düstere Attitüde wäre nur konstruiert, war mein dienlicher Pate. Natürlich steht diese Band auf einem Gerüst, auch wenn ich damals noch glauben wollte, jemand anderes hätte es dorthin gestellt.

Dabei sprechen wir immer noch von Pop - und der darf schwitzen, huldigen, spucken und treten. Für mehr hatte er eh nie die Kraft. Die Velvets habe ich ja schließlich nie erlebt, man kann sich also vorstellen, welche Offenbarung das Ergebnis einer Prise gekonnter Selbstinszenierung und die erhabene Gewalt einer konzipierten Krachorgie sein kann. Sicher, unsere Hörgewohnheiten haben sich geändert. Und vielleicht kann man sich heute auch nicht mehr vorstellen, dass die Leute geschockt und angewidert den Saal verlassen haben, als eben diese Band in den Sechzigern ihre ohrenbetäubenden Entwürfe über den Besuchern entlud. Das Phänomen ließ sich aber durchaus auch im Schlachthof beobachten. Vielleicht bekommt man so einen etwaigen Eindruck, was die jüngsten Entwicklungen und Wege für die Band selbst bedeuten könnten. Für alle unglücklichen Menschen, die sich das neue Album „Howl“ noch nicht angehört haben, soll hier geschrieben stehen, dass sie ein Werk voll schlichter, betörender Schönheit verpasst haben, das ganzheitlich als Antonym zum früheren Schaffen der Band funktioniert. Americana, Blues, Gospel und Country dienen als Eckpfeiler für ein Gebäude, das von allen beteiligten Musikern verlangt ganz genau aufzupassen, wo man hintritt. Weil die Burschen das verdammt gut machen, wirkt „Howl“ eben auch nicht zerbrechlich oder nebelhaft.

Man kann vermuten, dass eben dieser Wille, sich unbeirrt in den Dienst der Songs zu stellen, ein Grund war, dass Drummer Nick Jago kurzzeitig die Band verließ. Nun wirkt er auf dem neuen Album eher wie ein erfahrener Praktikant. Sein schleppender, bisweilen etwas holpriger Schlagzeugstil ist hier nicht mehr wirklich gefordert. Das Trockeneis ist endgültig geschmolzen und die E- Gitarren hängen wieder bei Daddy an der Wand. Jedweden Respekt hat diese Band verdient, nicht nur weil sie sich der Trägheit und künstlerischen Bequemlichkeit entzogen hat, sondern weil sie sich vermutlich auch menschlich auf schmerzhafte Pfade begeben hat, auf denen man alle paar Meter anhalten muss, um seinen Standpunkt neu zu diskutieren. Es gibt nicht wenige Bands, die genau daran zerbrochen sind. Man möchte nur an die Mitglieder von Radiohead gemahnen, die sich nach „O.K. Computer“ verstört an ihre Gitarren klammern wollten, wie kleine Kinder eben, denen man den Schnuller wegnehmen will. Bis sie schließlich herausgefunden haben, warum sie die überhaupt einmal in die Hand genommen haben. Aus Neugier. Aus demselben Grund haben sich Black Rebel Motorcycle Club wohl auch vor einiger Zeit gegen den Baum gesetzt und lernen gerade das Laufen neu. Vielen Dank, dass ihr uns ein Stück mitnehmt.„Howl“ ist bereits bei Echo/ Pias erschienen.

Pats

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