Broken Social Scene - s/t
„We hate your hate“, steht an ausgesprochen prominenter Stelle geschrieben - wenn man sich daran macht, dieses schmucke Booklet aufzuklappen, um an den Kern der Dinge, die Musik, heranzukommen, muss man diesen Satz zur Kenntnis nehmen. Er ist mit ziemlicher Sicherheit höchst bewusst dort platziert - als zentrales Motiv, als unbedingte Motivation, als Vision und Attitude nicht nur dieser Platte, sondern der Menschen, die hinter dieser Musik stecken. Wobei ich diesen Begriff „dahinter stecken“ gerade im Zusammenhang mit Broken Social Scene überhaupt nicht mag: Denn gerade hier verschwindet nichts hinter der Musik, hinter dem Image des Musikers, dem Kollektiv einer Band. Hier bleiben Menschen identifizierbar. Wahrnehmbar. Erkennbar. Wenn beispielsweise die herrliche Feist bei „7/4 (Shoreline)“ ihre wunderbare Stimme erhebt in diesem unbändigen Rausch der Instrumente. Es ist eigentlich für jeden Zoni ein Unwort, aber hier muss es dann doch mal wieder raus - dieses Wort „Kollektiv“. Oder meinethalben auch „Gemeinschaft“. Es hat für mich kaum mal eine Veröffentlichung gegeben, auf der das Gefühl „Gemeinschaft“ derart transportiert wurde wie auf dieser von Broken Social Scene und dies meine ich unbedingt und vorbehaltlos positiv. Wir reden hier nicht von dem Prinzip Kollektiv als zufällig vermischte Gruppe von Menschen, die einzig und allein durch das Bindeglied „Arbeit“ zusammen gehalten werden. Hier geht es um Menschen, die ganz bewusst, ganz zielgerichtet und ganz eindeutig ein Kollektiv, eine Gemeinschaft bilden wollen - weil sie bei aller individueller Verschiedenheit derart viele Gemeinsamkeiten entdeckt haben, dass diese Gemeinschaft einfach Sinn macht. Und dann diese Gemeinschaft auch in der Lage ist, die angesprochene Individualität nicht nur zu akzeptieren, sondern ihr viel Raum zu geben, um sich zu entwickeln (siehe das bereits angesprochene Beispiel Feist). Broken Social Scene scheinen so viel mehr als nur eine Band, eher wie die Blaupause jenes funktionierenden sozialen Gefüges, von dem zumindest ich immer gerne träume. Das ich so gerne überall sehen möchte, mit Respekt, Achtung vor der Individualität des anderen, aber auch der Fähigkeit, sich miteinander auseinander zu setzen. Klingt nach einer naiven Utopie (und ich fürchte, in dieser Richtung gerne mal naiv zu sein), möglicherweise auch hippieesk. Wie vielleicht auch der Slogan „We hate your hate“; ausgesprochen gegen alle Hasstiraden dieser Welt, die unter dem Strich nur eines sind: Anti-Sozial. Wenn da dieses Wörtchen „hate“ nicht wäre: Broken Social Scene sind definitiv keine Lagerfeuer-Hippies, die weltvergessen auf der akustischen Gitarre klimpern. Die treten in den Arsch. Diese Musik hat eine unglaubliche Energie, aber eine so ganz andere, ungewohnte und vielleicht deshalb so erfreuliche Energie: Da steckt unbändige Spielfreude drin, das Glücksgefühl, gemeinsam Musik machen zu können, ein einziger musikalischer Monolith von gegenseitigen Respekt. Jeder einzelne Musiker bekommt seinen Platz, hat die Chance, sich selbst - wie schon erwähnt - als Mensch identifizierbar in diese Musik einzubringen. Unfassbar in seiner Größe und Schönheit.
PS: Wem diese ganzen Erwägungen eine Spur zu theoretisch sind, dem sei noch gesagt, dass die 14 Songs auf dieser Platte auch rein vom Songwriting her zu dem Besten gehören, was ich im Jahr 2005 gehört habe. (Arts & Crafts/City Slang)
Jensor
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