Curse - Sinnflut
Es funktioniert keine Bewertung von hiesigem Rap mehr ohne perspektivische Argumentationsschlenker in Richtung Aggro Berlin. Das Feuilleton, insbesondere der ahnungslose Teil der Meinungsmacher und auch die Politik (nicht minder ahnungslos) fahren zusammen vor der verrohenden Dreistigkeit, mit der Sexismus, Homophobie und Nationaldünkel eben dort popularisiert werden. Die Metakritik erkennt in den Vulgärauswürfen der tumben would-be-G’s immerhin einen Zeitgeist-melkenden Marketingplan. Das zu artikulieren, was der Bodensatz vermeintlich denkt, mithin der parolenhafte Schulterschluss mit den Drop-outs der Leistungsgesellschaft, das hat indes auch vor Aggro Berlin schon funktioniert. Die (faktisch vorhandene) Kaufkraft des Bodensatzes, das ist schließlich genau so die Kaufkraft der Mehrheit. Auch Onkelz und Hosen sind Euro-Millionäre. Das Kalkül der Aggro-Crew ist durchschaubar, es wird in seiner übertriebenen BlingBling-Ästhetisierung ja noch nicht einmal geleugnet. Herrje, deren Kalkül, so zynisch es klingen mag, ist sogar legitim, es ist nur eine Variante gängiger Marktprinzipien. Eine Sache aber ist an diesem Spektakel beängstigend: der Niveau-Einbruch eines wertvollen Genres durch deren hegemoniale Knowledge- und Skill-Legasthenie. Aggro Berlin-Acts taugen in ihrer absurden Selbstinszenierung und in der bewussten Provokation eines berechenbaren kulturkritischen Widerhalls (Promotion) als ein exzellentes Entertainment, aber sie treten dabei ihrerseits eine ganze Kultur mit Füßen. Sie sind die Parasiten des Rapbiz.
Ein etwas in die Länge geratener Prolog für eine Rezension außerhalb des Aggro-Kosmos, der aber einen Hintergrund zeichnet, vor dem sich das neue Curse-Album ganzheitlicher begreifen lässt. Curse versteht seine „Sinnflut“ als das „Gegengift“ für „diesen Wahnsinn“ und injiziert es geradezu virtuos, in kooperativem Eifer, Allianzen der Realness anzuregen. Allianzen, denen beispielsweise Big Names wie Samy (grandios gefeaturt in „Broken Language Reloaded“) oder Savas mit kommenden Releases zusätzliche Wortgewalt und Geltung verleihen könnten. Die Ich-Besinnung arbeitet gegen den Genre-Downfall. Die Popularitätsschübe dessen, was nunmehr landläufig für Rap gehalten wird, versucht ein Lover durch kompromisslose Dedication zu dekonstruieren. Wie der Sisyphus des Metiers erklärt er dem Mainstream, was Rap eigentlich sein sollte. Dieses Album ist sein Lehrmaterial. Curse bricht die Deepness und Distanzlosigkeit seiner Texte immer dann mit Style-Bewusstheit, wenn sie drohen, in schlaumeiernden Kitsch abzusinken. „Ich bin asi und schlau“ – die Affirmation einer ganz Rap-typischen Coolness-Überformung, die schüttelt auch er entsprechend lässig aus dem Ärmel, der Unterschied ist: er hat Geschichten, die das Image mit Leben füllen. Der Unterschied ist weiterhin: er kann diese Geschichten auch erzählen. In aller Coolness. Er bringt die Posen und er reißt sich währenddessen sein Herz aus der Brust. Wobei hierbei noch nicht einmal so sehr die Chicks die Hauptmotive liefern, ein ganz grundsätzlicher Tenor dieser Platte beschreibt die Sinnsuche im Augenblicklichen, die Unwägbarkeit des Alltäglichen, einen beinahe fatalistischen Entscheidungshorror. Der Grundtenor bleibt auch in den großen tragischen Momenten immer zuversichtlich, so wie die Beats stringverbrämt smooth und die Produktion behaglich. Soundlich versucht „Sinnflut“ ein kohärentes Grundgefühl, das dem überambitionierten, universalen Vorgänger durchaus fehlte. Man könnte auch sagen: In der Ruhe liegt die Kraft. Die Kraft, deutschsprachigem Rap wieder auf die Beine zu helfen. Die Kraft, deutschsprachigen Rap in Würde und Substanz zu erneuern. (Sony BMG) Andreas
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