Tribes of Neurot - Meridian
Harvestman - Lashing the Rye

Einer schummrigen Legende nach entstanden die Tribes of Neurot dereinst als Komplementär. Sie sollten das Ying zum Yang sein, die knarzende, wummernde Terz unter einem neuen, in apokalyptischen Rhythmen eingeschlagenen Neurosis-Album – ich glaube, es war deren „Through Silver In Blood“. Längst schon freilich hat sich dieser fiebrig zirpende und geschwülstig dröhnende Zwilling aus dieser siamesischen Liaison gestohlen, sich losgerissen aus Fleisch und Schatten, des ihn einst brüderlich umschlingenden und sich an seinen sonischen Sekreten labenden Geschwisters. „Meridian“ – das aktuelle Album ist das bisher markanteste und eigenwilligste Werk der Tribes, ein Album, aus dessen brodelnder Lautmalung von Genesis nun deutliche, zweifelsfrei und sofort wahrnehmbare Akzente, stetig neu variierte Strukturen und gar dunkel ergreifende Harmonien entsteigen. „Meridian“ verschiebt eine aus dem Umfeld von Neurosis und Neurot Records unermüdlich kolportierte, aber ästhetisch bis zu diesem Album nie wirklich nachvollziehbare Behauptung in den Rahmen der Wahrscheinlichkeit; „Meridian“ macht es spürbar, dass die Tribes of Neurot wohl tatsächlich nicht Geschwister, sondern die Mutter, Leib und Same aller Klangtexturen sind, die sich so gewaltig und vielfältig um Band und Label aufwerfen. Die weitschweifige, eine ganze Welt kavernisierende Atmosphäre, welche die Tribes um sich evozieren, ist gesprenkelt mit Referenzen, die unter vielen anderen Namen leuchten. Sie sind das All, tropfender Quell und saugende Mündung, das Schwarze Flies, das sich mit Worten noch viel weniger berühren lässt als mit den unablässigen, begnadeten Versuchen in Klang - jedes Album ein ehrfürchtig dargebrachtes Opfer.
Selbst seine Allgegenwärtigkeit, Herr Steve von Till, kommt nicht umhin, von Zeit zu Zeit das Haupt vor diesem reinen Juwel zu neigen. Obwohl dies für jemanden, der ausgewiesen zum Inneren Zirkel gehört, natürlich als die oberste Berufung gelten muss, ist es nicht unbedingt leicht vorstellbar, dass von Till, so mir nichts dir nichts, auch nur für Augenblicke von seinen mannigfaltigen eigenen Projekten ablassen kann. So stilbrechend und unter so vielen, immer wieder neuen Pseudonymen hat sich dieser Mann in den letzten Jahren geriert, dass man ihm, bekanntlich einer der Köpfe der Band Neurosis, beinahe tatsächliche neurotische Tendenzen unterstellen muss – selbstverständlich augenblinzelnd und herzlich schulterklopfend. Zur Erinnerung: die psychedlisphärischen Sessions von Culper Ring, der Dunkelrock von Blood & Time und seine beiden neofolken Alben unter eigenem Namen – alles über den Backkatalog von Neurot Records nachvollziehbar – und sicher war da noch mehr. Alles achtbare Entwürfe, die ihr verdientes Aufsehen erhielten. Keines dieser Projekte jedoch, und wahrhaftig kein einziges Release des Labels (und ich habe versucht, mich gut zu erinnern), tritt auch nur annähernd aus dem Schatten von „Lashing the Rye“, dem Debüt des durch Steve von Till initiierten Ensembles Harvestman, das aus jeder seiner tief berührenden Nuancen eine alle Gewissheit jenseits des Momentes verklärende Dunkelheit quellen lässt. „Lashing the Rye“ saugt die eigene Geschichte in seine obskuren Sphären, lässt die Stile, in den sich von Till seit Jahren versuchte, erlischen und sie in so einer erhebenden Dichte und Vollendung wieder auferstehen, dass Ergriffenheit das Gefühl nur unzulänglich beschreibt, das mir Tränen in die Augen treibt und mich auf die Knie zwingt. Immer noch, ein jedes Mal. Ein Album von solch erhabenem Genius – archaischer Folk und sinnbetörende Verzerrungen gewebt in eine Textur, die so unbeschreiblich alt klingt, das sie nur jenseits der Zeit stehen kann – man kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass nur nach der eigenen Entkörperlichung der Hauch einer Chance weht, dieses Album zu umfassen und völlig zu erschließen. „Lashing the Rye“ ist wie ein Schlüssel zum Jenseits, ein Versprechen auf eine neue Welt danach. Mit den nachfolgenden, bereits fertig gestellten zwei Alben, werden Harvestman die Pforten zweifellos so weit aufstoßen, dass man sich dem Sog kaum noch wird entziehen können. (beide Neurot/ Cargo) Nimrod

Comments (1) to “Tribes of Neurot - Meridian
Harvestman - Lashing the Rye”

  1. […] persona non grata […]

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