Von Schlangen und Vögeln The Appleseed Cast

Appleseed cast

Dem mittlerweile arg gebeutelten und demzufolge zu Recht verschrienen Emo entsprangen nach dessen Entjungferung Mitte der Neunziger „The Appleseed Cast". Damals noch eher ein Stereotyp dieser Musikschublade und ohne „The" im Namen, gehören sie heute, zig Alben, mehrere Weltumrundungskonzertreisen und eine Dekade später, einer gänzlich anderen Gattung an: einer ganz besonderen Gattung der Vögel.

Von Björn

Es war damals die Zeit von Crank!, Doghouse und Deep Elm. Sie waren es, die den musikalisch nächsten heißen Kram, mit dieser irgendwie ja schon ziemlich stumpfen Etikettierung Emo, zu uns rüber schifften. Wir empfingen es aber mit offenen Armen und Herzen und feierten Bands wie Sunny Day Real Estate, Mineral oder The Promise Ring gehörig ab. Das Zeug wuchs und wucherte an jeder Ecke. Das Groß all dieser Bands ist nun Geschichte oder grandios in eine unbeschreibliche Belanglosigkeit abgedriftet. Emo war wichtig, definitiv. Emo ist heutzutage aber nahezu jede Band, selbst die Pappnasen von Limp Bizkit. Und derartiges braucht doch niemand mehr.

Die Jungs von Appleseed hatten dies bereits vor einigen Jahren gesehen, als sie sich nicht ganz ohne Hintergedanken daranmachten, aus einer Aufnahmesession kurzerhand zwei Veröffentlichungen zu schmieden. „Low Level Owl I" und dessen kurz darauf veröffentlichte Fortsetzung waren der Schlüssel zum Tor, das aus den kontradiktorischen Gebundenheiten zu Deep Elm und somit aus dem Emo-Sumpf führte. Erster rettender Ast: Tigerstyle. Das Glück dort wehrte aber nicht lange und plötzlich war keine Plattenfirma mehr für die Jungs aus Austin da. Hinzukommendes Unglück im Unglück: die internen Wackeligkeiten. Wer The Appleseed Cast zu Zeiten der „Mare Vitalis" oder den beiden „Low Level Owl"-Platten live erlebte, wird bestätigen können, dass Schlagzeuger Josh ein ohren- und augenbetörendes Erlebnis war und dieser nicht ohne Grund auf den Spitznamen „Cobra" hörte. Ein Schlagzeug, das sich gegen ein Dasein als reines Begleitinstrument sträubte und giftig wie hinterlistig die Songs umschlängelte, um aus ihnen das Beste herauszuquetschen. Josh verstärkte Melodien und verschärfte Dynamiken. Aber irgendwann ward alles anders. Freshness, Power und Leichtigkeit wichen einer hör- und sehbaren Müdigkeit, Kraftlosigkeit und Schwere. Die Schlange verlor ihr Gift. Nicht zu verdenken, dass dann intern auch im geduldigsten Haus mal der Segen schief hängt. Nicht zu verdenken, dass solche Phasen an dem Weiterleben einer Band kräftig herumsägen. Es gibt in solchen Phasen eigentlich nur zwei Wege, die man einschlagen kann: Richtung Tod oder Richtung Neugeburt. The Appleseed Cast gingen beide und wählten damit die Wiedergeburt, sprich der an den Tod sofort anknüpfenden Neugeburt. Josh ging. Chris Crisci, der zurückgezogene Graubärtige, Aaron Pillar, der leicht glänzende Sympath und Marc Young, das trinkende Nesthäkchen setzten sich mit dem ehemaligen Schlagzeuger von The Casket Lottery Nathan Richardson an die Passionsfortsetzung: „Peregrine".

 

Eine wiederbelebende Maßnahme, die sofort anschlug. Auch wenn es sicherlich kein leichtes Vergnügen war, zukünftig in der Spur der Cobra zu waten, hat Nathan es geschafft. Ohne einen Ersatz für Cobra abliefern zu wollen, bahnt er sich seinen eigenen Weg und trägt damit seine ganz eigene Dimension zum neuen Appleseed Cast-Universum bei. Nicht imitierend setzt Nathan auf Straightness und Crazyness zugleich. Eine Mixtur aus Songdienlichkeit und innovativem Schlagzeugspiel, die auf einem Pfad zwischen Natürlichem und Editiertem gekonnt seinen Weg in diese Band gefunden hat. Gitarrist Aaron Pillar weiß das sehr zu schätzen: „Es war ein sehr wichtiger Augenblick für uns als Band, als wir erstmals mit Nathan probten. Er ist zwar ein stranger Vogel, aber er verstand uns musikalisch sofort und hat dem neuen Album letztlich sehr viel gegeben." Vielleicht liegt diese chemische Kompatibilität daran, dass Aaron, Crisci und Marc zu derselben Gattung von Vögeln gehören, wie Nathan.

Von den Retrorock- und Space-Ausflügen auf den beiden „Low Level Owl"-Trips wieder zurück, kamen The Appleseed Cast mit dem nachfolgenden „Two Conversations" auf Tigerstyle wieder auf den Punkt. Nun schocken die Jungs im offensiven Detail, hinterrücks mitreißend und mit explosiver Subtilität. Um „Peregrine" zu verstehen, bedarf es keiner Kopfhörer. Um „Peregrine" zu verstehen, bedarf es einer Affinität zu einer von Hoffnung geschwängerten Düsternis. Die Vier wissen, wie man Räume mit diesem gewissen Etwas füllt; mit dieser Schwere, die dich so erleichtert. Unstylisch, unprätentiös und unglaublich energetisch, entfachten sie den Sturm des diesjährigen Immergut-Festivals und hinterließen nur Regen, Matsch und leichte Nachwehen. Ein eindeutiges Indiz dafür, dass sie eben zu dieser seltenen Gattung gehören: den andersartigen, einsiedlerischen und alles erlegenden Wanderfalken, den Peregrine Falcons.

Comments (1) to “Von Schlangen und Vögeln The Appleseed Cast”

  1. da gebe ich recht, einfach nur YES.

Post a Comment
*Required
*Required (Never published)