Verstörend Betörend Metric

In Deutschland unterwegs zu sein, muss Emily Haines ermüden. Dass das Album „Live It Out" international mit einem dreiviertel Jahr Verspätung promotet wird, kann man ja noch als unumgehbares Übel abnicken. Aber auch Metrics Debüt „Old World Underground/ Where Are You Now?", das in den USA und Kanada bereits 2003 veröffentlicht wurde, ist in Deutschland erst im Mai diesen Jahres erschienen. Über so einen alten Schinken zu reden, als wäre er gestern entstanden, geht bestimmt an die Nieren. „Nein, das ist schon okay, ich mache das gern", antwortet Emily, als ich sie darauf anspreche, mit einer derartig grazilen, sanften und schlicht netten Stimme, dass mir das Herz aufgeht. Aus einer infantilen Laune heraus hatte ich es bisher weitestgehend als für mich entwürdigend empfunden, „Frontfrauen", wie man so schön sagt, etwas Gutes zuzusprechen, sei es Talent oder ansprechende Optik. Doch schon beim ersten Satz am Telefon merke ich: Frau Haines könnte das ändern.
„Remodel - everything has been done - la la la la la la la la la la." — Dead Disco.
Dead Disco. Das waren Zeiten. „Dead Disco" ist zweifelsohne ein Hit, ein Dancefloor-Kracher quasi, man will Bein und Arm schwingen, sobald man ihn hört. So ging es auch mir vor etwa anderthalb Jahren beim damals noch regelmäßigen Donnerstagsschwof. Ich kannte weder Metric noch „Dead Disco", nur das Lied mit den vielen La-la-las drin, das der einzig gute Herr DJ immer mal spielte. Irgendwann gab ich allen Ernstes bei Google „‚dead disco dead funk dead rock'n'roll lyrics" ein und fand heraus, dass es sich also um besagte Metric handelte. Schwups, Album gekauft (Import – wie indie!) und gut gefunden. Vielleicht gibt es noch ein paar andere Leute, deren Zugang zu den vier Kanadiern ähnlich abgelaufen ist. Es würde mich nicht wundern. Paradoxerweise ist aber genau dieser Weg wohl der falsche, fragte man die Band selbst (was ich natürlich nicht tue, ich will mich ja nicht selbst als uncool demaskieren). Denn nicht nur dieses Lied, sondern das komplette Album verspottet angeblich Hipster, Szenegänger, Wannabes usf., also jene nagellackierte, gestreiftbekleidete, retrogetrimmte und stilunbewusste gurls'n'böyz, die man Wochenende für Wochenende zum Schaulaufen in einschlägigen Clubs weltweit antreffen kann. Leute wie du und ich und alle, die wir kennen. Metric wollen uns also verarschen? Warum sollen wir die dann gut finden?
„Laugh to erase the dirt on your mind." – Too Little Too Late.
Aus zwei Gründen: Erstens meint Emily, dass sie nicht absichtlich kritisch gegenüber der erwähnten Klientel und dem damit verbundenem Lifestyle war, sondern vielmehr ihre eigene Existenz in ihm feststellte und selbige auf der Platte verwertete. Sie behauptet, dass diese ganze Spottgeschichte eher ein Missverständnis war, was bei logischem Denken auch einleuchtet; schließlich wäre es Verrat an sich selbst, sich über den Underground lustig zu machen, wenn man selbst ein Debütalbum verbreitet, dass es bis in den (nordamerikanischen) Mainstream schafft. Und zweitens, weil diese ganze Sache sowohl Emily als auch den Rest der Band mittlerweile nur noch marginal interessiert: „Wir sind einfach alle zwei Jahre älter geworden, das merkt man nicht nur musikalisch. Wir haben uns eben auch menschlich entwickelt." Genauso wird es mich in ein paar Jahren nicht mehr jucken, volljährige, theoretisch im Leben stehende Frauen mit Haarreifen zu sehen, obgleich ich in meinem jetzigen Alter jedes Mal aufs neue einen mittelschweren Aggressionsanfall bekomme. Irgendwann findet man wohl einfach keinen Gefallen mehr daran, sich auf Kosten anderer zu amüsieren oder zu echauffieren. Dann denkt man lieber über sich selbst nach – was Metric mit ihrem zweiten Album „Live It Out" eindeutig getan haben.
„Promiscuous makes an entrance. Her mouth is full of questions. Are we all brides to be, are we all designed to be confined? Buy ourselves chastity belts and lock them, organise our lives and lose the key. Our faces all resemble dying roses from trying to fix it when instead we should break it. We've got to break it before it breaks us." — Patriarch On A Vespa.
Alltag ist ein zentrales Thema, ebenso die Frage, wie das Leben wohl weitergeht, wenn die erste große Party vorüber ist. Ergibt man sich und tanzt nach der Pfeife der anderen oder lebt man tatsächlich auf und macht was draus? „Live It Out" hört und liest sich wie die Zusammenfassung der aktuellen Lebensstation einer x-beliebigen Person, die nicht mehr jugendlich, aber eben auch noch nicht so ganz erwachsen ist und sich weigert, die von der Gewohnheit vorgeschriebenen Regeln zu akzeptieren. Hier geht es nicht ums Tanzen, um Style oder Coolness, sondern um vermeintlich bodenständigere, universellere Themen wie Zukunft, Freiheit und vor allem Glück. Musikalisch spiegelt sich das in einer deutlich härteren Note wider, als es noch auf „Old World Underground" der Fall war. Für die Aufnahmen verabschiedeten sich Metric vom High Life Los Angeles' und New Yorks und kehrten zurück nach Kanada, um in Eigenregie und ohne äußere Einflüsse an einem würdigen Nachfolger zu arbeiten. „Da waren nur wir vier. Wir versuchten, dem Prozess zu vertrauen und fingen einfach an zu spielen", sagt Emily. „Wir haben Sachen gehört, die nicht nach uns klingen, um das Gefühl zu bekommen, zum Beispiel Pink Floyd oder Elliott Smith." Es bedarf schon viel Kreativität, um von diesen Referenzen zu einem derartig intensiven und kraftvollen Album wie „Live It Out" inspiriert zu werden; ähnlich schwer nachzuvollziehen ist auch der inhaltliche Wechsel zwischen Desillusion und dem Willen zum Weiterkommen. Wenn die ersten Zeilen einer Platte „When there's no way out, the only way out is to give in" lauten, setzt dies nicht gerade optimistische Maßstäbe. Im Verlauf entwickelt sich jene Aussichtslosigkeit allerdings mehr und mehr zu einer Kampfeslust, die zeigt, das es sich selbst bei mäßigen Erfolgschancen lohnt, etwas versucht zu haben. Emily bleibt jedoch bei beiden Sichtweisen kryptisch genug, um nicht Aufschluss darüber zu geben, was genau sie jetzt zurückwirft oder motiviert.
„Now that the damage is done I never miss it at all." — Empty.
Genau diese Willensstärke gekoppelt mit dem Mystischen und das damit verbundene Image der unumstoßbaren Powerfrau haben sie mittlerweile in eine Vorbildfunktion katapultiert. Bei Konzerten in den USA und Kanada herrscht laut Emily eine klare Distinktion im Publikum: „Die Mädchen stehen in den ersten Reihen und beteiligen sich an der Show, während die Jungs im Hintergrund einfach nur da sind. Es ist lustig; ich kann nicht genau sagen, woran das liegt. Ich sehe mich selbst nicht als Vorbild, aber ich freue mich, wenn die Mädels sich mit mir identifizieren können." So abgeschmackt und zurechtgelegt dieses Statement daher kommt, so gegensätzlich überzeugend ist Emilys Antwort auf die Frage, wie die Tour in Deutschland laufe: „Es ist super, wir sind wieder in diesen kleinen, schönen Punkrockclubs, und das Feedback des Publikums ist überwältigend. Die Leute haben viel getanzt. Es ist einfach eine ganz andere Form, die Musik zu spielen.“ Bei solchen Aussagen komme ich dann ins Grübeln, ob der Erfolg, den Metric sich Übersee erarbeitet haben, ihnen wirklich steht. Emily ist zweifelsohne trotz goldenen Schallplatten eine unglaublich nette und liebenswerte Person, Metric haben mit „Live It Out" ein zweites Mal ihre eigene Mitte gefunden und gute Taten sollten ja bekanntlich belohnt werden. Es ist nicht so, dass ich Metric den Erfolg nicht gönne; ich finde nur, dass sie in besagten Punkrockclubs möglicherweise besser aufgehoben sind als in riesigen, von Security bewachten amerikanischen Mehrzweckhallen. Vielleicht sollten wir sie einfach hier behalten. In meiner Wohnung ist auf jeden Fall immer ein Bett frei für Emily.
Jana
andreas wrote:
ich kann jana soooo gut verstehen …
Posted on 17-Jun-06 at 2:03 pm | Permalink
kris wrote:
Who do you write to to write this site?????????
Posted on 22-Jun-06 at 1:02 am | Permalink
Moné-Elisa wrote:
es gibt für mich ncht viel zusagen deshalb möchte ich eure zeit nicht großartig verschwenden, außer das ich metric liebe. ich kann nciht sagen warum aber diese klare ruhige stimme in kombination mit diesen texten, zu den lauten beats dieses begabten bassisten sind ( man hätte es besser nciht ausdrücken können ) ,,verstörend betörend'’! ich hab sie das erstemal in einem skatevideo gefnden und mcih sofort in The List verliebt. die einzig vergleichbar umwerfende band ist vermutlich Le Tigre oder The Pixies!
meiner meinung nach wären metric material für das vice magazine. und wer weiß vielleich wird man schon bald eine zusammenarbeit der beider zu lesen bekommen?!
mit lieben grüßen elisa
Posted on 28-Jan-07 at 5:12 pm | Permalink