Welten erschaffen Gravenhurst

Der Mann mit der schüchternen Haltung und der schmalen Statur sieht aus, als könnte ihn kein Wässerchen trüben. Doch in seinen Augen, die er hinter einer flachen schwarzen Brille versteckt, lauern Abgründe. Vielleicht ist es aber auch die Müdigkeit, denn die Nacht zuvor hatte Nick Talbot nicht geschlafen. Ein Schicksal, dass ich teilen werde, denn ich war für gerade mal 16 Stunden aus Leipzig nach Köln gekommen, um mit dem Kopf von Gravenhurst zu sprechen. „Bist du dir sicher, dass es das wert ist?“, fragt mich Nick mit einem müden Grinsen.

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Aber bevor ich auf den Sonnenaufgang wartete (und die Sonne lies lange auf sich warten), stand ersteinmal das Konzert im Gebäude 9 an. Und natürlich das Interview, das Nick gleich mit seiner Begeisterung für alternative Musikmagazine begann, die er eine Zeit lang selbst mit seinen Texten unterstützt hatte. „Ich habe mal ein Interview mit Movietone für das britische Psychedelic-Magazin Ptolemaic Terroscope gemacht. Am Ende hatte mein MiniDisc nichts mitgeschnitten. Der Albtraum eines jeden Journalisten. Die Jungs waren aber so nett, das ganze noch mal aufzunehmen.“
Nach einem sorgenvollen Blick auf mein Baby kehren wir zurück zum eigentlichen Grund meines Kommens: Gravenhurst. Von Albträumen und düsteren Erinnerungen handeln auch Nicks abgründige Texte, die gar nicht so recht passen wollen zum netten Auftreten des Menschen, der mir da gegenüber sitzt. „Ich glaube, ich habe einen gewissen Zwiespalt in mir. Ein perverser Teil von mir mag den Gedanken, dass da draußen jemand ist, der zu meinen Songs summt, ohne auf die Texte zu achten.“ Und die erinnern an die Mörderballaden aus vergangenen Jahrhunderten, handeln von Hass und Gewalt, Killern und Murdering Fuckheads. Selbst die fröhlich poppig daherkommende Single des neuen Albums erklärt im Refrain „To understand a killer, I must become a killer. And I don`t need this violence anymore. But now I`ve tasted hatered I want more.“ Es sind Dinge, die Nick selbst durchgemacht hat, von denen er da singt. Abgesehen davon hält der Songschreiber und Kopf der Band aus Bristol nichts von dem Image, dass die Musikindustrie um einen Künstler aufbaut, dem dieser dann entsprechen soll. Deshalb ist es für ihn auch nichts Ungewöhnliches, dass der Ton, den er auf „Fires in distant buildings“ anschlägt teilweise so völlig anders ist, als auf den ersten beiden Alben. „Ich mag Can, genauso wie die Pet Shop Boys, Filmmusik, ebenso wie Songschreiber. Ich denke, das kann man beides in einem Stück vereinen.“ Trotzdem orientiert sich das neue Werk mehr an seinen früheren Helden, wie My Bloody Valentine, weg von Elliot Smith und Bert Jansch. „Im Endeffekt war das eine logische Folge der Zusammenarbeit mit Warp. Wir wollten schon früher rockigere Sachen aufnehmen, aber für einen anständigen Drumsound brauchst du ein vernünftiges Studio und entsprechende Mikrophone. Dafür fehlte bisher einfach das Geld.“

Ein Schritt nach vorne, zwei zurück

Schon die erste Neuveröffentlichung auf Warp nach dem Re-Release seines stillen Meisterwerks „Flashlight Seasons“ kündigte die neue Richtung an. Nick selbst bezeichnet die vorangegangene EP „Black holes in the sand“ als Stufe zwischen den alten und dem neuen Sound, der aber gar nicht so neu ist. „Schon mit meiner ersten Band Assembly Communications haben wir uns mehr am Indie-Rock orientiert. Als dann unser Bassist Luke starb, zerbrach die Band und hinterließ eine Menge Unfinished Business. Es ist schon kurios, wie sich jetzt der Kreis schließt.“ Aus dieser Zeit stammen auch noch einige Ideen und Songs, die jetzt auf „Fires in distant buildings“ endlich Gestalt annehmen. „Die Geschichte von Gravenhurst ist völlig unlinear, auch wenn es nach außen nicht so scheint. Die einzige Konstante ist Dave (der Drummer) mit dem ich jetzt schon über drei Jahre zusammen arbeite.“ In gewisser Weise passt das auch zur Nicks Arbeitsweise. „Wenn ich an einer Platte arbeite, ist da zunächst ein Albumtitel. Der inspiriert die Titel des Songs. Wenn mir ein Titel gefällt, dann schreib ich die Musik dazu. Und von der Musik ausgehend, schreibe ich dann die Texte. Der Titel „Fires in distant buildings“ fiel mir irgendwann Ende der Neunziger ein, dann kam ich später auf „Down River“ und dachte mir, das würde gut zu diesem Album passen, deshalb stellte ich den für dieses Album zurück. Das Neue wird „The Western Lands“ heißen und dafür habe ich wieder Titel, die ich seit langer Zeit zurückgehalten habe, zusammen mit neuen Sachen.“ Dieser rückwärtige Kreativitätsprozess hört sich ziemlich ungewöhnlich an und auch Nick gibt zu, „die meisten Leute, mit denen ich gesprochen habe, machen das nicht auf diese Art und Weise.“ Aber der Grund ist verständlich: „Ich möchte, dass die Alben eine kreative Welt in sich sind. Wenn der Hörer diese Welt betritt, soll alles ausbalanciert sein und zusammenpassen. Selbst wenn es verschiedene Musikstile auf einer Platte gibt, werden die Tracks durch die wiederkehrenden Themen und Symbole zusammengehalten. Das ist immer die größte Arbeit für mich, die Reihenfolge zusammen zu stellen. Und dann kommt einer und stellt den Musikplayer auf Random und versaut sich die ganze Platte.“

Back solo

Da lobt man sich die Liveauftritte, auch wenn hier, wie bei der diesjährigen US-Tour mit Broadcast, Abstriche gemacht werden und Nick die Gigs wie in alten Zeiten wieder alleine auf der Akustikgitarre bestreiten musste. Aber das nahm er gerne hin, um mit seinen Helden unterwegs zu sein. Da kommt wieder der Fan in ihm hervor. „Die Tour mit Broadcast war unglaublich. Ich bin schon eine ganze Weile in ihre Musik verliebt, und sie sind einfach so nette Leute. Sie sind wohl die einzige Band, die ich 21 Mal in Folge sehen kann, ohne dass mir langweilig wird. Ich hab mir echt jede Show angesehen. Die haben einfach ein sehr entspanntes Verhältnis zur Industrie, bringen alle paar Jahre ein Album raus und scheißen auf den Rest. Wenn du neu im Musikbiz bist und es dir manchmal einfach zu viel wird, erinnern sie dich immer wieder daran, dass du das, was du da machst eigentlich genießen solltest.“ Und genossen haben auch die Kölner seine Musik. In den ruhigen Momenten konnte man nur das Knistern der Spannung hören, als wenn alle Versammelten den Atem gleichzeitig angehalten hätten. Kein Vergleich zum nervigen US-amerikanischen Publikum, wie Nick meinte, das eine stete Geräuschkulisse zum intimen Sound des Engländers bot. Ob es sich gelohnt hat, 700km zu reisen und die Nacht auszuharren? Hell yes!

„Fires in distant buildings“ ist bei Warp/Rough Trade erschienen.
Tourdaten, Texte und das kunstvolle Video zu „Velvet Cell“ sind zu finden unter: www.silentagerecords.co.uk/gravenhurst

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