Die beste Platte aller Zeiten auf der ganzen Welt Elf Power
Als ob es noch nie anders gewesen ist. Eine Band kommt aus dem Nichts. Quasi. Macht eine Platte. Verändert die Welt. Das Universum. Alles. Was weiß ich. Und niemand hört zu. Niemand außer mir. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Warum bin ich nur allein. Warum nur, warum.

In einem Konzert stehen und die Umarmung der Band spüren und wissen, in diesem einen Moment, in dem alles liegt, dass man sterben möchte in diesen Armen, heute Nacht, wann, nur wann, wenn nicht jetzt. Pathetisch werden und schwelgerisch, kurz darauf und später, ein wenig später, traurig, so unendlich traurig. Ich bin so allein. Das hier ist für die (die es nicht gibt), weil für sie eine Band eine Platte gemacht hat, die sie nicht hören (weil es sie ja nicht gibt) und diese Platte das größte ist, was diese Welt bewegen könnte, sie aber nicht bewegt (weil die, die das könnten, es nie erfahren, weil es sie nicht gibt).
Es ist so aussichtslos. So verdammt aussichtslos. Elf Power haben sich vor 12 Jahren gegründet, und in ihrer Heimatstadt mag ein junger Mensch, der bei Trost ist, auf nichts anderes kommen außer darauf, eine Band zu gründen. Athens/Georgia. Auf fünfzig Einwohner kommt mindestens eine Band. So ungefähr. Wer zählt da schon nach. Und eine Band von hundert schafft es irgendwann. Derek Almstead, der bemerkenswerte und nette Bassist, der erst mit dieser Platte bei Elf Power festes Mitglied ist, lacht dabei, als er das vorrechnet. Nach R.E.M. wird es wieder Zeit, sage ich. Es ist schon lange Zeit. Ach. Sagt Derek. So wichtig ist das nicht. Ich wollte ihnen eine gute Platte aufnehmen und das haben wir getan, mehr wollte ich nicht. Mehr wollte er nicht! Gute Platte! Mann. Sage ich. Es ist die beste Platte aller Zeiten auf der ganzen Welt. Ach. Sagt Derek. Und… Ich weiß.
Sie wissen es. Und es ist schön, sagt Andrew Rieger – Sänger, Erfinder und Kopf von Elf Power, wenn es jemand mit ihnen teilt. All die Resonanzen auf „Back to the web“ seien hervorragend, manchmal käme es einem vor, wie ein Traum, irgendwie unwahr… es sind nicht viele, aber es gibt sie, und sie werden mehr, meint Andrew, die Leute, die sie unterwegs auf ihrer Tour treffen und die alle so begeistert sind, von dieser Platte, darüber, dass es diese Band gibt, dass sie Leben retten hilft - denn das habe er sich schon immer gewünscht: etwas machen, was andere bewegt, erhebt. Zu einer neuen Perspektive. Von wo die Welt so gänzlich anders aussieht. Die Welt, die es zu ändern gilt.
Alles lässt einen Einfluss zurück, wenn man tourt: zu sehen wie die Menschen woanders leben… vielleicht ist das der größte Antrieb auf Tour zu gehen – die Eindrücke, seien sie nun gut oder schlecht. Sagt Andrew. Und: Man bringt immer etwas mit nach Hause. Aber der Preis, das zu bekommen ist auch ziemlich hoch: die Fahrerei, das unterwegs sein, der geringe Schlaf, das schlechte Essen, all diese bösen Sachen, die man vielleicht nicht machen sollte… man braucht schon ein wenig Fantasie, dass man die Stadt, in der man sich gerade aufhält, nicht mit dem Inneren des Clubs assoziiert, in dem man diese Nacht spielt, weil man nichts anderes zu sehen bekommt. Das geht an Grenzen, ganz klar. Auf der anderen Seite ist es die beste Form auf Leute zu treffen, die deine Musik hören, aus ihren Zusammenhängen kommen und einen selbst zu neuen Perspektiven ermutigen. Auch das hat Andrew erfahren dürfen. Und wenn auch das Touren vielleicht nichts direkt mit ihrer Kunst zu tun hat, es ist eine der wenigen sinnvollen Möglichkeiten, darüber zu kommunizieren. Wegen der Menschen. Andrew und seine Elf Power machen das wegen der Menschen. Das liest sich so hippiesk, beinah klischeehaft weg, wenn es da steht – aber aus seinem Mund klang das so logisch, so passend – wie er da so da saß, im Backstage im Berliner Maria, das Buffet war nur für die Hauptband, deren Namen ich nicht nennen mag, weil sie ihre beste Zeit schon hinter sich hat, er da so in der Ecke saß, so normal, selbst sein Toursweatshirt war so vertraut, der ewige Collegeboy, den, den man kennt, der sich das Bier selbst kauft, weil keiner im Backstage eins ausgibt… aber in Wirklichkeit…? In Wirklichkeit der beste Songwriter, den es vielleicht gibt. So zur Zeit und Norman Blake, Gerard Love und Raymond McGinley und vielleicht noch Jari Haapalainen nicht mitgerechnet. Ja, Andrew Rieger – einer der besten zurzeit und sagt so normale Sachen wie die, dass er die Menschen, die seine Musik hören, eben mag und es für sie tut, selbst so etwas Unanständiges, wie Herumreisen und sich mit schlechten Einflüssen abgeben. Für die Menschen bewegt er sich davon weg, was von außen wie eine Idylle aussehen und ihm vielleicht das Paradies bedeuten mag: seine Farm in der Nähe von Athens, wo er mit allen wohnt, die ihm wichtig sind, für ihn und seine Musik. Für ihn und seine Kunst. Und wohin er wieder zurückkehren wird und wohin er, wenn er es könnte alle die Menschen, die auf den Touren kennen gelernt hat, einladen würde, um den einzigen Gig seines Lebens zu spielen.
„Back to the web“ ist etwas Besonderes. Ich kenne und besitze – auch dank Shifty Disco – fast alle ihrer Platten, kenne die Cover und weiß, wie die Songs klingen. Doch mit dieser, ihrer nunmehr achten Platte bekommt alles, was zuvor war und sein Dasein vielleicht unter all den anderen Platten in meiner unübersichtlichen Sammlung fristet, ein völlig neues Gewicht. Hätte ich das früher merken müssen, die Frage, die ich mir immer wieder stelle, schon bei den Platten Ende der 90er/Anfang 2000, dass hier eine Platte entstehen könnte, die alles verändern würde? Ich mag nicht darüber nachdenken.
Und so ist „Back to the web“ die Platte, die in der Geschichte ausgewählter Bands eben diesen Schritt beschreibt: gerade noch Popmusik, für alle und für alle einzuordnen in die Fächer… Indierock hier… US Collegerock da… emotional Songwriting mit Folkanleihe… so zwischen Postcard und quiet is the new loud aber mit mehr Gitarren irgendwie, aber manchmal auch irgendwie nicht… all das – und jetzt? Es gibt keine Ordnung für „Back to the web“. Diese Platte verändert die Perspektive: wenn sie auch auf herkömmlichen Wege aufgenommen wurde – keine großen soundlichen Experimente – es ist die erste Platte, die ich gehört habe, bei der der Beweis angetreten wird, dass sich auch in Sachen Sound Technik durch Kreativität perfekt ersetzen lässt. Klar, ein Top Produzent kann für eine gute Platte nie schaden, aber eine Band wird höchstens durch ihn nur dazu gebracht, das zu sagen, was man sagen möchte. Und erzählt Andrew davon, dass dieses Album ist ihr bestes Album sei. So wollen wir klingen. Sagt er. Es klänge sogar noch besser als das Album, das sie mit David Fridman aufgenommen hatten. So wollen wir sein. Sagt Andrew. Und: Wir haben uns sehr verändert. Die letzten Platten waren straightforward indie rock records, was sicher unglaublicher Fun war, so zu spielen und solche Platten aufzunehmen, aber wir haben uns verändert. Wir wollten orchestraler sein, textlicher, poetischer… ja wir wollen poetischer sein. Und diese neue Platte ist die Essenz dieses Weges. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich mir eine 12-string-acoustic-Gitarre gekauft habe. Eine solche Gitarre macht das Songwriting vielleicht… ähm… brighter… I don’t know. So beschreibt einer der besten Songwriter in diesen Tagen, wie er das wahrnimmt, mit seiner Band, eine der besten Platten bis hierhin aufgenommen zu haben.
Dies ist die gekürzte Version von Toms Text aus PnG #69 (erhältlich ab 7.8.). Wer mehr lesen will geht hier hin.

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