Ersäuft in zelotischem Geschrei Superman Returns

iheartsuperman.jpgWenn Clark Kent seine Brille ablegt, dann sieht er nicht nur immer noch genau so aus wie Clark Kent, er bleibt auch genau so langweilig – der drögeste aller Superhelden. Es ist eines der großen Paradoxe der Superman-Serie, wie der seine Umwelt seit Jahrzehnten an der Nase herumführen kann. Selbst seine überirdischen schaustellerischen Fähigkeiten als gegeben akzeptiert, bleibt es doch äußerst verwegen, das Publikum glauben zu machen, dass sogar eine gewiefte Superjournalistin wie Lois Lane - die vormals und kurzzeitig zudem mit Superman liiert gewesen ist – nicht eins und eins zusammenzählen kann, wenn nun im Schatten des wiederkehrenden Heilands auch Clark Kent plötzlich seinen Bürotisch wieder einräumt. Doch sie sei entschuldigt, ihr Herz ist im Aufruhr, ihr Blut in Wallung. Sie kann keinen klaren Gedanken fassen, schon gar nicht in dem Moment, da Superman in ihr Leben zurückkehrt, als ihr Flugzeug aus zehntausend Metern Höhe auf die Erde zurücksaust. SUPERMAN RETURNS und löst dieses Problem im Handumdrehen, beinahe buchstäblich. Frau Lane ist nun beschämt wegen ihres skeptischen Essays mit dem Titel „Braucht die Welt Superman?“, für das ihr just der Pulitzer verliehen wurde. Dabei hat sie doch genau die richtige Frage gestellt, eine Frage, die bei der mit SUPERMAN RETURNS angedachten Rejuvenation des Superhelden für die große Leinwand völlig außer Acht gelassen wird.

Bryan Singer verbaut sich das eigentliche Problem hinter ein paar Schauwerten, dem ordentlich Pixel clashenden Konflikt zwischen Superman und dessen skurril gefährlicher Erz-Nemesis Lex Luthor, und der unendlich melodramatischen Liebesgeschichte um Clark, Lois und Superman (und, als wäre es dieser Dreiecksbeziehung nicht schon genug, gesellt SUPERMAN RETURNS noch den zwischenzeitlich Angetrauten der Lane hinzu … und ihr fünfjähriges Gör.). Dabei wähnte man doch gerade Singer den Richtigen für den Job, Superman, den Quasi-Gott vom Krypton, der jeden auch noch so apokalyptischen Effekt hinwegstemmen kann – ohne Schramme – ein Stück weit wenigstens an Konflikte und deren Ursächlichkeiten heranzuführen, die unsere Welt tatsächlich bewegen und ganz sicher nicht in einem größenwahnsinnig chargierenden Lex Luthor verkörperlicht werden können.
Singers X-Men Adaptionen waren da um einiges zeitgemäßer. Obschon die Verweise auf Rassismus und Mechanismen der Ausgrenzung, die Unbeherrschtheit der Adoleszenten und die reziproke Faschisierung sich als ausgegrenzt perzipierender respektive tatsächlich ausgegrenzter Fraktionen der Gesellschaft selbstverständlich schon erheblich expliziter in den Vorlagen behandelt wurde, blieben diese Themen doch bei aller vorgeschriebenen Popcornhaftigkeit eine Essenz, die bei Singer nicht von der Leinwand zu deuten war und auch durch den wenig talentierten Ersatzregisseur Brett Ratner im durchaus noch überdurchschnittlichen und sehenswerten X-MEN: THE LAST STAND nicht versaubeutelt werden konnte.

Superman hat – verglichen mit den X-Men – selbst nur marginale Problemchen. Superman Saves! Er holt die Katze vom Bäumchen, er fängt Flugzeuge auf, bevor sie auf einem Ackersuperstems.jpg oder an einem Hochhaus zerschellen. Wie Atlas stemmt Superman die Welt, die gerade aus den Fugen des Redaktionstowers seiner Postille bricht, und – keine Fragen – stünden die Zwillingsstürme noch, sie hätten für diesen SUPERMAN RETURNS ein taugliches Motiv abgegeben. Jedes heraufziehende Unheil wäre gebrochen, an der stählernen Brust dieses Helden, der überall leben könnte, sich aber zweifelsfrei die Vereinigten Staaten als Wahlheimat erkoren hat. Superman steht wie kein anderer Comic-Held für die Vereinahmung des Göttlichen – für die Ansicht, im Recht und stetig auf der Achse des Guten, mit Gott, zu sein. Weltweit löscht er Feuer und alle haben ihn lieb, aber niemand kommt auf die Idee, sich zu erbitten, der Typ in Spandex und Umhang möge doch besser noch einschreiten, bevor diese Feuer überhaupt erst gelegt würden. Aber lediglich der alte Superman ist hier frisch zurück. Seine Auftritte sind durchaus spektakulär. Er landet das gerettete Flugzeug während des Super Bowls vor tobenden Stadion-Rängen. Der Bombast soll die Frage zutuschen, im zelotischen Geschrei seiner Verehrer untergehen lassen, die Frage, die Lois Lane so trefflich formuliert und Zweifels ohne genau so trefflich beantwortet hat.

USA 2006

Regie: Bryan Singer

Cast: Brandon Routh, Kevin Spacey, Kate Bosworth, Frank Langella

Nimrod

Comments (2) to “Ersäuft in zelotischem Geschrei Superman Returns”

  1. Arm das Land, das Helden braucht…Zumindest solche, denen das Gel aus dem Haar trieft und die im Schlafanzug und Schlüpfer wie ein infantiler Sommernachtstraum durch die Luft wirbeln.

  2. In diesem Zusammenhang würde ich gern mal auf den Frank Miller-Comic “Die Rückkehr des dunklen Ritters” verweisen. Hier ist es Batman, der Superman regelrecht dazu zwingt, sich mit Konflikten und deren Ursächlichkeiten zu beschäftigen - und der so ganz nebenbei Superman als den staatstragenden Kasper enttarnt, der er ja nun mal ganz offensichtlich auch in angesprochenen Film ist.

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