Where do we go from here? Thumbsucker

thumbsucker.jpgDie Orientierungslosigkeit der Jugend ist in letzter Zeit häufiger Thema in amerikanischen Independent-Produktionen. Nach Filmen, wie “Garden State” oder “State of Mind” starten in dieser Woche nun gleich zwei Filme mit ähnlicher Thematik, aber unterschiedlicher Herangehensweise. Während “Glück in kleinen Dosen” (der im Original kurioserweise auf den Namen “The Chumscrubber” hört) einen satirischen Ansatz wählt und die Ereignisse in einer amerikanischen Kleinstadt überzeichnet darstellt, bemüht sich Mike Mills bei “Thumbsucker” um größtmögliche Authentizität. Kein Wunder, hat er doch, neben zahlreichen Musikvideos (u.a. für Air, Pulp und Moby) und Banddokus (”Eating, Sleeping, Waiting And Playing” über Air) bisher vor allem Dokumentationen über die Jugend seiner Heimat Kalifornien gedreht. In seinem Spielfilmdebüt verbindet er nun Beides zu einem einfühlsamen, wundervollen Ganzen, untermalt von der Musik Elliott Smiths, die der Melancholie des Films auf unnachahmliche Weise Ausdruck verleiht.

Justin Cobb (Lou Taylor Pucci) fühlt sich verloren in der Welt der Erwachsenen. Seine Eltern geben ihm wenig Halt und Freunde scheint es in seinem Leben nicht zu geben. Sein Vater (Vincent D’Onofrio) ist eine gebrochene Figur – verunsichert seinem Sohn gegenüber und verbittert über seine gescheiterte Footballerkarriere, die durch einen Unfall ein jähes Ende fand. Justins Mutter (Tilda Swinton) verliert sich in Träumen von einem aufregenderen Leben mit dem Serienstar Matt Schramm (Benjamin Bratt). thumbsucker2.jpgSein esoterisch angehauchter Kieferchirurg (Keanu Reeves) wandelt in Wahrheit ebenso orientierungslos durchs Leben, wie der 17jährige. Die Beziehung zwischen Justin und seinem Schwarm Rebecca (Kelli Garner) ist zwiespältig: zwar bringt sie ihm das Kiffen bei, aber führt sonst nichts Gutes im Schilde. So zieht sich Justin zurück in die Geborgenheit der Kindheit, indem er sich auf seinem Bett zusammen rollt und an seinem Daumen lutscht. Ein Zustand, der für seinen Vater untragbar ist. Also wird ein Schulpsychologe konsultiert und diagnostiziert – wie so oft – ein akutes Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Justin wird unter Drogen gesetzt, die ihm zunächst zu helfen scheinen. Doch eine Lösung für seine Probleme stellen sie nicht dar.

Es gibt kein sicheres Rezept fürs Leben. Diese bittere Moral muss auch Justin lernen. Die gesellschaftlichen Konventionen und die Erwartungshaltung seiner Umwelt machen ihm und uns allen das Leben schwer. Der amerikanische Schriftsteller Walter Kirn hat dies wundervoll in seinem autobiographischen Roman auf den Punkt gebracht und zeigte sich begeistert von der Adaption Mike Mills’. Dessen Geheimnis liegt in der Freiheit, die er seinen durchweg glaubhaften Darstellern einräumte. Er ließ Dialoge improvisieren, Biographien ausarbeiten und schuf so ein realistisches Kleinstadtporträt der amerikanischen Gegenwart. Mit dem jungen Lou Taylor Pucci fand er zudem den perfekten Hauptdarsteller, der sich, nach eigener Aussage, sehr mit den Problemen Justins identifizieren konnte. Schließlich rang Mills seinen Nebendarstellern Keanu Reeves und Vince Vaughn (als Justins Lehrer) schauspielerische Leistungen ab, die man von ihnen sicher nicht ohne weiteres erwartet hätte.

thumbsucker3.jpg USA 2005. Regie: Mike Mills. Buch: Walter Kirn, Mike Mills. Mit: Lou Taylor Pucci, Tilda Swinton, Vincent D’Onofrio, Keanu Reeves, Vince Vaughn, Benjamin Bratt. Ab 5.Oktober im Kino.

spacer.jpg

Post a Comment
*Required
*Required (Never published)