Wie eine Lo-Fi Oper Musika 77

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Schweden. Land der zarten Seelen und der gepflegten Popmusik, Supernation hübscher Blondschöpfe und enger Hosen – und Heimat von Johann Krantz. Der ist auch blond, aber vermutlich kein glänzend polierter Styler. Dafür aber Kopf der Band Musika 77, deren zweites Album „Brave You Free May“ uns allen noch gehörig die düsteren und tristen Novembertage verbittersüßen wird. Mal wieder hat es ein extrem leidensfähiger Musiker bis ins Studio geschafft, um seine Ängste ordentlich auszuleben.
Hört man „Brave You Free May“, dessen Kraft im geschickt platzierten Wechsel von Ruhe und Aufbrausen, Ausuferungen und abrupten Enden liegt, denkt man zwangsläufig an die unschöne Seite des Herbstes, an nicht enden wollenden Regen, stürmisches Zwielicht und damit assoziierte Empfindungen wie Verlassenheit und Melancholie. Da ist es nicht verwunderlich, dass Johann selbst ein großer Befürworter dieser Jahreszeit ist: „Ich schreibe gerne Lieder über den Herbst. Auch wenn ich im Sommer schreibe, denke ich gerne an die kalten, dunkleren Monate. Ich denke, der Herbst ist sehr romantisch.“ Und jene Romantik kann man bei Musika 77 uneingeschränkt im Sinne der literarischen Stilrichtung auffassen; wir reden hier nicht von Kerzenschein und trauter Zweisamkeit, sondern dem negativen Gegenpol: dem Drang zur unbeherrschten Freiheit, den Urängsten des Menschen und einem mysteriösen, gruseligen Element.
Es scheint, als hätte Johann exakt jene Attribute absorbiert und anschließend die Platte ausgespuckt. Faktisch lief die Aufnahmephase aber weniger gespenstisch ab. Um sich in Stimmung zu bringen, hörte er „basic pop stuff“ wie Crooked Fingers, The Decemberists und Rufus Wainwright, was durchaus nahe liegt, aber nicht gerade das Mythische der Platte unterstreicht. Ähnlich banal sieht Johann die überaus aufwendig anmutende Instrumentalisierung: „Wir haben ziemlich schnell aufgenommen, und meistens waren die ersten Ideen, die uns in den Sinn kamen, die besten. Aber es stimmt schon, dass wir uns dieses Mal auf große Horn- und Stringarrangements konzentriert haben. Wir haben nach Kontrasten gesucht. Es sollte gleichzeitig winzig und riesig sein, wie eine LoFi-Oper.“
Nun gibt es mit Opern einen gewissen Zwiespalt: die einen lieben sie, die anderen sind nur genervt von ihnen. Bei Musika 77 ist es ähnlich. Während einige Kritiker in den höchsten Tönen schwärmten von Johanns sagenumwobenen Erzählungen, beschwerten sich andere, dass er schlichtweg zuviel jammert und besser daran täte, sich einen großen Schluck Rum in den Tee zu rühren. Mit derartigen Vorhaltungen kann er aber adäquat umgehen: „Die Leute haben schon Recht, ich jammere tatsächlich, und manchen könnte das wirklich ein bisschen zuviel sein. Aber meiner Meinung nach liegt die Schönheit des Schreibens darin, dass man sagen kann, was man will und wie oft man will, ohne unterbrochen zu werden. Für mich ist das die völlige Freiheit und ich werde mein Bestes tun, das so beizubehalten.“
Auf die Frage, wie er sich erklärt, dass Schweden eine so ausgeprägte Supernation guter Musik ist, hält Johann eine ähnlich bodenständige und rationale Antwort bereit: „Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir sehr zeitig in der Schule lernen, Instrumente zu spielen. Ich denke, es ist wirklich so einfach. Aber das Konzept der Musikskolan läuft bald aus.“ Was für den geneigten Fan der Popmusik, zumindest laut Johanns Theorie, bedeuten dürfte, dass es in schätzungsweise fünfzehn Jahren keine guten schwedischen Bands mehr geben wird.
Doch sich dieses scheußliche Szenario jetzt schon auszumalen, wäre überflüssig – in fünfzehn Jahren können wir sowieso alle tot sein. Erheitern wir uns also lieber mit der Anekdote, dass die einzige Platte, die Johann als Kind gehört hat, „Kåldolmar & Kalsipper“ von Nationalteatern war, eine linksradikale Produktion für Kinder, die sie „über das Spektrum des Kommunismus und die gemeinen und schrecklichen Könige des Westens“ unterrichtete. Johanns Behauptung, dass ebenjene Platte den Ton für sein eigenes Songwriting gesetzt haben muss, ist bei einer Platte wie „Brave You Free May“ jedoch wieder schwer nachvollziehen. Dann glauben wir ihm lieber, wenn er sagt: „Es ist auf jeden Fall Teil der schwedischen Mentalität, melancholisch zu sein. But it’s nothing we talk about.“ Wenn Schweigen Gold ist, dann ist Musika 77 Platin.

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    Brave You Free May ist bereits bei Mi Amante/Cargo erschienen.
    Musika 77 spielen zusammen mit The Tiny diesen Samstag im UT Connewitz. Hingehen und staunen!
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