Das rockt, Baby – Urlaub in Polen live

„Health And Welfare“ ist eine großartige Platte – sie zu besitzen bringt unbedingt einen dicken, fetten Gummipunkt in der Coolness-Liste. Wer dazu noch die beiden Urlaub in Polen-Vorgänger „Parsec“ und „White Spot“ sein eigen nennt, hat’s schon beinahe in den Nerd-Olymp geschafft. Die Krönung des Ganzen: Georg Brenner und Philipp Janzen mal live zu erleben, was sich in Leipzig viel zu viele Leute entgehen ließen. Da strecke ich einfach mal die Zunge raus und meine hämisch: Selbst schuld, ihr Deppen! Das Konzert das Jahres verpasst, so sieht’s aus.
Ich gebe gerne zu, die Kategorie „musikalisches und handwerkliches Können“ mit einem gewissen negativ besetzten Misstrauen betrachtet zu haben. Zu nah war der Abgrund, in dem dann die Untoten wie Steve Vai (lustigerweise wurde gerade dieser Herr auch im Gespräch als treffliches „So nicht, liebe Leute!“-Beispiel herangezogen) lauern. Ich gebe auch gerne zu, nach dem Live-Auftritt von Urlaub in Polen die Dinge ein wenig anders zu sehen. Zu deutlich wurde mir da vor Augen geführt, dass sich die reine handwerkliche Brillianz und eine beinahe schon unfassbar interessante, eigenständige und spannende Herangehensweise an das Prinzip Musikmachen an sich nun wahrhaftig nicht ausschließen müssen. Und meine Herren, wie diese beiden Typen mit jenen Gerätschaften, die ihnen zum Erzeugen von Tönen, Melodien, Klängen und gerne auch mal Lärm zur Verfügung stehen, einzusetzen verstehen. Was ihnen auf der anderen Seite aber auch einen mordsmäßigen Spaß macht. Womit wir bei einem der ganz großen UiP-Geheimnisse wären: Freude haben. Und zwar bei Dingen, die nun wirklich verdammt komplex sind. Auch wenn sie mir berichteten, dass da am Anfang „nur“ die Songs waren und sich all diese Sounds und damit Referenzen erst später ergeben haben – als „simpel“ würde ich „Health And Welfare“ nun wahrlich nicht bezeichnen. Zu verwirrend die Vielschichtigkeit, die Georg Brenner und Philipp Janzen auch auf die Bühne stellen können: Denn zu häufig scheitern Bands gerade an dieser Situation. Was sich im Studio mit einem Haufen Technik im Kreuz und einem versierten Produzenten vor einem noch halbwegs stimmig machen lässt, ist oft in der Live-Situation nicht zu reproduzieren. Übrig bleibt dann in aller Regel ein einheitlicher Sound, dem sich alle Tonträger-Feinheiten unterordnen müssen. Urlaub in Polen kicken dieses Problem auf lockere, traumwandlerisch spielerische Art und Weise einfach von der Bühne. Eben noch versunken im fettesten Noise-Gewitter – dann schon wieder mitten drin im elektronischen Dancefloor-Taumel. Glaubt ihr nicht? Geht. Geht wunderbar und zwar derart charmant und stimmig, dass man diesen Übergang gar nicht so richtig mitbekommt. Ehrlich. Klingt jetzt alles verdammt intellektuell. Ist es auch. Was UiP nicht daran hindert, auf eine Art und Weise abzugehen, bei der einem schon mal munter Hören und Sehen vergehen kann. Viele Bands haben es im ausklingenden Jahr 2006 nun wahrlich nicht geschafft, mich rein vom Energie-Level her derart platt zu machen wie die Herren Brenner und Janzen (mit der exzellenten Unterstützung zweier Backgroundsängerinnen, die – klar, wir reden hier über Perfektionisten, als die sich die Beiden auch ganz ausdrücklich sehen – diese Bezeichnung mehr als verdienen; heißt, die waren gesanglich so etwas von top, die hätten normalerweise ins Stadion gehört). Verdammt, hat das gerockt. Da kann’s nur eine Option geben für die Zukunft: Egal, wo Urlaub in Polen spielen und sei es in der Hinterhofgarage vom verhassten Nachbarn – hingehen, staunen, genießen, abgehen.
Chancen:
1.12. Hannover, Glocksee
2.12. Hamburg, Hafenklang
p.m. wrote:
Jensors Konzertberichte sind einfach unwiderstehlich. Doch was zur Hölle ist ein Gummipunkt??? Ich hoffe nichts Unanständiges?
Posted on 01-Dez-06 at 4:06 pm | Permalink
nimrod wrote:
Gummipunkte sind geil, die kann man biegen, die kann man von hinten und von vorn, die kann man von oben und von unten, alles relativ und gemäß der eigenen präferenzen … insofern sind gummipunkte in der tat grandios unanständig.
Posted on 02-Dez-06 at 2:31 am | Permalink