Mittwoch, Februar 28, 2007
Mein lieber Herr Gesangsverein! Das ist mal wirklich 2.0! Da der klassische Abverkauf engagierter, aber hoffnungsloser Tonträger an den Endverbraucher unzeitgemäßer nicht sein kann, kann man sie auch nach und nach zum Runtersaugen ins Netz stellen und dem für Neues und Unanhörbares offenen Musikfreund ein Weihnachtsfest zu Ostern bescheren. Dass diese Vorgehensweise in solch einer Kompromisslosigkeit ausgerechnet von den Noise-Avantgardisten von To Live an Shave in LA initiiert wird, verwundert den Kenner der Materie nicht. Erstens ist jene wohl nur für zwei von zehn erträglich (mutige Schätzung), zweitens wird das Projekt von Subversivist Tom Smith erst in geschätzten fünfzig Jahren entsprechend von popmusikalischen Forschern verstanden und gewürdigt werden, ansonsten wird von der Hand in den Mund gelebt, das kommt auch beim Singen ziemlich gut. Wir wünschen viel Spaß. Den Einstieg in das Universum von TLASILA findest du hier. (Continued)
Mittwoch, Februar 28, 2007

Der Bulle ist augenblicklich mein Freund. Darauf muss ich mir nichts einbilden. Er ist zweifellos mit jedem Touristen dicke, der das Hauptquartier der Polizei für eine Reisegenehmigung ins Landesinnere aufsucht. Ob ich alle notwendigen Unterlagen mitgebracht habe, erkundigt er sich: meinen Reisepass, zwei Passbilder … und die Bearbeitungsgebühr. 20.000 Rupiah sind alles andere als ein Vermögen, es sind in der Tat nicht einmal zwei Euro, aber die Inflation, die Indonesien so erbarmungslos an der Gurgel hält, scheint diesen entlegenen Teil des Archipels dennoch besonders fies zu quetschen. Damit muss man sich arrangieren. Er lächelt. Ich lächle. Die Genehmigung ist eine Sache von Minuten, versichert er mir, bevor er mit den Dokumenten und den Geldscheinen in das Zimmer seiner Vorgesetzten verschwindet. (Continued)
Sonntag, Februar 25, 2007
Psychedelischer, drogengeschwängerter Singsang, geloopte, treibende Rhythmen, sphärische Gitarren und natürlich darf die Sitar bei diesem Gebräu nicht fehlen. Willkommen in den nebeligen Randbezirken der Wahrnehmung, an der Schwelle zum Unterbewusstsein. Black Cab lassen die vergangenen Zeiten entspannter Psychedelia der Sechziger, mit George Harrison als Halbgott, und die Shoegazerära mit den Heroen von Creation Records (Felt, Ride, Slowdive, My Bloody Valentine) wieder auferstehen. Man wird angehoben und fortgetragen. (Continued)
Donnerstag, Februar 22, 2007
Des Wahnsinns keifende Avantgarde. Selbstverständlich greifen alle vorschnell dargebotenen Formeln zwischen Casio-Grind und Math-Core ein erhebliches Stück zu kurz. Das Londoner Trio Trencher bündelt und rezirkuliert die Wucht ihrer unablässigen Angriffe in einen Kanon für die Extreme, dessen Psalme trotz ihrer effizient pointierten Länge eine Ahnung von der epischen Dunkelheit, die sie im Schlepptau haben, immer hübsch schaurig ins Bewusstsein krauchen lassen. (Continued)
Mittwoch, Februar 21, 2007
Wimbledon und Agit Prop-Pop? Wie soll das denn bitteschön zusammen gehen? Auf dem Debüt des 20-jährigen Mannes namens Jamie T. geht das zusammen. Hier wird mit Sicherheit kein Hochpreis-Ticket-Tennis gespielt. Dieser junge Herr rockt, dopt und rappt sich gerade in die Herzen aller UK-Working-Classler und auch in die oberen Bereiche der UK-Single-Charts. Und schon rotiert die Namedropping-Mühle in Dauerbetrieb. Schließlich vertont auch Jamie T., Streets- oder Lily Allen-gleich, sein urpersönliches Tagebuch zwischen Stubenhocken und Pub-Treff. (Continued)
Dienstag, Februar 20, 2007
Ich würde diese Geschichte erzählen können: Landschaft, Himmelblau, Staub, Leere, eine weite Reise, weit so weit, quer durch Argentina bis zu dieser legendenbehafteten Halbinsel, in deren Buchten, zu dieser Zeit die Wale Junge gebären, ein Auto, sonst immer zuverlässig, doch jetzt das: Motorschaden, (Continued)
Sonntag, Februar 18, 2007
Am Dientag, dem 20.2.2007 20.00Uhr sind im UT-Connewitz zu Leipzig die momentan in Indiekreisen extrem gehypten Thunderbirds Are Now! (Ferndale, Michigan/US) mit ihrem mitreisenden zappeligem Postpunk-Gitarrenrock zu erleben. Und damit man sich schwerer entscheiden kann, welcher Act nun der interessantere ist, setzt das Schubladenkonsortium mit Saroos (D/US) einen ordentlichen Kontrapunkt. (Continued)
Samstag, Februar 17, 2007
Wollten wir nicht immer schon wissen, was die Fortführung des hochproduktiven Umfelds der Elephant Six-Indiekommune aus Athens, Georgia so hergibt? Nicht nur, dass hier im letzten Jahr mit „Back To The Web“ ein alles in Sachen Musik relativierendes Album von Elf Power erschien, für die nicht mal ein Denkmal auf zentralen Plätzen unserer Städte ausreichen dürfte, um öffentlich erklärt zu wissen, was ihre eigene Bedeutung ist – das künstlerische Umfeld dieser Kommune ist hochgradig produktiv und für jede neue atemberaubende Platte gut. (Continued)
Freitag, Februar 16, 2007
Kennst du das? Du bist Fan von Polarkreis 18 und wirst deswegen gedisst? Auf dem Schulhof, in der Knolle oder schräg hinterm Hauptbahnhof? Vorm Rewe gar? Wir wissen, wie das ist, und wir haben deinem Schmerz ein Denkmal gesetzt. Bitte schau dir dieses Video an und sei dir bewusst, dass du nicht alleine bist.
Achso, das Debütalbum erscheint passenderweise genau heute. Geld, das besser investiert ist als in neue Glitzerhalstücher oder angesagte Szenegetränke.
Donnerstag, Februar 15, 2007

Ampl:tude klingen wie eine Reise über Serpentinen und durch Autobahntunnel, wie eine lange Autofahrt, bei der du nicht anhalten möchtest. Und gleichzeitig klingen sie wie hektischer Großstadtlärm, gehetztes An-der-Ampel-Stehen und rasselnde Straßenbahnen. Es piept und hupt an allen Enden, aber trotzdem fühlst du dich, als hättest du deine mickrige Karre auf einem weiten Feld in den Matsch gefahren, ohne dass es dich ernsthaft stören könnte.
Mit “Der Igel an der Orgel” liefern Ampl:tude aus Berlin wohl eines der schönsten Alben in Sachen verfrickeltem Shoegazer-Weirdo-Pop, das man sich für dieses jungfräuliche Jahr nur wünschen kann. Gemeinsam mit den Franzosen von Jordan wird jenes auch ausgiebigst live exerziert. Seid dabei und freut euch - wir sind und tun es auch. (Continued)
Donnerstag, Februar 15, 2007
Die japanische Punkband Balzac als die noch etwas infantilere Variante der mit Horrorklischees gaukelnden Misfits zu bezeichnen, hieße sicherlich, es sich etwas zu einfach zu machen. Und dennoch legen die Umtriebe der schrägen Bande aus Osaka solche Verortungen recht nahe. Balzac und Misfits tourten gemeinsam und nahmen auch eine Single zusammen auf. Vor allem aber entspricht Balzacs merkantil bis zum Zerfall ausgeschlachtetes Bandmaskottchen, die Skull Bat, der Misfits-Schädel-Ikone in niedlich, und für Werbefotos und Plattencover werden gerne auch mal die Kleinkinder der befreundeten Lärmherde Sobut in winzige Teile des wahnwitzig umfangreichen Balzac-Merchandise-Kataloges gesteckt – ein Textilunternehmen, das ist es wohl, was sich tatsächlich hinter dem Namen Balzac verbirgt. (Continued)
Mittwoch, Februar 14, 2007
Am Freitag, dem 16.2.2007 von 21.00 bis 24.00 Uhr beglückt die PNG-Crew wieder einmal die Lauscher von Radio Blau. Zunächst mit dem Phonographischen Quartett, bei dem diesmal Patrick Pulsingers „Dogmatic Sequences“, The Automatic „Not Accepted Anywhere“, Anajo mit „Hallo, wer kennt eigentlich wen?“ und Union Of Knives „Violence & Birdsong“ vorgestellt werden. Und im Anschluß folgt ein Labelspezial zum Thema Playhouse (Ihr wisst schon My My, Max Mohr, Soylent Green, Fabrice Lig, Captain Comatose, Isoleè, Lowsoul und natürlich Ricardo Villalobos … also ordentlich elektronisches zum Schunkeln.
(Continued)
Mittwoch, Februar 14, 2007
Man hat ja manchmal solche hochtrabenden Hörerlebnisse einer bestimmten Platte. Meines von “You, You’re A History In Rust” könnte in seiner Bilderbuchhaftigkeit pathetischer wohl kaum sein. Nachts um halb eins holte mich eine Freundin mit dem Auto von zu Hause ab; ich brauchte Zigaretten von der Tankstelle und sie wollte ihrem Typen im Club noch mal kurz hallo sagen. Um die Wartezeit zu überbrücken, steckte ich die neue Do Make Say Think-Platte ein, wissend, dass es sowieso länger als die verhandelten maximalen zwölf Minuten dauern würde. Auf dem Weg zur Tankstelle hörten wir eine ihrer zerwürfelten Mix-CDs, was mir in dem Moment aber nichts ausmachte, weil ich stolz “You, You’re A History In Rust” in den Händen hielt, von dem ich ihr gesagt hatte, dass das das Album des Jahres sei. Obwohl ich bis dahin nur das erste Lied gehört hatte und gerade der 14. Februar war. Valentinstag. Drauf geschissen. Du, du bist eine rostige Geschichte, Alter. (Continued)
Dienstag, Februar 13, 2007
Hongkong ist eine Stadt ohne Raum, eine Stadt ohne Nischen. Jeder noch so verschlagene Winkel ist kommerzialisiert, selbst die Schatten werden gequetscht und gepresst, um alles aus ihnen herauszuholen, was sich zu Geld machen lässt. Hongkong ist atemlos. Hongkong ist ohne Zeit für Innovationen, weil Innovationen das Scheitern viel wahrscheinlicher eingeschrieben ist als der Erfolg. Hongkong ist eine Stadt, in deren Musik das Herzblut so nachdrücklich und leidbetonend beschworen wird, weil deren Musik die Seele so schmerzlich fehlt. Musik in Hongkong ist dennoch ein kalter Zauber. Es ist unter dieser oberflächlichen Perspektive beinahe unvorstellbar, dass dieser Stadt eine Band wie Elf Fatima passiert. (Continued)
Samstag, Februar 10, 2007
Das Komplexe und das Einfache, kongenial verbunden wie Schneeflocken. Vor gar nicht allzu langer Zeit beglückte das kleine feine Lüneburger Label Alison Records die Welt mit einer EP, deren Künstler sich hinter dem geheimnisvollen Namen A Hundred Times Beloved verbarg. Die Musik darauf war geprägt von der eigentlich Teenagern zueigenen schüchternen Besonnenheit, die Tradition des Shoegazing, Musik machen, um Selbstvertrauen zu erlangen - und vielleicht sogar ein Mädchen. A Hundred Times Beloved wanderte über diesen gefährlich schmalen Grat mit einer ungewöhnlichen Bravour: die EP brach mit den üblichen Shoegaze-Sounds, sondern erweiterte diesen Kosmos um kristallinen Synthie-Pop, der in seinen besten Momenten locker ästhetisch ähnlich gelagerte, mögliche Vorbilder wie Sigur Ros überflügelte. Dies gilt auch für Antarctic Sunrise. (Continued)
Mittwoch, Februar 7, 2007
Ja, es sind wirklich nur noch wenige Stunden. Bis wir uns im Ilses Erika versammeln. Den im Moment leider nicht existenten Schnee zelebrieren. Bis die ersten 20 Besucher von Mastermind P.M. Hoffmann himself gefaltete Origami-Pinguine bekommen. Unser Lieblingsclub in einem vorher noch nie gesehenen weißen Glanz erstrahlt. Bis Polarkreis 18 diesem ganzen Treiben ihre Krone aufsetzen und aus wirklich jedem einen Schneekönig machen. Und nur noch wenige Stunden, bis wir unser nagelneues Heft #71 mit stolz geschwellter Brust vorstellen und feilbieten. Wie wir uns freuen!
PnG #71-Release-Party mit POLARKREIS 18
Freitag, 9. Februar, 22 Uhr [23 Uhr: Fragerunde mit der Band - 24 Uhr: Konzert]
* Ilses Erika
Dienstag, Februar 6, 2007
Also: ich bin weit davon entfernt, der Jugend keine Chance zu geben. Hinzu kommt, dass ich in früheren Jahren durchaus eine Affinität zum Punk hatte und ich mir diese bis heute auch erhalten habe. Was ich aber schon immer verabscheut habe, ist der Versuch, auf schwachsinnige Art und Weise zu singen, sich dabei eines Dialektes zu bedienen und das Ganze dann noch mit der widerlichsten aller Spielarten, dem Funpunk, zu garnieren. Beim Erstkontakt mit jener Platte hier hätte ich am liebsten gekotzt! Die klingen einfach wie die fucking Toy Dolls!! Jetzt, drei Durchläufe später und unter Ignorierung der üblichen Lobhudeleien aus der britischen Musikpresse, finde ich „Get Your Mood On“ doch nicht ganz so dumm. (Continued)
Montag, Februar 5, 2007
Am Mittwoch, dem 7.2.2007, 22.00Uhr ist es wieder einmal soweit, das Zoro in der Bornaischen Str. 54 zu Leipzig öffnet seine Pforten für ein wahrhaft großes Stelldichein. Den Auftakt geben The Holy Childhood (NYC) das Kollektiv-Projekt um Danny Leo (Native Nod) mit Ihrem Bluesindiepostemocorefolksoul. Dann scheppern The Gang (NYC) durch ihre wirren energetischen Songs und zu guter Letzt verwöhnen uns die Vague Angels (auch NYC) um den kongenialen Songschreiber Chris Leo (The Lapse, Van Pelt, Native Nod) mit Stücken Ihrer neuesten Scheibe. Ein Pflichttermin schon allein Herrn Leos wegen. Das wird ein großer Indie/Songwriter-Abend. Man sieht sich! (Continued)
Sonntag, Februar 4, 2007
Es ist - mal wieder - vollbracht: die 71. Ausgabe unserer innigst geliebten Präsentationsmappe ist fertig. Und bevor ich über Stress, Leid und Termindruck referiere, stelle ich lieber die in jeder Hinsicht mehr als gerechtfertigte These auf, dass wir mit diesem Heft ein in Brillanz, Relevanz und Meinungsförderung beispielloses Aktuelle-Popkultur-festhalt-Ding geschaffen haben, das zu besitzen es sich nicht nur lohnt, sondern absolute Pflicht ist. Neben Beiträgen zu u.a. Yo La Tengo, Aids Wolf, Goldrush, Naked Lunch, Green Concorde, Urlaub in Polen, Damien Rice und Balzac haben wir uns mit dem Thema GLAUBE auseinandergesetzt und geben mit unserem Labelspecial zu Morr Music einen exorbitanten Einblick in die Welt des Thomas M. aus B. (Continued)
Sonntag, Februar 4, 2007
Mysteriös ist manchmal das Leben! Normalerweise bin ich ja jemand, der ordentlich springt, wenn die Begriffskombination “Progressive” und “Metal” fällt – allerdings in höchsten möglichen Geschwindigkeit aus dem betreffenden Raum heraus. Mit den Tools dieser Welt kann man mich so richtig ärgern. Und dann kommen da zwei Typen daher und machen mir Freude – trotz der Tatsache, dass ihre Musik gerne mal mit oben genannten Begriffen beschrieben sowie allerlei komischen Referenzen (selbst das furchtbare Wort Rush ward schon vernommen) in Verbindung gebracht wird. Pah, ist mir aber egal: Beehoover sind großartig und das Fulltime-Debüt “The Sun Behind The Dustbin” geil. Basta. (Continued)