Wondratschek - 70er Rock-Poesie in Neuauflage

13527.jpgDer Literaturpapst Reich-Ranicki hat Wondratschek bereits in den 70ern als „beinahe schon einen Klassiker der jungen deutschen Lyrik“ geadelt. Was natürlich bedeutungslos ist, wenn man Päpste nicht kennt oder achtet. Für mich brannte sich „Früher begann der Tag mit einer Schußwunde“ durch einen anderen, nicht-literarischen Umstand in die Hirnwand. Das Buch hatte den letzten Freitagabend erst ermöglicht.

Wolf Wondratschek ist, und wenige werden ihn heute kennen, der literarisch-politische Sendemast der gelähmten politischen Linken der erstarrten 68er-Bewegung gewesen. Jetzt erschien sein erster Band “Früher begann der Tag mit einer Schußwunde” und der zweite Band “Ein Bauer zeugt mit einer Bäuerin einen Bauernjungen, der unbedingt Knecht werden will” in der vorliegenden Neuauflage. Was den Literaturpapst dazu bewog Wondratschek dermaßen zu ehren, war die, anders kann man es in Wondratscheks Worten nicht sagen, fetzige und trotzdem intelligente Sprache seiner Lyrik wie Prosa. Seine Prosa liest wie wenn Uwe Johnson in “Jahrestage” Zeitungsartikel samt Erzählung zu einem Ganzen knüpft. Bloß, der Autor verzichtet auf Handlung. Es ist ein literarisch-assoziatives Suggestions-Panoptikum. Er deutet nicht, er bietet an, was er sieht und fühlt. Auf Schönheit folgt Sterben, auf Werbung Verfall, auf Liebe noch mehr Liebe und ein neues Auto. Denn die Welt ist voller Widersprüche und Wondratschek ist ein Spiegel. Es ist als sähen wir Fernsehen und notierten Schlagzeilen.

„Einer fragt einen: Was halten sie von Franco? Einer antwortet einem: In den Ferien interessiere ich mich nicht für Politik! Das ist praktisch. Eine Krawatte für jeden Besuch.”

An dieser Stelle wurde ich an der Bar zurückgelassen. Ich überlegte, was zu tun sei. Heim oder nicht. Nua, so richtig gehen wollte ich um neun Uhr abends nicht. Ich kramte ein lokales Magazin hervor, langweilte mich, schließlich erinnerte ich mich des Buches. Ich las es aus. Trotz des Lärms, für viele unverständlich wie so was funktioniert, trotz der guten Musik, denn man wippt mit, und vielleicht auch der hübschen Barkeeperin, und Alkohol, dachte ich, ich würde vor Glück zerspringen. Natürlich ist es lächerlich. Warum liest man zu Hause nicht oder in der Bibliothek? Es is doch Lidderadur! Ja, richtig. Man muss es kennen, oder mögen. Manchmal, da ist es als wenn du erst durch die Verlangsamung der Sprache die Leute richtig siehst. Und das freut, besonders mich, besonders betrunken.

Wondratschek nun, dem könnte man, ist man proustsche oder jedenfalls an-die-Hand-nehmende Prosa gewohnt, mit Kopfschütteln begegnen. Für viele wirkt jenes Werfen von Eindrücken zusammenhanglos. Allet wünscht sich eenen Kehlmann, der Seite auf Seite auf Seite auf Seite auf Seite lallt. Das ist schön und es funktioniert. Nur ist Literatur vielfältiger, weil Sprache und ihr Schöpfer, der Mensch es sind. Denn ähnlich Koeppen oder Johnson, muss ich mich auf den Gesamtkontext, auf die Satzbildung, die Unterbrechungen, die Kolorierung der Gefühle und schließlich Ausdrucksmittel eines Prosa-Musikers einlassen, und nicht hemingwaysche Geschmeidigkeit oder aristotelische Spannungskurven, die mich durch das Wortdickicht führen. Hier erst entwickelt der Text seine Musikalität. Hier ist der Leser und nicht nur Autor gefragt. „Früher begann der Tag mit einer Schußwunde” ist folglich ein buntes, abwechslungsreiches Werk, das Mühe kosten kann - aber erfrischt.

„In der Straßenbahn erklärt ein Herr einer Dame einen roten Blumenstrauß. In einem Hauseingang hilft ein Schüler einer Schülerin. Ein Franzose setzt alles auf eine Karte. Eine Laufmasche genügt. Sie schauen sich in die Augen. Sie kennt das Spiel. Sie trägt Kniestrümpfe”

Wondratschek könnte man trotzdem die sperrige Form ankreiden. Denn so schön Assoziationen und Experimente sind, so schnell nutzen sie sich für einen Leser ab, wenn den bloßen Eindrücken und Folgerungen keine Handlung, keine inhaltlicher Kurve folgt. Aber anders als Koeppen oder Johnson, ist es Wondratscheks Absicht nicht gewesen, den Leser in eine mitreißende Erzählung einzuführen. Er will auf die Missstände, die Absurdität, die genannten Widersprüche hinweisen. Das Mitreißende erschließt sich mit den Assoziationen des Lesers. Das gelingt ihm auch mit filigraner Leichtigkeit. Das andere, das Halten des Lesers durch ein ganzes Buch, das gelingt ihm nicht. Denn gleich wie hübsch und interessant seine Werkzeuge sind, musste ich in der Mitte und zum Ende der Lektüre, mit der Zusammenhanglosigkeit der Absätze kämpfen. Ich überlas Passagen, ich las sie ein zweites; ich strich ganze Absätze, nur um festzustellen, dass es nichts ausmacht, weil die Absätze wie Kapitel auch für sich stehen.

Als ich schließlich ging, fühlte ich bei jedem Schritt nicht nur Alkohol, ich sah einen Mann so langsam wie Schnee fällt samt Hund auf die Gleise fallen. Ich erschrak so fest, dass ich ernüchterte. Eine Straßenbahn kam, trotzdem ich den Schnee aus heutiger Sicht vielleicht fehlinterpretierte. Ich rief dem Altes etwas, er war sichtlich betrunken. Er lallte und fluchte. Er rutschte wiederholt aus. Ich fragte mich, ob das alles seine Richtigkeit hätte. Da jedoch niemand weiteres zu sehen war, trottete ich zu ihm, half ihm auf die andere Straßenseite, setzte ihn an eine schmutzige Mauer und ging. Er sagte „Verdammte Scheiße, verdammt” und mir fiel nichts weiter ein.

Der Autor mag also eine schöne Abwechslung sein, ein fulminanter Prosaist ist er nicht.

Rafael Wawer

13527.jpgWolf Wondratschek, Früher begann der Tag mit einer Schußwunde, dtv, Jan. 2007, 144 S., 8,50 €

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