Chronik eines angekündigten Todes - Das Ende von Blumfeld
Blumfeld gibt es nicht mehr – diese letzten Konzertsymbole zählen ja nicht wirklich. Jochen Distelmeyer verdient Respekt. Respekt für eine logische Konsequenz, die sich aus der letzten Veröffentlichung „Verbotene Früchte“ zwingend ergibt, die zu ziehen aber nicht wenige Künstler schlicht zu feige sind. Weil sie verbunden ist mit etwas, was man in der freien Wirtschaft gerne mal als „kommerziellen Selbstmord“ bezeichnet. Die Aufgabe eines gesicherten Markenzeichens – für jeden sauber kalkulierenden Businesstypen schier undenkbar. Und damit das letzte noch verbleibende Statement einer Band, die sich im direkten Vergleich immer auf der anderen Seite gesehen hat.
“Ein Kreis schließt sich”, hat Jochen Distelmeyer auf der Band-Homepage vermerkt. Und es ist auch ein Kreis, der sich für uns als PNG-Mitstreiter schließt. Zu einem Abend an der Bar, ein paar Tage oder Stunden, nachdem “Verbotene Früchte” in die Stadt kam. Zu einer höchst kontroversen Diskussion, schwankend zwischen totaler Ablehnung und einem leisen Respekt für eine ebenso konsequente wie eindeutige Aussage. Eine Diskussion, die letztlich in einer Erkenntnis gipfelte: Jetzt kann eigentlich nichts mehr kommen. Diese Platte markiert das unwiderrufliche Ende des Projektes Blumfeld. Die bittere Erkenntnis, mit den Mitteln und Möglichkeiten einer Band und damit der musikalisch ausgerichteten Popkultur eigentlich nichts von dem verändern oder gar verbessern zu können, was einem wirklich am Herzen liegt. Ganz egal, ob wir hier von der Musik oder den Texten sprechen. Blumfeld haben wirklich alles ausprobiert – einschließlich kompromisslosester Paradigmenwechsel wie beispielsweise dereinst mit “Old Nobody”.
„Verbotene Früchte“ war deshalb in erster Linie ein ausgesprochen melancholische Platte. Eine Platte, die sich eben um das Prinzip Scheitern dreht – da bin ich inzwischen sogar der Meinung, dass es sogar bewusst kalkuliert wurde, dass sie rein musikalisch so überhaupt nicht funktioniert. Denn eigentlich weiß nicht nur ich, wie gut Jochen Distelmeyer diese Sache kann mit dem Songwriting in einer Tradition, die geschmückt ist von ehrfurchtsvoll auszusprechenden Namen wie Prefab Sprout. Und viel zu offensiv und offensichtlich funktionierte davon so überhaupt nichts in dieser Musik. Ein Zufall? Wäre mir viel zu einfach.
Die Reaktionen auf die am 22. Januar bekannt gegebene Bandauflösung dürften Blumfeld bestärkt haben. Der Pressespiegel dazu (freundlicherweise gebündelt von der Band-Community und dort unbedingt nachzulesen) macht das Scheitern des gesamten intellektuellen und politischen Ansatzes von Distelmeyer und Co. noch einmal nachhaltig deutlich. Da wird eine Menge geschwafelt und bei den Texten darüber verhandelt, dass sich hier einer zwischen Kafka und Pennäler-Lyrik (”Die Welt”) bewegen würde. Und wenn man sich dann auch noch vorwerfen lassen muss, mit alten Pubertätsängsten hausieren zu gehen (ebenda), hat man gerne mal die Schnauze voll. Alles umsonst. Alles. Angefangen von “Ich-Maschine” (die derart an den Kollegen der schreibenden Zunft vorbei gegangen ist, dass man gerne mal übergreifend von “ruhiger Musik” spricht wie bei FAZ.net geschehen) über “L’Etat Et Moi”, den ergreifend konsequenten Einschnitt “Old Nobody”, dem Platitüden-Overkill „Testament der Angst“ und dem folgenden beeindruckenden Sich-Selbst-Wieder-Rausziehen “Jenseits von Jedem”. Alles vergessen und vorbei; geradeso als habe man diese Platten nie gemacht. Die Namen einfach nur rauskopiert aus der Diskografie im Internet. Vom Winde verweht, nie gehört und nie gelesen. Was muss dies deprimierend sein. Irgendwann hilft dann auch die Erkenntnis nichts mehr, dass es da draußen durchaus viele Menschen gibt, für die diese Namen nicht einfach nur ein paar Worte sind. Die bereit und in der Lage sind, über diese Namen und die vielen Inhalte und Aussagen, die in diesen Namen und Platten drin stecken, lange, intensiv nachzudenken. Zu diskutieren.
Vielleicht hat es dieses letzte Statement in Form von “Verbotene Früchte” wirklich auch gebraucht, um einen stimmigen Schlussstrich unter das Thema “Blumfeld” zu ziehen. Den Antrieb, schon eher mal die Flinte ins Korn zu werfen, gab’s sicherlich schon eher mal. Zum Beispiel, als dieser furchtbare Deutschrock-Arsch Kunze sich ausgerechnet Jochen Distelmeyer aussuchte, um seine scheußlichen Nationalstolzarien mit Rechtfertigung auszustatten. Die Wehrlosigkeit, gegen solch einen widersinnigen Missbrauch nichts machen zu können – trotz aller eindeutiger Statements, die Nationalismus in jeglicher Form und Ausartung immer wieder die Tür wiesen. Und dann im Nachgang auch noch die Arschlochkarte, die von dummen Typen und Medien an Blumfeld ausgeteilt wurde nach dem Motto: “Warum sagt ihr dazu nichts?” Vielleicht, weil man nicht jeden Depp und Dummkopf für jedes einzelne beschissene Statement, das sich eigentlich von ganz allein disqualifiziert, mit Beachtung auch noch ein Podium schenken darf? Mann, mal ehrlich, schon damals hätte ich persönlich ganz intensiv darüber nachgedacht, den ganzen Scheiß Scheiß sein zu lassen.
Blumfeld gibt’s nicht mehr. Leider, sage ich – weil es viele Momente gegeben hat, die ich bis auf den heutigen Tage höchst schätze. Gut so, sage ich auch – weil es nach “Verbotene Früchte” eben nicht weitergehen konnte. Und weil dieser Tod den Platz für einen Neuanfang bietet. Für den ich alles gut wünsche und vor allem, dass der übermächtige Schatten von Blumfeld diesen Neuanfang nicht von vornherein zunichte macht. Ein paar letzte Zuckungen darf man noch erleben. Die Anthologie “Ein Lied mehr” beispielsweise als Nachhilfeunterricht für all jene, die so furchtbar kenntnisfrei zum Thema daherlabern. Und die Tour im Frühjahr mit den beiden letzten Blumfeld-Konzerten am 24. und 25. Mai in Hamburg. Machts gut, Jungs. (Foto: Stoptrick)
p.m. wrote:
Danke Jensor, für diese klugen Sätze und die längst überfälligen Arschtritte in Richtung ignorante Schreiberfuzzies und Deutschmacher a la Kunze&Co. Das Beste, was ich seit langem zum Thema gelesen habe.
Posted on 05-Feb-07 at 3:12 pm | Permalink
oli wrote:
Ein hervorragender Text. Alles wahr. Schade um Blumfeld, die mich beeindruckten und inspirierten. Dank Denis, der mir dereinst L’Etat Et Moi ans Herz legte und damit meine ganz persönliche musikalische Revolution entfachte.
Posted on 07-Feb-07 at 2:54 am | Permalink
Oliver Feiler » Blumfeld. (K)ein Lied mehr. wrote:
[…] Anschließend verabschieden sich Blumfeld in dritten Zugabe (nach langen Ovationen) mit “Aril” und “Die Welt ist schön” von der Frankfurter Bühne. Alles in allem ein grandioses Konzert, von und mit einem gleichermaßen bewegten Publikum und Blumfeld. Apropos: Jensor schrieb in der PnG unter dem Titel “Chronik eines angekündigten Todes” einen fantastischen Artikel zum Ende vom Blumfeld, der unbedingt gelesen werden muss! Mainset: Intro; Draußen auf Kaution; Mein System kennt keine Grenzen; 2 oder 3 Dinge, die ich von dir weiß; Weil es Liebe ist; Ich – wie es wirklich war; Tics; Der Apfelmann; Wir sind frei; Eintragung ins Nichts; In der Wirklichkeit; Armer Irrer; Der Sturm; Sonntag; Die Diktatur der Angepassten; So lebe ich. Zugaben #1: Tausend Tränen tief/Take a bow; Viel zu früh und immer wieder, Liebeslieder; Penismonolog/How soon is now; Zeittotschläger; Graue Wolken; Kommst Du mit in den Alltag Zugaben #2: Verstärker/Electric guitars/Everytime we say goodbye Zugaben #3: April; Die Welt ist schön […]
Posted on 21-Apr-07 at 2:19 pm | Permalink